Überfall im Blumenladen: Am Dienstagmorgen hat ein Mann die Mitarbeiterinnen eines Geschäfts in Esslingen-Zell mit einer Waffe bedroht und Geld gefordert. Beute machte er jedoch nicht – stattdessen wurde er von Nachbarn überwältigt.
Sie hatte schon seit Tagen ein ungutes Gefühl. Renate Lang, Inhaberin des gleichnamigen Blumenladens in Esslingen-Zell, war in Alarmbereitschaft, seit am vergangenen Donnerstag ein schwarz gekleideter Mann ihr Geschäft überfallen, eine Mitarbeiterin bedroht und einige hundert Euro erbeutet hatte. Sie sollte Recht behalten: Am Dienstagmorgen gegen viertel nach neun wurde ihr Laden erneut von einem schwarz gekleideten Mann überfallen. Er zückte seine Waffe, richtete sie auf die Ladenchefin und forderte Geld – dieses Mal allerdings vergebens.
Denn Renate Lang dachte nicht daran, der Forderung des Angreifers nachzukommen. Als er mit der Waffe in der Hand auf sie zugekommen sei und geschrien habe: „Überfall, Geld her!“, habe sie ihm geantwortet: „Ich habe heute noch keine Einnahmen.“ Kurz darauf sei schon Turan Hüner hereingestürmt, der nebenan einen Gemüseladen betreibt.
„Er hat den Mann auf den Boden gerissen und ihm die Pistole weggenommen“, erzählt Lang. Anschließend hätten sie den Angreifer am Boden fixiert und mit Blumendraht gefesselt. Ihre Schwiegertochter Carmen Lang habe unterdessen die Polizei alarmiert. „Ich habe dann noch mit dem Schirm auf ihn eingeschlagen, weil er keine Ruhe gegeben hat“, berichtet die Ladenchefin und wirkt selbst etwas erstaunt über ihr Handeln. Mehrere Nachbarn seien zu Hilfe gekommen, am Ende hätten drei oder vier Männer den Täter festgehalten.
Ladennachbar packt Angreifer von hinten und drückt ihn zu Boden
Turan Hüner bestätigt das. Er habe den Mann, den er auf Mitte 20 schätzt, schon vor dem Überfall eine Weile beobachtet, weil er ihm verdächtig vorkam, erzählt er. „Dann habe ich durch das Fenster gesehen, wie er auf der anderen Straßenseite gelaufen ist, plötzlich stehengeblieben und über die Straße direkt zum Blumenladen gegangen ist“, so Hüner. Daraufhin sei er sofort dorthin gerannt. Der Angreifer sei bereits im Geschäft gewesen, als er ihn von hinten gepackt, zu Boden gedrückt und ihm seine Waffe weggenommen habe. Angst habe er nicht gehabt, sagt Hüner und schüttelt lächelnd den Kopf. Er habe doch etwas tun müssen, betont er.
Man war auf der Hut gewesen in der Nachbarschaft. „Wir hatten den Mann im Visier“, sagt Renate Lang. Seit Tagen habe sich der schwarz gekleidete Mann mit Sonnenbrille, schwarzen Handschuhen, Schirmmütze und Kapuze auf dem Kopf in der Gegend herumgedrückt. Für Lang gab es nie einen Zweifel, dass es sich um dieselbe Person handelte, die bereits am vergangenen Donnerstag ihr Geschäft überfallen hatte – auch benachbarte Händler hätten ihn wiedererkannt und sein Verhalten als höchst verdächtig wahrgenommen. „Ich habe in den vergangenen Tagen mehrfach die Polizei angerufen“, berichtet Carmen Lang. Die habe zwar durchaus mal Streifenwagen vorbeigeschickt, aber auch nicht mehr tun können, schließlich habe man dem Mann keine Tat nachweisen können, so Lang.
Polizei nimmt den Angreifer fest
Kurz vor dem Überfall am Dienstagmorgen habe sie im Büro telefoniert, als ihre Schwiegermutter ihr auf einen Zettel geschrieben habe, dass der Verdächtige in der Nähe sei, erzählt Carmen Lang. Als sie kurz darauf Tumult im Laden hörte, habe sie direkt einen Notruf abgesetzt. Gefühlt habe es Ewigkeiten gedauert, bis die Polizei vor Ort eintraf, „aber wahrscheinlich waren es höchstens zehn Minuten“, sagt Lang. Drei Streifenwagen und sechs Beamten seien gekommen und hätten den Angreifer festgenommen. An das Bild, wie der Mann in Handschellen abgeführt wurde, wolle sie sich ganz bewusst erinnern, weil damit die Tage der Anspannung beendet wurden.
Mutter und Schwiegertochter wirken gefasst, aber fast ein wenig ungläubig, als sie am Dienstagmittag von der Aufregung am Morgen erzählen. „Seit 44 Jahren stehe ich hier im Laden, aber so etwas ist mir noch nie passiert“, sagt Renate Lang. Angst habe sie eigentlich nicht gehabt: „Es ist alles so schnell gegangen, für Angst hatte ich gar keine Zeit.“ Das sei aber vor allem das Verdienst von ihrem Ladennachbarn gewesen. „Ja, Herr Hüner ist unser Held“, betont auch ihre Schwiegertochter. Dabei sei die Sache eigentlich völlig absurd: „Wer überfällt schon morgens um neun einen Blumenladen?“, fragt Carmen Lang und schüttelt entgeistert den Kopf.
So schlimm die vergangenen Tage der Ungewissheit und Sorge gewesen seien, so hätten sie aber auch einen tollen Zusammenhalt der Händler in der Straße gezeigt. Man habe sich stets gegenseitig informiert und aufeinander geachtet. Zum Glück sei am Ende alles gut ausgegangen. „Ich war die letzten Tage sehr angespannt, weil ich nicht wusste, was passiert – jetzt bin ich richtig erleichtert“, sagt Renate Lang.
Polizei kann Zusammenhang zweier Taten noch nicht bestätigen
Festnahme
Die Polizei hat den Tatverdächtigen, der den Blumenladen im Esslinger Stadtteil Zell überfallen haben soll, am Dienstagvormittag festgenommen. Zum Alter macht sie vorerst keine Angaben. Ob es sich bei dem Festgenommenen um denselben Mann handelt, der den Blumenladen am vergangenen Donnerstag überfallen hat, kann die Polizei nach eigenen Angaben am Dienstagabend noch nicht bestätigen. Nach ersten Ermittlungen ist dies aber offenbar durchaus möglich.
Überfall
In der vergangenen Woche war das Blumengeschäft in der Bachstraße in Esslingen-Zell bereits von einem Unbekannten überfallen worden. Der Räuber hatte laut Polizei eine Verkäuferin mit vorgehaltener Pistole bedroht. Als diese das geforderte Bargeld herausgegeben hatte, war der Täter zu Fuß geflohen. Die Polizei hatte unter anderem mit einem Hubschrauber nach ihm gefahndet – jedoch vergeblich.