Lukas Marino war 14, als er zum Islam konvertiert ist, Jakob war erst 13. Informiert haben sie sich über die Religion im Internet. Sie gehören zu den vielen Minderjährigen, die darin Halt finden, ohne islamistischen Seelenfängern ins Netz zu gehen.
Wenn andere Zehntklässler der Esslinger Schule Innenstadt sich in der Mittagspause einen Döner holen und bei Tiktok-Videos entspannen, geht Lukas Marino beten. Die Moschee ist gleich um die Ecke. Es ist Zeit für Dhuhr, das zweite Gebet an diesem Tag, denn die Sonne hat nach der sechsten Schulstunde den Zenit bereits überschritten. Die arabischen Worte kommen dem 16-Jährigen leicht über die Lippen. Er hat sie zuhause mit einem Lernvideo einstudiert.
Lukas ist Muslim. Vorher war er auf dem Papier Katholik, so wie seine Eltern. Konvertiert ist er mit 14 Jahren. „Das ging ganz easy“, sagt er. „Ich habe in meinem Zimmer gesessen und mir innerlich klar gemacht, dass es keine andere Gottheit gibt außer Allah. Und dass Muhammad sein Gesandter ist.“ Empfohlen werde zwar, dieses Glaubensbekenntnis vor Zeugen zu sprechen. Das sei aber nicht unbedingt zwingend. Das sagen nicht nur Youtuber, das sagen auch die islamischen Theologen.
Jugendliche finden bei der Sinnsuche heute alle Antworten im Netz
Konversionen zum Islam sind kein neues Phänomen in Deutschland. Neu ist aber offenbar, dass die Konvertiten immer jünger werden und nicht über eine Gemeinde, sondern auf eigene Faust zum Glauben finden. „Der Zugang zum Islam hat sich verschoben“, sagt Rauf Ceylan, Religionssoziologe an der Universität Osnabrück. Früher war die Suche nach Antworten bei Krisen oder Sinnfragen mühsamer und willkürlicher. „Da entschied dann die zufällige Begegnung, ob man bei den Zeugen Jehovas landet, mit der Freundin zum Bibelkreis geht oder in die Moschee.“ Heute finden junge Menschen alle Antworten im Netz, schön anschaulich in Jugendsprache, aufgezeichnet von Gleichaltrigen. Und die KI sorgt dafür, dass weitere Inhalte zum Thema in ihrem Feed landen.
Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen in jungen Jahren nach einer göttlichen Instanz sehnen. Bei Lukas war es die Suche nach einer höheren Wahrheit, wie er sagt. „Weil sich das Leben ohne diese sinnlos anfühlt.“ Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass er früh mit dem Tod in Berührung kam, als enge Verwandte verstarben. Während der Corona-Zeit wuchs das Bedürfnis nach einer Zuflucht. „Ich wusste nicht, wohin mit mir, hatte dann auch falsche Freunde, war aggressiv, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich war ziemlich verzweifelt.“ Alkohol konnte die innere Leere nicht füllen. Lukas sah nur noch einen Ausweg. Er wollte zu Gott. Aber zu welchem?
Pro- und Contralisten bei der Religionssuche
Auch Lukas griff zum Handy, um sich zu informieren. Zur Auswahl standen das Christentum und der Islam. Er machte Pro- und Contra-Listen, las viel im Neuen Testament. „Anfangs neigte ich zum Christentum“, erzählt er. Auch weil die Oma eine sehr gläubige Katholikin ist. Aber ihn verwirrte das mit der Dreifaltigkeit und die Vorstellung, dass Jesus Gott und Mensch zugleich ist. „Für Muslime war er ein Prophet. Und so steht es ja auch in der Bibel.“ Abgesehen davon beeindruckt Lukas, dass der Koran im Vergleich zur Bibel seit seiner Entstehung unverändert geblieben ist. „Der Islam ist für mich viel logischer, viel klarer“, sagt er. Und so wurde er eben Muslim.
