Vor dem Bürgerentscheid am 8. März wird über den Standort der Esslinger Bücherei diskutiert. Die Meinungen prallten in einer Diskussion der City Initiative aufeinander.
Die Esslinger Innenstadt ist im Wandel. Manche versprechen sich von einem Umzug der Stadtbücherei ins frühere Modehaus Kögel positive Effekte, andere plädieren für eine Modernisierung des bisherigen Standorts im Bebenhäuser Pfleghof. Die City Initiative Esslingen lud ihre Mitglieder nun zur Diskussion ein, die Aufschluss geben sollte, wie Handel und Gewerbe zu den Umzugsplänen stehen. Das von manchen erwartete klare Bekenntnis des Einzelhandels zu einem der Standorte blieb aus.
Annette Silberhorn-Hemminger, Freie-Wähler-Fraktionschefin und in der Initiative Neustart Stadtbücherei aktiv, die sich für den Umzug zu Kögel stark macht, führte als Moderatorin durch den Abend – rund 60 Zuhörer erlebten eine angeregte Diskussion. Mit ihr diskutierten auf dem Podium die Architektin Laura Zipfel und die Buchhändlerin Ulrike Ehrmann, beide bei Neustart engagiert, sowie der Einzelhändler Andreas Walter (Heiges) und Dirk Janthur, der Sprecher der City Initiative.
Händler wünschen sich Aufenthaltsqualität
Angesichts des allgegenwärtigen Strukturwandels ist Ehrmann überzeugt: „Alle müssen Verantwortung übernehmen, nicht nur die Stadt.“ Ein gutes Beispiel sei die lange Jahre gelebte Gemeinsamkeit in der Küferstraße. Aufenthaltsqualität sei wichtig und damit auch die Aufwertung der Ritterstraße. Die Bücherei im Pfleghof sei gemütlich, aber im Kögel lasse sich vieles verwirklichen, was von einer modernen Bibliothek erwartet werde.
Laura Zipfel lebt in der Küferstraße – es gelte, solche Straßen so zu stärken, dass sie sich positiv entwickeln können. Der Bereich um den Fischbrunnen sei ein Dreh- und Angelpunkt der Innenstadt – solche Achsen müssten gestärkt werden. Mit einer Bücherei im Kögel lasse sich dort für die nächsten 30 Jahre ein Zeichen setzen, zumal Zipfel darauf setzt, dass ein Umzug die Bibliothek noch attraktiver machen und damit mehr Menschen in die Innenstadt bringen könnte. Andreas Walter ist mit seinem Spiel- und Lederwarengeschäft Heiges gleich neben Kögel präsent. Er ist überzeugt: „Gute Strukturen ziehen guten Besatz nach sich.“ Die Stadt müsse langfristiger denken. Walter mahnte auch die Aufwertung der Ritterstraße an, die inzwischen auf 2028 verschoben wurde. Im Kögel wieder großflächigen Einzelhandel anzusiedeln, sei schwierig. Er wolle nicht übers Geld reden – ein Bücherei-Umzug sei „eine einmalige Chance“, die man nutzen müsse.
City-Sprecher Dirk Janthur fehlen generell Visionen für Esslingen. Er findet: „Die Bücherei im Pfleghof ist superwichtig. Die Wohlfühlatmosphäre dort ist viel besser als in einem Stahlbau. Wenn wir’s richtig machen, erhöhen wir auch im Pfleghof die Frequenz der Bücherei.“ Eine Verlagerung um kaum mehr als hundert Meter bringe keinen Vorteil. Und mit Blick auf Kögel betonte Dirk Janthur: „Der Einzelhandel wird kleinteiliger. Viele kleine Geschäfte lassen sich in einem größeren attraktiv bündeln.“
Hermann Beck, WIR-Stadtrat und einer der Initiatoren des Bürgerentscheids, verwies auf Esslingens desolate Finanzlage: Die Stadt solle sich auf eine moderne und barrierefreie Bibliothek im Pfleghof konzentrieren, „statt zusätzlich ein sanierungsbedürftiges Gebäude zu kaufen“. Die Kosten dafür müssten alle durch Einsparungen an anderer Stelle tragen. Elektromeister Hans Rapp fand, eine moderne Bibliothek brauche viel mehr als nur Bücher: „Kinder brauchen dort Platz, um zum Beispiel auch mal zu basteln. Eine Bibliothek im Kögel bietet alle Möglichkeiten.“ Rapp ist sicher: „Da geht kein Einzelhandel mehr rein, weil das Gebäude so verwinkelt ist, dass man dreimal so viel Personal braucht.“
Wer muss sich um Leerstände kümmern?
Walter Breuninger (Sirnauer Hof) fand: „Die Stadt muss das Kögel-Areal kaufen, ob Geld da ist oder nicht und ob die Bücherei reingeht oder nicht.“ Thomas Flöss (Sport Flöss) hätte als Einzelhändler viele Wünsche an die Stadt. Er schätzt den Pfleghof: „Die Stadt muss investieren. Wenn sie’s richtig macht, kann etwas Tolles aus dem Pfleghof werden.“ Stattdessen werde „über ein Kulturquartier geschwafelt, das keiner finanzieren wird“. Esslingen brauche Einzelhandelsflächen: „Wenn ein Leerstand da ist, muss sich der, dem er gehört, um etwas Neues kümmern.“
Birgit Huber, Vorsitzende des Inklusionsbeirats, sieht Kögel in Sachen Barrierefreiheit klar im Vorteil: „Der Pfleghof hat so viele Hindernisse.“ Dabei gehe es nicht nur um Rollstuhlfahrer, sondern auch um ältere Menschen, um Hör- und Sehbehinderte sowie um Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die ruhige Räume bräuchten. Dafür biete Kögel bessere Möglichkeiten. Im Pfleghof könne man die Barrierefreiheit zwar verbessern, das koste aber viel Geld. Rena Farquhar, FDP/Volt-Fraktionschefin und Mit-Initiatorin des Bürgerentscheids, betonte: „Barrierefreiheit muss auch im Pfleghof gelten. Das ist im Sanierungskonzept so vorgesehen.“ Überzeugt ist sie, dass ein Umzug der Bücherei „keine wesentlichen Vorteile für den Einzelhandel bringen würde“.
Infos zum Bürgerentscheid
Thema
Beim Bürgerentscheid am 8. März geht es um die Frage „Sind Sie dafür, dass die Esslinger Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof bleibt und der Gemeinderatsbeschluss für die Verlagerung der Stadtbücherei in die Objekte Zehentgasse 1 und Rathausplatz 14 (Umzug ins ehemalige Modehaus Kögel) aufgehoben wird?“
Bürgerbegehren
Erreicht wurde der Bürgerentscheid durch ein Bürgerbegehren, das mit 8312 gültigen Unterschriften durchgesetzt wurde. Der Entscheid findet parallel zur Landtagswahl am 8. März statt. Wer für das Bürgerbegehren unterschrieben hat und sich nun am Bürgerentscheid beteiligen möchte, muss trotzdem am 8. März nochmals zur Wahl gehen oder die Möglichkeit der Briefwahl nutzen. Eine Unterschrift für das Bürgerbegehren ersetzt nicht die Abstimmung über den Bücherei-Standort.
Abstimmen
Alle stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger erhalten bis 15. Februar eine Wahlbenachrichtigung. Abstimmen kann man am 8. März im Wahllokal oder per Briefwahl. Wer will, dass die Bibliothek im Pfleghof bleibt, stimmt mit „ja“, wer einen Umzug zu Kögel möchte, stimmt mit „nein“.