Noch ist die neue Hanns-Martin-Schleyer-Brücke im Bau – nun wird diskutiert, ob sie ihren Namen auch in Zukunft tragen soll. Foto: Roberto Bulgrin

Während der Neubau der Hanns-Martin-Schleyer-Brücke vorangeht, hat in Esslingen eine Debatte darüber begonnen, ob das neue Bauwerk den alten Brückennamen tragen soll. Zwei Bürger haben Verwaltung und Gemeinderat aufgefordert, darüber zu diskutieren.

Die Hanns-Martin-Schleyer-Brücke, die die Esslinger Stadtteile Mettingen, Brühl und Weil über den Neckar hinweg verbindet, schreibt seit vielen Jahren Schlagzeilen: Erst war es das hohe Verkehrsaufkommen, zuletzt war es der aufwendige Ersatzneubau, weil der Zahn der Zeit allzu heftig an dem Brückenbauwerk aus dem Jahr 1964 genagt hatte. Derzeit ist ein Neubau in Arbeit – im Laufe des Jahres soll der Verkehr über die neue Brücke rollen. Ob sie weiter den Namen des einstigen Arbeitgeberpräsidenten Schleyer tragen wird, muss sich zeigen. Denn in der jüngsten Bürgerfragestunde des Gemeinderats regte der frühere OB-Kandidat Gebhard Mehrle an, den alten Namen nicht einfach auf die neue Brücke zu übertragen, sondern zu diskutieren, ob Hanns Martin Schleyer noch der richtige Namensgeber ist. In einem Schreiben an Verwaltungsspitze und Gemeinderat kommen Gebhard Mehrle und der Esslinger Musiker Jörg Krauß zu dem Schluss: „Die Umbenennung wäre ein Akt der Ehrlichkeit, gerade auch vor unseren Versäumnissen in der Vergangenheit.“

 

Umstrittene Biografie

Krauß und Mehrle haben sich intensiv mit Schleyers Biografie befasst. Und sie nennen eine ganze Reihe von Aspekten, die seine Rolle in der Nazizeit charakterisieren: Schleyer war 1933 der SS und 1937 der NSDAP beigetreten, er war Funktionär der Nationalsozialistischen Studentenschaft, bekleidete später den Rang eines SS-Untersturmführers und machte im Zweiten Weltkrieg in der Wirtschaftsverwaltung des Protektorats Böhmen und Mähren Karriere. „Wer in all diesen Positionen sich als strammer Nationalsozialist präsentiert – der kann grundsätzlich nicht mit dem Namen auf einer Straße, Brücke oder Halle geehrt werden“, resümieren Krauß und Mehrle. Und sie verweisen auf eine ganze Reihe von Beispielen, die Schleyers Haltung in der NS-Zeit illustrieren sollen.

Doch die beiden sehen auch die andere Seite in der Biografie des Juristen, der im Nachkriegsdeutschland zum Manager, Wirtschaftsfunktionär und deutschen Arbeitgeberpräsidenten aufgestiegen war: „Man könnte es sich leicht machen und nur nach dessen Wirken in der Nazizeit und seiner vollkommen fehlenden Reue danach fragen“, heißt es in Mehrles und Krauß’ Schreiben. „Uns ist jedoch auch bewusst, dass der Name Hanns Martin Schleyer heute vor allem an den ‚Deutschen Herbst’ erinnert, an den Wahnsinn, dass einige radikale Terroristen dachten, sie wären legitimiert, Menschen im ‚Kampf gegen das System’ zu töten. Die Erinnerung muss auch im öffentlichen Bewusstsein erhalten bleiben. Deshalb muss man intensiv überlegen, was es bedeutet, wenn man die Erinnerung an das Terroropfer Schleyer ‚wegnimmt’, weil die Erinnerung an den glühenden Nazi nicht sein darf.“ Als die Stadt Esslingen die damalige Mettinger Brücke 1978 in Hanns-Martin-Schleyer-Brücke umbenannte, war dies vor allem eine Verbeugung vor dem im Jahr zuvor von Terroristen umgebrachten Schleyer – und ein Bekenntnis zur wehrhaften Demokratie.

Viele Alternativen

In Stuttgart, wo schon länger über eine Umbenennung der Hanns-Martin-Schleyer-Halle diskutiert wird, sahen sich deren Befürworter dem Vorwurf der „Geschichtsvergessenheit“ ausgesetzt. Doch das lassen Krauß und Mehrle nicht gelten: „Es war das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland, das zu lange geschichtsvergessen war und in manchen Teilen noch ist.“ Deshalb fordern sie Gemeinderat und Verwaltung auf, sich der Namensfrage zu stellen – zumal es würdige Namenspatrone wie den Gewerkschafter Willi Bleicher gebe. Denkbar sei auch ein Orts- oder Gewann-Name. Auf jeden Fall böten die Einweihung der neuen Brücke und der Jahrestag der Entführung und Ermordung Schleyers und der Ermordung seiner vier Begleiter im September 1977 „Gelegenheit zum Nachdenken und zu einer informierten demokratischen Entscheidung“.

Wie die Stadt mit dem Vorstoß umgeht, wird sich zeigen. Der Oberbürgermeister Matthias Klopfer dankte in der Fragestunde für Mehrles und Krauß’ Impuls. Auf Nachfrage erklärte er: „Im Zuge der Fertigstellung des Neubaus anstelle der vorherigen Schleyer-Brücke prüfen wir auch die Namensgebung der neuen Brücke. Dies bedarf unter anderem im Hinblick auf den vorherigen Namensgeber Hanns Martin Schleyer einer sorgfältigen Einordnung zwischen der historischen Entstehung und den heutigen Anforderungen, um eine Entscheidung anhand nachvollziehbarer Kriterien fällen zu können. Wir werden sicherlich auch darauf schauen, wie andere Kommunen mit aktuellen Forderungen nach Umbenennungen von Brücken, Straßen und so weiter umgehen.“

Leidenschaftliche Namensdebatten

Esslingen
 Lange Zeit hat die Esslinger Kommunalpolitik gerungen, ob die Hindenburgstraße ihren Namen behalten soll. Weil der Namensgeber Paul von Hindenburg 1933 zum Steigbügelhalter der Nazis wurde, hatten die Linken im Gemeinderat 2018 gefordert, die Straße umzubenennen, weil der einstige Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident als Namensgeber nicht tauge. Eine Umbenennung fand keine Mehrheit – stattdessen entschied sich der Gemeinderat im Juli 2018, dass es beim bisherigen Namen bleibt. Um eine dauerhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anzuregen und die historischen Zusammenhänge kritisch zu reflektieren, ließ die Stadt jedoch an der Hindenburgstraße Hinweistafeln aufstellen. Darauf wird nicht nur Hindenburgs verhängnisvolle Rolle in der deutschen Geschichte beleuchtet, sondern auch erläutert, weshalb sich die Stadt dennoch gegen eine Umbenennung entschieden hatte.

Stuttgart
 Zuletzt wurde auch in Stuttgart, wo die Stadt schon die eine oder andere Straße umbenannt hat, ein Namensstreit neu entfacht: Das Linksbündnis im Gemeinderat der Landeshauptstadt hatte gefordert, die Hanns-Martin-Schleyer-Halle nicht länger nach dem einstigen Arbeitgeberpräsidenten zu benennen. Während die Befürworter einer Umbenennung auf Schleyers fragwürdige Rolle im Dritten Reich verwiesen, sprach dessen Sohn von einer „unerträglichen Geschichtsklitterung“.