Seither betet er fünf Mal am Tag, geht freitags in die Moschee, mal in Esslingen, mal in Stuttgart, ohne sich dort je vorgestellt zu haben. Er verzichtet auf Alkohol und Schweinefleisch, geht Konflikten aus dem Weg, vermeidet Flirts mit Mädchen. Herablassende Kommentare von einem islamophoben Lehrer an seiner Schule nimmt er in Kauf. Denn auf der anderen Seite der Bilanz stehen Wesensveränderungen, die ihm das Leben erleichtern. „Ich weiß jetzt jeden Morgen, warum ich aufstehe und was zu tun ist“, sagt Lukas. „Ich kann mich auch besser auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Da ist ganz viel Frieden in meinem Herzen. Den finde ich in nichts anderem.“ Auch seine Freunde haben bemerkt, dass er sich verändert habe. „Selbst beim Zocken rastet Lukas nicht mehr aus“, sagen sie.
Die Eltern waren anfangs nicht glücklich über die Entscheidung ihres Sohnes. „Sie haben eigentlich nichts gegen Muslime“, erklärt Lukas. „Aber beim eigenen Sohn ist da sofort die Sorge, er könnte abdriften und Terrorist werden.“ Nach einer Weile haben sich ihre Bedenken jedoch gelegt – „vielleicht auch, weil ich weniger Stress mit nach Hause bringe“. Beim letzten Ramadan haben sie ihn sogar unterstützt. „Mein Vater hat mir Nussriegel und solche Dinge gekauft. Damit ich besser durchhalte.“
Lange Gespräche mit Leuten vom Verfassungsschutz
So harmonisch wie bei Lukas läuft die Konversion nicht immer ab. Ein Bekannter von ihm, Jakob, der in Wirklichkeit anders heißt, betet zuhause hinter verschlossenen Türen. Besucht der 15-Jährige freitags die Moschee, sagt er zu seinen Eltern nur: „Ich gehe nach Stuttgart.“ Ähnlich wie Lukas war auch er mit 13 Jahren auf Sinnsuche, fand im Netz überzeugende Antworten und konvertierte dann im stillen Kämmerlein. Mit seinen Eltern könne er über seinen Glauben nicht reden, sagt er. Er wisse, dass der Islam mit ihrer Identität nicht vereinbar sei und sie ihn gerne in ihrer Tradition verwurzelt sehen würden. Seine Eltern seien sogar schon mal zur Polizei gegangen, weil sie befürchtet hatten, er verkehre in extremistischen Kreisen. „Ich hatte lange Gespräche mit Leuten vom Verfassungsschutz.“
Wenn Menschen zum Islam konvertieren, löst das hierzulande immer noch bei vielen Unbehagen aus. Da sei diese latente Angst, dass der Islam in Deutschland irgendwann die christlichen Religionen ablösen könnte, beobachtet Rauf Ceylan. Dabei wendeten sich ähnlich viele Muslime, die mit der Religion geboren und aufgewachsen sind, dann als junge Erwachsene vom Islam ab. „Es sind die organisierten Religionen, die an Einfluss und Glaubwürdigkeit verlieren,“ stellt Ceylan fest. Den muslimischen Gemeinden gehe es da nicht anders als den christlichen. „Heute nimmt man sich aus der Angebotspalette der Religionen, was einem gut tut.“
Noch größer wird das Unbehagen, wenn die Konvertiten minderjährig sind. Auch weil immer wieder islamistische Einzeltäter im Teenageralter Schlagzeilen machen. Zuletzt geriet ein 16-Jähriger aus Ostfildern in Verdacht, mit drei Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen im Namen des Islamischen Staats Anschläge geplant zu haben. Auch in der Schweiz wurden im Frühjahr zwei Teenager wegen Terrorverdachts verhaftet.
