Ein anziehendes Heft im Besitz der Städtischen Museen Esslingen: Mathilde Jacob erklärt darin ab 1892, wie Kleidung selbst genäht werden kann. Foto: Michael Saile Fotografie

Kleider machen Leute. Und früher machten Leute Kleider. Vor der industriellen Anfertigung wurden Hosen, Hemden oder Leibwäsche oft in Privathaushalten genäht. Ein Heftchen von Mathilde Jacob im Besitz der Städtischen Museen Esslingen erklärt, wie mühsam das war.

Aus dem Nähkästchen plaudert sie nicht. Wie ein roter Faden ziehen sich stattdessen praktische Tipps, Anregungen und Anleitungen für das Erstellen von Kleidungsstücken durch das Büchlein von Mathilde Jacob. Ihr ab 1892 geschriebener Leitfaden zum „Hand- und Maschinennähen“ kann ab Dienstag, 9. Januar, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen in Augenschein genommen werden.

 

Nichts wurde darin mit heißer Nadel gestrickt. Im Gegenteil. Die Autorin hat augenscheinlich viel Zeit, Arbeit und Mühe in ihr schwarz gebundenes Notizbuch gesteckt. Alle Anleitungen wurden in einer fein säuberlichen Handschrift akkurat mit Tinte notiert: „Die ordentlich ausformulierten Angaben deuten darauf hin, dass es sich nicht um rasch hingeworfene Informationen handelt, sondern dass sie entweder vorformuliert oder sogar aus einer Vorlage sorgsam abgeschrieben wurden“, vermutet Christiane Benecke von den Städtischen Museen Esslingen. Gut lesbar finden sich so auf den 30 Seiten des Notizbuchs 20 Anleitungen und Schnittmuster für das Anfertigen von Wäsche.

Sandwich-Position des Hemdes

Dabei ist Mathilde Jacob das Hemd näher als die Hose – insbesondere die Produktion von Hemden hat es ihr offenbar angetan. Aus gutem Grund, meint Christiane Benecke: Das Hemd gehöre zu den ältesten, heute noch verbreiteten Kleidungsstücken. Um 1900 zur Entstehungszeit der Anleitungen habe es zwei Aufgaben gehabt: „Es schützte den Körper vor Schmutz und gleichzeitig die Oberbekleidung vor Schweiß und anderen Ausdünstungen des Körpers“, so Benecke Das Hemd hatte dabei eine kleidsame Sandwich-Position, denn es bildete nach den Worten von Christiane Benecke eine „Zwischenschicht“. Direkt auf dem Körper getragen sei ihm eine Funktion als Unterwünsche zugekommen.

Die zeitliche Einordnung des Leitfadens ist recht einfach. Denn die Eigentümerin des Buches hatte die Datierung selbst vorgenommen: „Mathilde Jacob 1892“ hatte sie auf dem Deckel vermerkt. In dem Buch befindliche Schnittmusterteile waren aus Zeitungspapier ausgeschnitten worden. Die somit als Nähvorlagen recycelten Druck-Erzeugnisse waren Inhalte der Eßlinger Zeitung vom 30. Juni 1903. Das Buch muss also mindestes bis zu diesem Jahr in Gebrauch gewesen sein.

Maschenware statt Handarbeit

Das passt in den historischen Kontext. Denn ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, so Christiane Benecke, wurde Wäsche verstärkt maschinell angefertigt. Ein Textilzentrum formierte sich etwa im Raum Albstadt auf der Schwäbischen Alb. Die anschmiegsame Maschenware setzte sich rasch gegen die mühsam in Handarbeit gefertigten Leinenhemden durch. Die Anleitungen von Mathilde Jacob waren so innerhalb kurzer Zeit aus der Mode geraten.

Zuvor hatten sich vor allem Frauen in der häuslichen Kleidungsproduktion abmühen müssen. „Wer Kleidung trägt, sollte nähen können“, war lange Zeit ein für große Teile der Bevölkerung gängiger Leitspruch. Das Nähen von Hand oder später auch mit der Nähmaschine war Teil der Hausarbeit, über Generationen hinweg. Denn wie Christiane Benecke von der Vorbesitzerin des Büchleins erfahren hat, arbeitete nicht nur Mathilde an diesem Buch. Auch ihre Tochter nähte auf der Grundlage der Anleitungen Bekleidung für die Familie. Zum kleidsamen Sortiment der Jacobs gehörten „ein Damenhemd mit einem Spickel und eckigem Halsausschnitt“, verschiedene Hemden für Mädchen von zehn bis zwölf Jahren sowie ein Flügelhemdchen für Kinder von eins bis zwei Jahren. Zu den Kleidungsstücken findet sich in dem Heft laut Christiane Benecke eine Schnittmustervorlage.

Arrangement der Schnittteile

Für Uneingeweihte wirkt das Gewirr aus Strichen und Punkten wie eine Schatzkarte, auf der der Weg zu den Kostbarkeiten durch eine verwirrende Linienführung bestens getarnt wurde. Doch Menschen mit Ahnung erkennen in dem Gewusel ein Muster – ein Schnittmuster im Maßstab eins zu acht: „Durchgezogene Linien zeigen an, wo geschnitten werden sollte, gestrichelte Linien bezeichnen den Stoffbruch“. Rote Hilfslinien hat Mathilde Jacob ebenfalls eingezeichnet. Als sparsame Hausfrau, die den Gürtel sicher oft enger schnallen musste, arrangierte sie die einzelnen Schnittteile so, dass möglichst wenig Verschnitt entstand.

Manchem Betrachter hätte dennoch das Herz in die Hose rutschen können. Denn Mathilde Jacobs Anleitungen waren etwas für Insider. Ob es sich bei den Teilen der Schnittmuster um Ärmel, Koller oder Verstärkungen von Säumen handelte, hat sie in den gezeichneten Vorlagen nicht vermerkt, sagt Christiane Benecke: „Es ist davon auszugehen, dass bei der Näherin das Verständnis, welches Teil sie gerade vor sich hatte, aufgrund ihrer Erfahrung vorhanden war.“

Mit viel Lese-Stoff

Bei anderen Angaben lieferte die Autorin mehr Lese-Stoff: Zum Inhalt des Buches gehören laut Christiane Benecke Abschnitte mit stichwortartigen Angaben über Materialverbrauch von „Leibweißzeug“ wie Schürzen, Unterröcken oder Untertaille sowie „Kindszeug“ wie Flügelhemdchen oder Wickeltücher. Es gab auch Anleitungen mit einem Schnittmuster für Damen-Beinkleider und eine Vielzahl verschiedener Ausführungen von Herrenhemden.

Eine anziehende Anleitung

Nutzen
Das Büchlein von Mathilde Jacob ist laut Christiane Benecke von den Städtischen Museen Esslingen als ein Pendant zu einem handgeschriebenen Kochbuch zu verstehen, in dem eine Hausfrau ihre Rezepte notierte. Allerdings handelt es sich bei dem Heft von Mathilde Jacob um Anleitungen zum Fertigen von Wäschestücken.

Heft
Das Notizbuch ist etwas größer als ein DIN A4-Format und die Seiten sind beidseitig mit einem roten, seitenfüllend vorgedruckten Punktraster bedeckt. Die Skala am Rand zeigt Maße an, so Christiane Benecke: Auf dem Raster konnte eine Stofffläche von insgesamt 65 mal 110 Einheiten dargestellt werden.

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen. Wegen der Feiertage wird dieses Exponat erst ab Dienstag, 9. Januar, gezeigt. Mehr Informationen findet man unter www.museen.esslingen.de.