Matthias Ziegler ist Geschäftsführer des Klinikums Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

2024 hat sich am Esslinger Krankenhaus vieles bewegt. Fachkräftemangel, Finanzierung, Krankenhausreform und ein Masterplan für die bauliche Zukunft haben die Verantwortlichen gefordert. Für 2025 ist Geschäftsführer Matthias Ziegler zuversichtlich.

Das Klinikum Esslingen erlebt herausfordernde Zeiten: Der medizinische Fortschritt ist rasant, ein Masterplan Bau sieht die Erneuerung aller wesentlichen Gebäudestrukturen vor, die Klinikfinanzierung ist eine Herkulesaufgabe, die Krankenhausreform birgt noch viele Fragezeichen, und die Gewinnung von Fachpersonal bleibt eine große Aufgabe. Die wesentlichen Fäden laufen bei Geschäftsführer Matthias Ziegler zusammen. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht er Bilanz und blickt auf 2025 voraus.

 

Sie hatten 2024 viel zu bewältigen: Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Eine gute und hoch qualifizierte Patientenversorgung ist unser Fundament. Wir haben jedes Jahr mehr als 100 000 ambulante und mehr als 20 000 stationäre Patienten. 80 Prozent aller Befragten haben nach einer Behandlung bei uns erklärt, dass sie uns ihren Angehörigen und ihren besten Freunden weiterempfehlen würden. Das ist die Basis, auf der wir alle arbeiten. Viele Herausforderungen, mit denen wir derzeit konfrontiert werden, betreffen alle Kliniken mehr oder minder. Wichtig ist, dass man sich nicht verrückt machen lässt und dass man sich auf den Versorgungsauftrag konzentriert. Das gelingt uns mit unseren tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hervorragend.

Wo sehen Sie derzeit die größte Herausforderung für das Klinikum Esslingen?

Wir leiden im Alltag am meisten unter dem Fachkräftemangel in der Pflege. Das würden wohl auch die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen. 2024 haben wir viel dafür getan, um Fachpersonal zu gewinnen. Es gab Erfolge, wir hatten jedoch gehofft, schneller voranzukommen. Mehr Pflegekräfte bedeuten Entlastung für diejenigen, die schon im Team sind, aber auch mehr Betten, die belegt werden könnten. Und mehr Patienten hätten wiederum positive Effekte auf unsere Wirtschaftlichkeit.

Wenn Personal fehlt, fällt es schwer, die Auslastung zu verbessern . . .

Ja. Es gibt aber auch erfreuliche Entwicklungen. Ein Beispiel ist die neonatologische Intensivstation, ein spezieller Bereich für die Allerkleinsten unter 1250 Gramm Geburtsgewicht. Der Gesetzgeber hat die Anforderungen für das Level eins der höchsten Versorgung so erhöht, dass jährlich statt 14 mindestens 25 dieser sehr früh Geborenen behandelt werden müssen. Wir hatten die neuen Mindestmengen bereits im September übertroffen. Dieser Zuwachs war dem Team vor allem durch bessere Personalbesetzung möglich.

Weshalb ist es so schwierig, Fachpersonal für die Pflege zu gewinnen?

Die Pflege ist ein äußerst anspruchsvolles und sehr attraktives Berufsfeld. Vielleicht hat man in den letzten Jahren zu wenig auf die positiven Seiten dieses Berufes hingewiesen – ob das der direkte Patientenkontakt ist oder die Gewissheit, eine sinnvolle und erfüllende Tätigkeit in der Gesellschaft auszuüben. Die Bezahlung hat sich im Vergleich zu anderen Branchen in den letzten Jahren weit überdurchschnittlich entwickelt, es gibt viele Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung, das Spektrum der Aufgaben ist einzigartig. Gleichzeitig leben wir im Großraum Stuttgart in einer Region mit vielen Krankenhäusern, die alle viele Pflegekräfte brauchen. Dafür ist das Angebot an Personal derzeit zu gering. Der Wettbewerb ist groß, und jeder Mitarbeitende schaut, wo er die attraktivsten Möglichkeiten findet.

Was macht Hoffnung?

Wir haben gute Chancen, unsere Situation jetzt nachhaltig zu verbessern. Unsere Stärke am Klinikum Esslingen ist neben der hohen medizinischen Expertise eine sehr gute Arbeitsatmosphäre, die von vielen Kolleginnen und Kollegen geschätzt wird. Und wir nehmen an unserer Schule wahr, dass wieder mehr junge Leute die krisensichere Ausbildung zur Pflegefachkraft wählen. Kein qualifizierter Mitarbeiter, egal in welcher Berufsgruppe im Krankenhaus, muss sich um seinen Arbeitsplatz sorgen.

Die Krankenhausreform soll Verbesserungen bringen, sorgt aber bei manchen auch für eine gewisse Verunsicherung. Was erwarten Sie?

