Heidi Gassmann Foto: Dmitry Nikolaev

Sie war beseelt von der Liebe zur Historie und zu den Menschen. Unzählige Stadtführungen hat Heidi Gassmann jedes Jahr in Esslingen begleitet – nun ist sie mit 96 Jahren gestorben.

Wer früher durch Esslingen ging, konnte ihr auf Schritt und Tritt begegnen. Und wer verstehen wollte, wie die einstige Reichsstadt tickt, der war bei ihr in besten Händen. Mehr als drei Jahrzehnte lang war Heidi Gassmann weit mehr als eine Stadtführerin – sie war ein Stück Esslingen. Kaum jemand kannte die Stadt und ihre ganz speziellen Seiten so genau, und nur wenige konnten mit derart mitreißender Begeisterung über ihr Esslingen erzählen wie sie. Zuletzt war es um die frühere Grundschullehrerin etwas stiller geworden, doch wer jemals das Glück hatte, ihr zu begegnen, eine ihrer Führungen zu erleben oder in späteren Jahren in ihrer guten Stube im kleinen Kreis viel Wissenswertes über die Stadtgeschichte zu erfahren, wird diese liebenswert-resolute Frau nicht vergessen. Im Alter von 96 Jahren ist Heidi Gassmann nun für immer eingeschlafen. Doch was sie anderen mitgegeben hat, bleibt in vielen sehr lebendig.

 

Heidi Gassmann hat sich als Esslingerin durch und durch gefühlt. Wenn sie Lokalhistorie vermittelte, war auch ein Stück Familiengeschichte dabei. Als Enkelin des legendären Karl Kaiser, der 1879 als Schieferdachdecker aus Thüringen nach Esslingen gekommen war und das Stadtbild mit seinen markanten Dach- und Fassadenverkleidungen geprägt hatte, war es für sie etwas Besonderes, wenn sie die kunstvoll gestalteten Fassaden jener Häuser in der Franziskanergasse zeigen konnte, wo sie aufgewachsen war.

Doch nicht nur dort – zu allem und jedem, was ihr in der Altstadt begegnete, wusste sie etwas zu erzählen. So wurde jede ihrer Führungen zum Erlebnis. Historische Fakten garnierte sie mit originellen Anekdoten und heiteren Randnotizen. Und weil sie allseits geschätzt wurde, öffneten sich für sie und ihre Führungen Türen, die anderen verschlossen blieben.

Unerschöpflicher Fundus von Esslinger Finessen

In manchen Jahren brachte es Heidi Gassmann auf bis zu 300 Führungen. Weil ihr Fundus an Historischem und Histörchen schier unerschöpflich war, dauerten ihre Rundgänge meist deutlich länger als die versprochenen eineinhalb Stunden. Und viele hätten ihr gerne noch viel länger zugehört. Legendär sind auch ihre ebenso informativen wie kurzweiligen Vorträge zur Stadtgeschichte. Ob Ambrosius Blarers Zuchtamt, die Hexenverbrennungen, die Frauenklöster, der 30-jährige Krieg oder die Reformation – akribisch hat sie all das ihrer unverwechselbaren Handschrift zu Papier gebracht.

Heidi Gassmanns Stadtführungen sind – genau wie die Stadtführerin selbst – Legende. Foto: Horst Rudel

Viele haben es bedauert, dass Heidi Gassmanns Texte nicht in Buchform erschienen sind – bislang jedenfalls. Fast noch schöner wäre es jedoch gewesen, sie in Hörbüchern festzuhalten. Ihren schwäbischen Dialekt, den sie konsequent pflegte, mochten auch viele Reingeschmeckte, weil man spürte, dass das, was sie erzählte, von Herzen kam. „Heidi Gassmann ist einfach unglaublich. Was sie alles weiß. Und es ist wunderbar, wie anregend sie erzählen kann“, ließ sich eine Zuhörerin mal zitieren. Und eine andere lobte: „Da wird Geschichte plötzlich ganz lebendig.“

Die Liebe zur Stadtgeschichte war Heidi Gassmann übrigens schon in die Wiege gelegt. Ihr Vater war Lehrer an der Esslinger Schillerschule. Und weil Heimatkunde damals noch ihren festen Platz im Stundenplan hatte, schuf er einst in mühevoller Kleinarbeit ein Relief, das jahrzehntelang genutzt wurde, um die Topografie der Altstadt zu zeigen. Gewiss hat auch Heidi Gassmann dieses Relief später genutzt, als sie selbst Lehrerin an der Schillerschule war – manche ihrer Schüler hielten bis zuletzt Kontakt mit ihr, weil sie sie fürs Leben geprägt hatte.

Als ihre Zeit im Klassenzimmer zu Ende ging, wurde Heidi Gassmann von Pauline Hejl ermuntert, sich dem illustren Kreis der Stadtführerinnen anzuschließen, der damals noch im Aufbau war. Dieser Schritt sollte zu einem Glücksfall werden – für Esslingen, fürs Stadtmarketing, für ihre begeisterte Zuhörerschaft und für Heidi Gassmann, die mit ihrem außergewöhnlichen Talent selbst ein Stück Stadtgeschichte geworden ist.