Im Esslinger Gemeinderat sind die Meinungen zum Bücherei-Standort geteilt. Foto: Roberto Bulgrin

Die Esslinger Stadtverwaltung zeigt in sozialen Netzwerken ihre Sicht auf die möglichen Bücherei-Standorte. Dass keine Kommentare möglich sind, sorgt für Kritik.

Seit den 1990er-Jahren wurden die Diskussionen über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei von vielen Dissonanzen begleitet – immer wieder wurden Hoffnungen geweckt und später wieder enttäuscht, Vertrauen wurde verspielt. Mal ging es um eine vollmundig angekündigte Rücklage, von der es später hieß, es habe sie nie gegeben. Ein andermal wurde ein klarer Bürgerentscheid gekippt, nachdem man die dreijährige Rechtsbindung ausgesessen hatte. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus.

 

Deshalb ist die Stadt gut beraten, wenn sie das Büchereithema besonders sorgsam behandelt. Die Verwaltung steht bei vielen nicht im Ruf, die beiden Alternativen – eine modernisierte Bibliothek am angestammten Ort im Bebenhäuser Pfleghof beziehungsweise einen Umzug ins frühere Modehaus Kögel – gleichberechtigt zu behandeln. OB Matthias Klopfer hat keinen Hehl daraus gemacht, dass Kögel für ihn die erste Wahl ist. Das ist sein gutes Recht. Während man jedoch die Vorzüge einer Kögel-Lösung gern ins beste Licht rückt, hat man sich nie sonderliche Mühe gegeben, zu zeigen, welche Möglichkeiten ein modernisierter und im besten Fall sogar um die Heugasse 11 erweiterter Pfleghof bieten könnte.

Keine unnötigen Gräben in Esslingen aufreißen

In vier Kurzfilmen stellt die Stadt nun auf Facebook und Instagram beide Standort-Varianten einander gegenüber. Wenn jedoch vier Ratsfraktionen, die sich für den Pfleghof aussprechen, von einer einseitigen Darstellung durch die Stadtverwaltung sprechen, muss man das ernst nehmen. Den Verantwortlichen im Rathaus scheint durchaus bewusst zu sein, dass man den Standortvergleich anders sehen kann. Sonst hätten sie den Nutzern sozialer Netzwerke nicht die Möglichkeit genommen, die Darstellungen eines städtischen Architekten zu kommentieren und damit Pfleghof-Befürwortern die Chance zu geben, auch ihre Sicht der Dinge zur Geltung zu bringen.

Wenn eine private Initiative unerwünschte Kommentare auf ihren Seiten löscht, mag das nicht souverän wirken – es ist jedoch ihr gutes Recht. Eine Verwaltung, die die gesamte Bürgerschaft repräsentiert und aus Steuergeldern aller finanziert wird, sollte souveräner mit Kritik umgehen, auch wenn sie nicht verpflichtet ist, ihre Kommentarspalten in sozialen Netzwerken zu öffnen. Was rechtens ist, muss noch lange nicht richtig sein. Wer sich seiner Sache sicher ist, braucht abweichende Meinungen nicht zu fürchten. Solange sachlich argumentiert wird, muss es möglich sein, in sozialen Netzwerken eine andere Haltung einzunehmen. Das ist ein Stück lebendiger Demokratie. Dies gilt umso mehr, als es ein Leben nach dem Bürgerentscheid geben wird. Unnötig Gräben aufzureißen, während man gern das gute Miteinander betont, wird nicht helfen, die Stadtgesellschaft zu einen und für besseres Klima im Gemeinderat zu sorgen.