Grundsätzlich finde ich es richtig, wenn man komplexe Leistungen an größeren Einrichtungen konzentriert, die die fachlichen, personellen und apparativen Voraussetzungen für eine optimale Behandlung bieten. Aufgrund unserer Größe und Voraussetzungen glaube ich, dass es insgesamt keine gravierenden Veränderungen für uns geben wird. Wir erfüllen für unsere Behandlungen, die wir erbringen, alle derzeit bekannten Strukturvoraussetzungen und Mindestmengenregelungen. Das bestätigen auch die Überprüfungen des medizinischen Dienstes, bei denen es auch 2024 keinerlei Beanstandungen gab. Trotzdem bleibt eine gewisse Unsicherheit, bis die Zuteilung der Leistungsgruppen in trockenen Tüchern ist. Positiv ist auf jeden Fall, dass es mit dem Transformationsfonds, der mit der Krankenhausreform kommt, signifikant mehr Mittel für Krankenhausinvestitionen und Baumaßnahmen geben wird. Das kommt zur richtigen Zeit und kann uns helfen, wenn wir in diesem Jahr den Bauantrag für unser neues Haus zwei im Sozialministerium einreichen werden. Da hoffen wir auf höhere Förderquoten als bisher. Ob die Krankenhausreform wirklich hilft, den bürokratischen Aufwand in den Kliniken zu reduzieren, wird man sehen.

Mit dem Masterplan Bau haben Sie sich viel vorgenommen. Wie geht es voran?

Bisher sind wir sehr zufrieden. Mit dem vierstöckigen Modul-Gebäude haben wir die nötigen Ausweichflächen geschaffen, um einen Teil der bestehenden Gebäude nach und nach durch Neubauten zu ersetzen. Wir schaffen derzeit dafür die notwendige Infrastruktur, indem wir auf unserem Gelände die Versorgungsleitungen für alle künftigen Gebäudeteile in einer Ringtrasse verlegen. Das Haus zwei soll nächstes Jahr verschwinden. Unsere Planungen sehen vor, dass wir den Neubau 2028 in Betrieb nehmen wollen.

Nach einem Masterplan soll sich das Klinikum Esslingen in den kommenden 15 Jahren baulich neu aufstellen. Foto: HWP Planungsgesellschaft mbH

Blicken Sie trotz aller Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen zuversichtlich auf das neue Jahr?

Ich glaube, dass es gute Gründe gibt, zuversichtlich zu sein. Wir haben auch im vergangenen Jahr viel bewegt bekommen, und wir verfügen im Klinikum Esslingen in finanziell schwierigen Zeiten über das wichtigste Fundament für eine gute Arbeit. Das ist die uneingeschränkte Unterstützung durch unseren Träger, die sich vom Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden über den Ersten Bürgermeister, den Aufsichtsrat und den Gemeinderat durch alle Gremien zieht. Wir haben vorzügliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und haben uns 2024 wieder gut weiterentwickelt. Das Thema Digitalisierung, das wir in den letzten Jahren intensiv vorangetrieben haben, eröffnet uns nun neue Möglichkeiten, unsere Arbeitsprozesse weiter zu optimieren. In Kombination mit der elektronischen Patientenakte, die im nächsten Jahr für alle im Gesundheitswesen kommen wird, entstehen für die Ärztinnen und Ärzte darüber hinaus auch Möglichkeiten für weitere Verbesserungen in der Patientenbehandlung. Das alles sind spannende Entwicklungen, die wir für unsere Patientinnen und Patienten mitgestalten wollen.

Das Klinikum Esslingen im Kurzporträt

Das Klinikum
 Als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen ist das Klinikum Esslingen ein modernes Krankenhaus der Zentralversorgung. Träger ist die Stadt Esslingen. Erklärter Anspruch ist, Leistungen auf dem Niveau der Maximalversorgung zu bieten. Jährlich werden mehr als 20 000 Patienten stationär, mehr als 100 000 ambulant versorgt. Dafür gibt es 677 Betten und teilstationäre Plätze in zahlreichen medizinischen Fachbereichen. Das Klinik-Team zählt nahezu 2000 Fachkräfte.

Der Chef
 Seit 2020 leitet Matthias Ziegler als Geschäftsführer das Klinikum Esslingen. Davor war der 60-Jährige Regionaldirektor der RKH Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim gGmbH. Matthias Ziegler ist gelernter Krankenpfleger und hat Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Gesundheitsmanagement studiert.

Der Masterplan
Das Klinikum Esslingen verfügt über zehn miteinander verbundene Gebäude – der größte Teil der Bausubstanz ist mehr als 50 Jahre alt und sanierungsbedürftig. Deshalb wurde 2021 ein „Masterplan Bau“ aufgelegt, der innerhalb der nächsten 15 Jahre den Neubau aller wesentlichen Klinikfunktionen und eine Sanierung der noch verbleibenden Gebäude in mehreren Bauabschnitten vorsieht.