Wie viele Kunstschaffende fürchtet Florian Bayer, dass seine Arbeit durch KI ersetzt wird. Er hat ein Buch zu „Potenzialen der Illustration in Zeiten der KI“ veröffentlicht.
Durch künstliche Intelligenz (KI) generierte Bilder sind allgegenwärtig. Bei Fotografen, Illustratoren und Bildenden Künstlern geht die Angst um, Aufträge an die maschinelle Billigkonkurrenz zu verlieren, die innerhalb von Sekunden Fotos, Bilder und Zeichnungen schaffen kann. Wird die KI zum Job-Killer für Kreative? Der Esslinger Illustrator Florian Bayer, der preisgekrönte Porträts, Bild-Reportagen und -Geschichten für Zeitungen, Magazine und Bücher gestaltet, macht sich in einem kleinen Buch Gedanken über „Potenziale der Illustration in Zeiten der KI“. In der Einleitung schreibt Bayer, der als Professor im Bereich Visuelle Kommunikation an der Stuttgarter Merz Akademie lehrt: „Wir erleben einen Umbruch in der visuellen Kunst, wie es ihn nur selten gab.“
Seine Studierenden, so Florian Bayer, seien der KI gegenüber eher kritisch eingestellt. Im Unterricht sei das Interesse an traditionellen Lehrinhalten groß: „Ästhetik? Stil? Bild-Komposition? Welche Bildsprache wähle ich? Welche Aussage treffe ich? Was ist meine Botschaft? In unserer Summer-School mit internationalen Studierenden wurde ganz bewusst nur mit analogen Mitteln gearbeitet.“ In der Branche sei man sich aber darüber im Klaren, dass man sich mit KI auseinandersetzen müsse: „Um sich ein Urteil bilden zu können, muss man wissen, wie KI funktioniert, was KI kann und was nicht.“ Dabei sei die Entwicklung aber überaus dynamisch: „Was wir heute über KI sagen, kann morgen schon wieder veraltet sein“, weiß der 44-Jährige.
„Das Erwartbare ist nicht interessant“
Während viele Kreative mit dem Thema hadern, beleuchtet Florian Bayer unterschiedliche Seiten: Viele Künstler nützen schon jetzt KI-basierte Werkzeuge. Andererseits wird das Einkommen der Kunstschaffenden geschmälert, da KI-generierte Produkte den Kunstmarkt überfluten. „Die Masse der produzierten Bilder entwertet die Kunst“, sagt Bayer über seine Sorge um die Qualität: „KI-Bilder zielen auf Mittelmäßigkeit, die gängigste Lösung, den Massengeschmack. Das Erwartbare ist aber nicht interessant. Künstler dagegen bieten Unvorhersehbares, individuelle Lösungen, Originelles, eine eigene Ästhetik.“
Florian Bayer schließt sich den Forderungen nach einer stärkeren Regulierung an: Kunstwerke, die mit Hilfe von KI erstellt wurden, sollen verpflichtend als solche gekennzeichnet werden. Darüber hinaus verlangen Urheber, dass ihre Werke nur nach expliziter Zustimmung dazu verwendet werden dürfen, die komplexen KI-Modelle mit Daten zu füttern. „Wir trainieren Maschinen mit Werken der Menschen, die hinterher von diesen Maschinen ersetzt werden. Das ist moralisch total verwerflich“, betont Bayer. Juristische Fragen müssten ebenso dringend geklärt werden wie Fragen zum Klimaschutz: „KI-Anwendungen benötigen sehr große Datenmengen. Wir verschwenden Energieressourcen für riesige Server-Farmen, die das Netz mit albernen Bildern fluten.“
Mehr Zeit durch KI für Kreativität möglich