Der Freiburger Islamismusexperte Karim Saleh, der einige Biografien radikalisierter Jugendlicher kennt, warnt vor dem Einfluss von Propaganda-Videos, die unzensiert in den sozialen Medien landen. „Sucht man auf Tiktok etwas zum Islam, tauchen als erstes Beiträge von Salafisten wie Pierre Vogel oder Amen Dali auf“, sagt er. „Sie geben simple Antworten auf alle möglichen Lebensfragen, teilen die Welt ein in Gut und Böse. Das zieht Jugendliche in der Suchphase natürlich an.“ In ihren Predigten versuchten sie teils subtil, einen Keil zwischen Muslime und Nicht-Muslime zu treiben. Saleh warnt vor folgenden Merkmalen: „Schwingt in den Aussagen Intoleranz gegenüber anderen Religionen mit oder gegenüber dem deutschen Staat, weiß man sich in islamistischen Kreisen.“
„Counter-Narrative“ waren erfolglos
Zeitweise haben Initiativen versucht, die Propaganda im Netz mit so genannten Counter-Narrativen – Gegenerzählungen mit aufklärendem Hintergrund – zu entlarven. Ohne Erfolg. „Gegen die simplen Botschaften zieht man mit der komplexen Realität immer den Kürzeren“, sagt Saleh. Was sich dagegen lohne, seien Workshops zu Medienkompetenz. Seit Jahren gehen er und das Team von der staatlich geförderten Fachstelle für Extremismusdistanzierung (FEX) damit an die Schulen, sensibilisieren Jugendliche und Lehrer für die Gefahren im Netz und für die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus. „Früher waren wir in den achten und neunten Klassen unterwegs, heute sind wir bei den Sechstklässlern.“ Bisher bieten allerdings nur Schulen Workshops an, wenn es akute Vorfälle gibt und das Budget dafür da ist. Saleh sagt, er halte in diesen Zeiten ein obligatorisches und flächendeckendes Angebot für unverzichtbar.
Allein durch das Anschauen von Tiktok-Videos wurde jedoch noch kein Jugendlicher zum Attentäter. „Wir sehen in den Biografien von radikalisierten Jugendlichen, dass in der Regel schwere persönliche Probleme vorausgehen – zerrüttete Familienverhältnisse, schulisches Versagen, Isolation“, sagt Saleh. „Gefährdet sind vor allem Jugendliche, die in diesen Kreisen nach Anerkennung suchen.“ Umso wichtiger sei es, dass Eltern ihre Kinder nicht verstoßen, wenn diese bei der Selbstfindung eigene Wege gehen.
Die meisten ihrer Freunde haben eine andere Konfession
Lukas und Jakob kennen die Predigerszene und ihre Videos gut. „Ich schau mir das schon mal an, das lässt sich gar nicht vermeiden. Aber immer, wenn es politisch wird, schalte ich innerlich ab und swipe weiter“, sagt Jakob. Auch Versuche, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu spalten, perlen an den Jungs ab. Die meisten ihrer Freunde haben eine andere Konfession. „Ihr habt eure Religion, ich habe meine. So ähnlich steht das auch im Koran“, sagt Lukas.
Die beiden jungen Männer lässt allerdings nicht kalt, dass Muslimen in Deutschland nicht selten Verachtung entgegen schlägt. Das wisse er nicht aus dem Netz, sondern aus eigener Erfahrung, sagt Lukas. „Ich habe mitbekommen, wie Frauen mit Kopftuch vor die Füße gespuckt wurde.“ Und er kenne Fälle, in denen Muslime bedroht wurden und Passanten dabei weg sahen. „Früher hätte mich das richtig aggressiv und wütend gemacht.“ Heute würde er einschreiten, ohne die Ruhe zu verlieren. Lukas zitiert einen Hadith: „Stark ist nicht, wer die anderen bezwingt. Stark ist, wer sich im Zorn selbst beherrscht.“