Die Galerie Villa Merkel hat sich durch ein anspruchsvolles Angebot an zeitgenössischer Kunst weit über Esslingen hinaus einen Namen gemacht. Doch die Resonanz vor Ort ist ausbaufähig. Ein Konzept zeigt nun erste Erfolge.
Als Forum für profilierte internationale Gegenwartskunst hat sich die Villa Merkel schon lange einen Namen gemacht. Doch das hohe Renommee, das Esslingens städtische Galerie in der überregionalen Kunstszene genießt, spiegelt sich nach Einschätzung der Kommunalpolitik noch nicht genügend in den Besucherzahlen wider. Vor allem der Zuspruch des örtlichen Publikums ist nach Einschätzung vieler Ratsmitglieder ausbaufähig. Deshalb haben die Kulturamtsleiterin Alexa Heyder und das Galerieteam im vergangenen Frühjahr neue Nutzungsperspektiven für die Galerie, den Merkelpark, das Bahnwärter- und das Gärtnerhaus entwickelt, um mehr Menschen zu erreichen. Zusammen mit dem neuen Galerieleiter Sebastian Schmitt sieht Heyder das Haus nun auf einem guten Weg – erste Erfolge stellten sich ein.
Mehr Transparenz
„Die Villa ist transparenter geworden“, resümierte Heyder, als sie in der jüngsten Kulturausschusssitzung eine erste Zwischenbilanz zog. Viele Projekte seien auf den Weg gebracht worden, die die Villa offener gestaltet hätten. So wurde das Haus, das durch die stark befahrene Bahnlinie optisch von der Innenstadt getrennt wird, durch Beflaggung, Transparente und bessere Beschilderung stärker in den Blickpunkt gerückt. Die Möglichkeit, mittelfristig die Fenster mit Licht, Fotografien oder Videos zu bespielen, behalten Schmitt und sein Team noch in der Hinterhand. Auch mit Blick auf die barrierefreie Zugänglichkeit des Gebäudes, Parkmöglichkeiten für Fahrräder und die Beleuchtung gibt es noch Luft nach oben.
Galerieleitung und Kulturverwaltung sehen sich auf einem guten Weg, die Villa und den Merkelpark als Brücke in den Stadtraum zu nutzen. Ein facettenreiches Ausstellungsprogramm soll sehr unterschiedliche und neue Besucherinnen und Besucher ins Haus bringen. Führungen sollen helfen, die Ausstellungen noch besser zu vermitteln. Bis Ende November 2023 gab es bereits 64 öffentliche Führungen sowie 18 Führungen speziell für Kuratorinnen und Kuratoren, Familien oder zu thematischen Schwerpunkten. Zudem werden regelmäßig Führungen für städtische Beschäftigte angeboten.
Besucher mit Kulturrucksack
Dass man das 150-jährige Bestehen der Villa 2023 künstlerisch gewürdigt hat, brachte zudem auch viele Esslingerinnen und Esslinger ins Haus, deren Besuch eher durch historisches Interesse motiviert gewesen sein könnte und die auf diesem Weg zur Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst motiviert wurden. Kooperationen etwa mit den Esslinger Naturfreunden, dem Komma, dem Kommunalen Kino, der VHS oder der Kinder-Biennale, aber auch das langfristig angelegte Projekt „Interkultureller Stadtacker für Vielfalt und Kunst“ brachten sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Die Fläche der Außengastronomie wurde zum Treffpunkt für Zeichenworkshops, Führungen zur Geschichte und Kunst im Merkelpark und für Gespräche über das Haus und seine Ausstellungen. 14 Schulklassen entdeckten die Villa durch den Kulturrucksack.
Zu einem Erfolgsprojekt wurde die Pop-Up-Außengastronomie unterhalb des Wintergartens, die von August bis Oktober gemeinsam mit dem Kultur-Café „Fuenfbisneun“ eingerichtet wurde. An einer Verkaufshütte wurden Getränke und Pizza angeboten, die Terrasse wurde mit Sitzstufen, Sandkasten und Liegestühlen gestaltet.
Wöchentlich wurden etwa 400 Besucherinnen und Besucher gezählt, darunter auch zahlreiche Familien. Dass viele vor allem tagsüber ihren Besuch in der Pop-Up-Gastronomie mit einem Galeriebesuch verbunden haben, bestärkt die Initiatoren darin, diesen Weg weiterzugehen. „Für viele war der Aufenthalt an der Pop-Up-Gastronomie der Erstkontakt mit der Villa Merkel, verbunden mit der Frage, was dort eigentlich geboten wird“, freut sich die Kulturamtsleiterin. Dass die Macherinnen und Macher des „Fuenfbisneun“ eigene Veranstaltungen mit DJs und Musikern angeboten haben, sorgte für zusätzlichen Zulauf.
Pläne für die Zukunft
Umso mehr überlegt man sich in Rathaus und Villa, wie sich eine zukunftsfähige Gastronomie dauerhaft installieren ließe. Doch die aktuellen Rahmenbedingungen setzen zu enge Grenzen, um zeitnah mehr als eine Pop-Up-Gastronomie anzubieten. Sollte jedoch in den nächsten Jahren die Hausmeisterwohnung in der Villa frei werden, könnten die Karten neu gemischt werden. Unterdessen hat sich eine Projektgruppe aus Akteuren der Bereiche bildende Kunst, Literatur und Kulturmanagement gebildet, die klären soll, welche räumlichen Möglichkeiten das benachbarte Bahnwärterhaus bieten könnte und welche kulturellen Nutzungen sich dort anbieten könnten.
Das Haus und sein Profil
Geschichte
Die Firma Merkel & Kienlin („Esslinger Wolle“) gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der württembergischen Textilindustrie. 1872/73 ließ der Unternehmer Oskar Merkel die Villa Merkel als Familiendomizil im Stil der Neurenaissance in einem Landschaftsgarten an der Bahnlinie bauen. Das Gebäude gilt mit seiner für damalige Verhältnisse experimentellen Bauweise als Beispiel für das frühe Bauen mit Beton. 1973 wurde die Villa Merkel zur Galerie der Stadt Esslingen.
Konzept
Die heutige städtische Galerie möchte einerseits künstlerische Positionen entdecken, verstärken und an das Publikum vermitteln. Andererseits sieht sich die Villa Merkel gegenüber Künstlerinnen und Künstlern als „kompetente Zuspielpartnerin“, weil es eines ihrer programmatischen Ziele ist, Neues auf den Weg zu bringen und in die künstlerische Produktion selbst zu investieren. Dazu gehört ganz wesentlich, jüngere Positionen der internationalen Gegenwartskunst zu präsentieren und zu diskutieren. „Kunst macht Welt sichtbar“, heißt es im Konzept der Galerie. „Kunst entsteht nicht im kontextfreien Raum. Sie reflektiert gesellschaftliche und politische Verhältnisse sowie die historischen und kunsthistorischen Voraussetzungen.“