Dabei könne KI in der Illustration durchaus gewinnbringend eingesetzt werden: „Zum Experimentieren oder als schnelles Werkzeug, um eher langweilige Aufgaben wie das Ausmalen eines Hintergrunds zu übernehmen. Dann bleibt mehr Zeit für den kreativen Prozess“, weiß Florian Bayer. Aber KI könne – zumindest im Moment – menschliche Fähigkeiten nicht komplett ersetzen. Das werde ganz deutlich, wenn es etwa um gestalterische Aspekte wie Komposition, Farbgestaltung oder Bildwirkung geht, und wenn, so Bayer, „tiefe menschliche Erfahrung, Empathie und kontextuelle Intelligenz gefordert sind – Qualitäten, die KI-Systeme nicht replizieren können.“
Dazu zählt er den journalistischen Ansatz in der Illustration: „Vor Ort recherchieren, die Situation erfühlen und eine eigene Interpretation abliefern.“ Auch bei Arbeiten, bei denen es um komplexe Zusammenhänge, kritisches Hinterfragen, Doppelbödigkeit oder einen humorvollen Blick auf die Welt geht, sei KI dem Menschen unterlegen. Große Chancen für Illustratoren sieht Florian Bayer im persönlichen Dialog, wenn etwa ein Porträtzeichner in der Fußgängerzone oder eine Illustratorin bei einer Kinderbuchlesung den Entstehungsprozess einer Zeichnung live erlebbar machen.
Auch die unmittelbare Interaktion mit einem Kunstwerk kann eine KI nicht leisten: Eine Mitmach-Aktion in der Esslinger Villa Merkel aber schon, wo im Rahmen von „Schranke hoch! Blick in die Zukunft“ eine Zeichnung von Maren Profke ausdrücklich weitergemalt werden durfte. Und noch ein Plus des nicht-digitalen Kunstschaffens merkt Florian Bayer an: „Das analoge Unikat bietet eine Form der Differenzierung, die tief in unserer physischen Erfahrung der Welt verwurzelt ist. Deshalb werden die Menschen auch künftig extra nach Paris fahren, um die Mona Lisa anzuschauen.“ Zumindest für die nähere Zukunft ist Florian Bayer für seine Branche zuversichtlich: „Die unmittelbare Verbindung zwischen Hand, Auge, Herz und Geist, dieser Moment der Entscheidung auf dem weißen Blatt bleibt der Kern dessen, was Illustration und Zeichnen ausmacht.“
Lassen sich KI-generierte Bilder erkennen?
Perfektion
Einfachere KI-generierte Bilder sind häufig „allzu perfekt, hyper-scharf und von einer oberflächlichen Ästhetik“, beobachtet Florian Bayer, Professor für Visuelle Kommunikation an der Stuttgarter Merz Akademie. „Bildschöne Frauen und muskelbepackte Männer: Die Verzerrung der Körperwahrnehmung in unserer Optimierungsgesellschaft ist ein Thema, das meine Studierenden sehr beschäftigt. Der Drang zur Perfektion steckt in den Maschinen. Um eine Person zu formen, die wir als ‚natürlich‘ wahrnehmen, müssen Designer den Prompt, also die Anweisung für die KI, regelrecht ‚hässlich‘ schreiben.“
Fehler
Um die Glaubwürdigkeit von Bildern einschätzen zu können, solle man genau hinschauen, so Florian Bayer: „Vor allem bei komplexen Illustrationen hat die KI heute noch Probleme: Es gibt häufig Unstimmigkeiten und Anschlussdifferenzen. Und es gibt immer wieder grobe Fehler wie ein vergessenes Stuhlbein oder einen Fuß, der mit einem Fahrrad verwächst.“
Veröffentlichung
Für sein Buch „Des Dodos neue Territorien. Potenziale der Illustration in Zeiten der KI“ (edition orange, 82 Seiten, 15 Euro) hat Florian Bayer auch Gespräche mit dem KI-Künstler Max Kuwertz, dem Bilderbuch-Illustrator André Rösler und dem New-York-Times-Illustrator Janik Söllner geführt.