In der Bücherei-Debatte geht es nicht nur um den Umzug der Bibliothek. Die Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger warnt vor einem Verkauf historischer Gebäude.
Als Esslingerin ist die Professorin Christel Köhle-Hezinger ihrer Heimatstadt eng verbunden. Seit Jahrzehnten setzt sie sich dafür ein, dass das reiche Erbe der Stadt geschätzt und gepflegt wird – nicht aus rückwärtsgewandter Nostalgie, sondern weil sie überzeugt ist, dass eine Stadtgesellschaft ihre Identität nie gering schätzen darf. Die Kulturwissenschaftlerin verfolgt die jüngsten Debatten über einen Umzug der Stadtbücherei mit kritischem Blick. Im Gespräch mit unserer Zeitung mahnt sie, historische Gebäude nicht zur Disposition zu stellen.
Frau Köhle-Hezinger, der Bebenhäuser Pfleghof, das Gelbe Haus, das Schwörhaus und die Heugasse 11 sind prägend für das Bild der Altstadt. Was bedeuten solche historischen Gebäude für eine Stadt wie Esslingen?
Wenn ich Gäste durch Esslingen führe, staunen sie über das beeindruckende historische Stadtbild. Und wir Esslinger sind stolz auf das, was frühere Generationen hinterlassen haben. Das ist ein Erbe, das wir hegen und pflegen müssen, weil es ganz viel von dem verkörpert, was unsere Stadt so einmalig, so lebens- und so liebenswert macht. Diese Verpflichtung gilt nicht nur für Privatleute – die Stadt muss mit gutem Beispiel vorangehen. Solche Orte mit ihrer jahrhundertealten Geschichte sind ein Symbol für die Bindung der Menschen an die Stadt und deren Identität.
Was verbinden Sie ganz persönlich mit diesen historischen Gebäuden?
Jedes dieser Gebäude spricht zu den Menschen und erzählt seine Geschichten. Wenn man aufmerksam zuhört, versteht man besser, was diese Stadt ausmacht. Und was uns fehlen würde, wenn es diese Gebäude nicht gäbe. Man spürt eine starke Identifikation. Es ist kein Zufall, dass sich so viele Menschen für dieses historische Erbe einsetzen – sei es bei der Sanierung des Alten Rathauses und des Dicken Turms, beim Gemeindehaus am Blarerplatz oder beim so überzeugend klaren Bürgerentscheid für den Bebenhäuser Pfleghof. Solche historischen Gebäude sind untrennbar mit dem Leben und dem Alltag vieler Esslingerinnen und Esslinger verbunden.
Wie wichtig ist die Erlebbarkeit?
Viele Menschen wollen historische Gebäude, die ihnen ans Herz gewachsen sind, nicht nur im Vorbeigehen anschauen, sondern zum Teil ihres Alltags machen. Deshalb sind eine öffentliche Nutzung und eine freie Zugänglichkeit so wichtig. Wenn ich höre, dass offen über einen möglichen Verkauf des Gelben Hauses oder der Heugasse 11 gesprochen wird, erschreckt mich das. Damit vermittelt man den Eindruck, dass alles veräußerbar ist. Ein Stück Stadtgeschichte verkauft man nicht. Als Fachfrau und als Esslingerin fühle ich mich beschämt, wenn ich sehe, wie die Diskussion bei uns gerade läuft und dass man ein so interessantes Gebäude wie die Heugasse 11 seit Jahren schlechtredet, statt die Chancen zu sehen, die es bietet. Historische Gebäude haben Eigenheiten, auf die man sich einlassen muss. Aber sie bieten vieles, was ein Zweckbau nie bieten kann.
Als Museumsexpertin sollten Ihnen die Pläne für ein Kulturquartier gefallen ...
Der Traum von einer ganz großen Lösung für das Stadtmuseum begleitet uns schon sehr lange. Und die Idee eines Kulturquartiers klingt ja zunächst auch verlockend. Bisher ist das aber noch nicht viel mehr als ein Traum. Dass er jemals wahr werden wird, kann und will niemand garantieren. Wir alle wissen, dass das Gelbe Haus für das Stadtmuseum zu klein ist. Es gibt dort keinen Platz für Wechselausstellungen, und schon gar nicht genügend Fläche, um die Industriegeschichte, die für Esslingen so wichtig ist, angemessen zu präsentieren. Wenn ich aber sehe, wie viele Anforderungen mit einem vage angedachten Kulturquartier verbunden werden, kann ich nur raten, nicht zu große Erwartungen zu wecken, die hinterher nicht erfüllt werden.
Wo sehen Sie Bedenken?
Ich habe beruflich viel mit Museen zu tun gehabt und weiß, wie aufwendig es ist, ein gutes, modernes Museum zu gestalten und was das kostet. Unser Stadtmuseum braucht sehr viel zusätzlichen Platz, wenn es neben seiner Dauerausstellung einen angemessenen Überblick über die Industriegeschichte im 19. und 20. Jahrhundert bieten und zudem das Schreiber-Museum und die Ausstellungsflächen aus dem Schwörhaus integrieren will. Dass der Platz für all das im Pfleghof ausreicht, kann ich mir nicht vorstellen. Auf jeden Fall muss man all das genau berechnen, ehe man eine Entscheidung trifft, die eben nicht nur die Bücherei angeht. Dass unser Stadtmuseum viel bessere Möglichkeiten verdient hat, ist unbestritten. Aber bitte nicht auf Kosten der Stadtbücherei.
Zunächst will der OB nur über einen Umzug der Bücherei entscheiden lassen, verbunden mit der unverbindlichen Perspektive eines Kulturquartiers ...
Ich habe große Bedenken, wenn ich mir vorstelle, dass man die Stadtbücherei in einem sanierungsbedürftigen Konglomerat von Gebäuden, wie es Kögel darstellt, unterbringen will. Wer jemals ein solches Haus saniert hat, weiß, dass das ein Fass ohne Boden werden kann. Bevor man sich darauf einlässt, sollte man den Pfleghof, der der Stadt bereits gehört, ordentlich herrichten. Wenn man sich jetzt auf eine Bücherei im Kögel einlässt, habe ich die allergrößten Zweifel, dass hinterher noch genügend Energie und Ressourcen für ein Kulturquartier übrig sind.
Viele Menschen haben sich für die Planung einer Bücherei im Pfleghof engagiert. Können solche Projekte den Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein einer Stadtgesellschaft stärken?
Unbedingt. Wir sollten den Prozess, der mit den Planungen für die neue Bücherei im Pfleghof angestoßen wurde, fortführen und dieses Projekt zu einem Anliegen der ganzen Stadt machen. Zurzeit werden viele Aktivitäten zum Stadtjubiläum 2027 geplant. Solche Veranstaltungen haben ihre Berechtigung, doch sie schaffen nichts Nachhaltiges. Sich gemeinsam für ein historisches Gebäude zu engagieren und dort etwas Einzigartiges zu schaffen, das für die Stadtgesellschaft dauerhaft nutzbar ist, stärkt deren Zusammengehörigkeit und schafft neue Identität.