Teamleiterin Liebetraut Paprotta setzt einer Patientin die Haube auf. Über dem blauen Kühlmodul ist noch eine Isolierung. Foto: Ines Rudel

Besonders Frauen fühlen sich stigmatisiert, wenn sie nach einer Chemotherapie die Haare verlieren. Das Klinikum hat nun ein Gerät getestet und angeschafft, dass in 50 Prozent aller Fälle den Verlust der Haare verhindert.

Esslingen - Auch Irina Müller (Name von der Redaktion geändert) will einfach mal auf den Markt gehen und einkaufen, ohne angestarrt zu werden und mit jemandem über ihren Brustkrebs reden zu müssen. Sie will auch nicht ihrem dreijährigen Söhnchen erklären müssen, was mit der Mama passiert ist, weil er fragen würde, wo ihre Haare seien.

Irina Müller streicht sich durch ihre langen dunkelblonden Strähnen. Dass sie das noch kann nach der Chemotherapie, ist der Verdienst eines neuen Gerätes, das es jetzt im Esslinger Krankenhaus gibt.

Die Kühlung verhindert, dass die Chemotherapie

Krebs wird durch unkontrollierte Zellteilung ausgelöst. In der Chemotherapie werden Medikamente gegeben, die eine Zellteilung verhindern. Dadurch werden alle Wachstumsprozesse im Körper gestoppt, unter anderem auch der Haarwuchs. Was letztlich bedeutet, dass den Patienten die Haare ausfallen. „Besonders für Frauen eine so schauerliche Vorstellung, dass manche sogar auf die Chemotherapie verzichten, obwohl das ihre Überlebenschance verringert“, sagt Thorsten Kühn, der Chef der Gynäkologie am Esslinger Klinikum. Er hatte 2016 in den USA eine Studie entdeckt, die nachwies, dass mit einem Kühlgerät für die Kopfhaut etwa 50 Prozent der Patienten ihre Haare behalten.

Die Wirkungsweise ist ganz simpel. Die Patientinnen setzen sich eine blaue Kappe auf den Kopf, die von Kühlwasser durchströmt wird. Die Kopfhaut wird auf 16 Grad abgekühlt, dadurch verengen sich die Blutgefäße, und die Blutzirkulation verringert sich auf ein Minimum. Da die Medikamente der Chemotherapie über das Blut transportiert werden, gelangt nur noch ganz wenig von ihnen an die Haarwurzeln, und die Haare bleiben erhalten. Weil die Konzentration der Chemotherapie kurz nach der Infusion im Körper am Höchsten ist, wird die Kopfhaut direkt nach der Infusion gekühlt, etwa fünf bis sechs Stunden lang. Das sei nicht gerade angenehm, berichtet Irina Müller, aber die Schwestern der Esslinger Frauenklinik würden sich liebevoll um die Patientinnen kümmern. Sie verabreichen warme Getränke und packen die Frauen gut in Decken ein.

Therapie soll es auch mal für Männer geben

Dass das Klinikum dieses Gerät hat, ist dem Förderverein Proklinikum zu verdanken. Er hat es für 30 000 Euro angeschafft, und bezuschusst auch die Patientinnen, sodass für sie nur noch ein Eigenanteil von 50 Euro pro Sitzung übrig bleibt. Bei 16 Behandlungen sind das zwar trotzdem noch 800 Euro, aber Irina Müller berichtet, dass der Eigenanteil an einer Perücke auch ein paar hundert Euro betrage. Das ist trotzdem eine Menge Geld, das weiß auch Thorsten Kühn. Aber er sagt, dass Krebspatienten in der Regel viel größere Summen ausgeben würden für Mittel, die die Therapie flankierten und deren Wirksamkeit nicht gesichert sei. Nach einem Testlauf im Oktober des vergangenen Jahres, bei dem gute Ergebnisse erzielt wurden, hat sich Thorsten Kühn entschlossen, den Förderverein um die Anschaffung des Geräts zu bitten. Wenn das Klinikum weitere Erfahrungen damit gesammelt hat, soll es eine solche Therapie auch für Männer geben.

Irina Müller jedenfalls ist glücklich darüber, dass es diese Behandlungsmethode in Esslingen gibt. Wenn sie heute auf den Markt geht, kann es zwar noch immer vorkommen, dass sie angestarrt wird, aber dann vermutlich wegen ihrer langen, dunkelblonden Haare.

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