Die Esslinger Wohngemeinschaft ist keine Zweck-WG. In der gemeinsamen Küche wird häufig zusammen gekocht. Foto: Horst Rudel

Nur betroffen zuschauen ist ihnen zu wenig: Severina S. und Patrick C. wollen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und vermieten ihr WG-Zimmer an einen jungen iranischen Flüchtling. Sie hoffen, dass weitere Bürger ihrem Beispiel folgen.

Esslingen - Als Severina S. und Patrick C. ihrem Umfeld mitteilten, dass sie einen iranischen Flüchtling in ihrer Wohngemeinschaft aufnehmen würden, ernteten sie recht unterschiedliche Reaktionen. „Warum nehmt ihr nicht wieder einen Studenten?“, fragten die einen. Viele sagten: „Ihr seid ja mutig!“ Andere wiederum waren begeistert. Für die beiden Esslinger ist Mo H. ein ganz normaler Mitbewohner, doch völlig ohne Bedenken waren auch sie zunächst nicht.

Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Wohngemeinschaft mitten in Esslingen. Da wären Severina S. (22), die eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement macht, Patrick C. (35), der Software-Ingenieur bei Festo ist, und Mo H. (32), der eine Umschulung zur Metallfachkraft absolviert. Abends lernt er deutsch. Denn der Iraner ist vor rund fünf Jahren aus seiner Heimat geflüchtet. Im vergangenen Herbst haben Severina S. und Patrick C. beschlossen, ihr freies Zimmer an einen Flüchtling zu vermieten. Der Kontakt entstand über eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe. Bislang wohnten meist Studenten in der WG. Doch die zwei wollten zur aktuellen Flüchtlingsdebatte mit Taten, statt nur mit Worten beitragen. „Durchmischung ist Integration und nicht Massenunterkünfte“, sagt Patrick C. Zwar möchten sie ihre vollen Namen nicht nennen, doch ihre Erfahrungen möchten sie mit anderen teilen. Vor allem aber hoffen sie, dass mehr Esslinger ihrem Beispiel folgen.

Entscheidung sollte sachlich angegangen werden

Natürlich hätten sie auch Zweifel umgetrieben, sagen sie. Zum einen wollten sie nicht irgendjemanden, weil sie keine Zweck-WG seien. Zum anderen waren der Kulturunterschied und Mo H.s Einstellung zur Gleichberechtigung von Frauen Themen, die ihnen wichtig waren. Doch dem Bewerber ihre Vorurteile gleich bei der ersten Begegnung an den Kopf werfen, wollten sie auch nicht. Zunächst traf man sich im WG-Wohnzimmer, stellte sich vor, beschnupperte sich, sprach über Hausregeln. „Er fragte, ob wir Zubettgehzeiten hätten“, erinnert sich Severina S.. Das habe sie positiv erstaunt, denn das habe noch nie ein Bewerber gefragt. „Normalerweise fragen Bewerber zuerst nach der Geschwindigkeit des Internets, ob wir viel feiern oder ob das Rauchen im Zimmer zulässig sei“, sagt Patrick C. Bei ihrem zweiten Treffen gingen die Drei gemeinsam zu einem Brunch. Mo H. habe sich umgedreht und den Leuten am Tisch hinter ihnen einen guten Appetit gewünscht. „Das würde hier doch niemand machen“, sagt Severina S., die findet, dass man sich in Sachen Respekt gegenüber anderen Menschen ein Beispiel an dem Iraner nehmen könne. Mo H. lacht etwas betreten, als seine Mitbewohnerin davon erzählt.

Die Sympathien waren schnell da und der Iraner konnte jegliche Bedenken, was das Zusammenleben mit einer Frau angeht ausräumen. Mo H. sagt, er fand die Fragen etwas seltsam, weil der gegenseitige Respekt selbstverständlich sei. Zu Severinas anfänglicher Überraschung steht ihr iranischer Mitbewohner auch oft und gern in der Küche und kocht persische Gerichte, von denen die beiden Esslinger noch nie etwas gehört haben und die ihnen gut schmecken. „Ich glaube, ich habe seit November zugenommen“, sagt Severina S. und erntet damit Lacher ihrer Mitbewohner.

Mo H. hätte selbst nicht gedacht, dass er einmal in einer Wohngemeinschaft landet. Bevor er Anfang November in die WG zog, lebte er drei Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft in Deizisau. Zu Fünft in einem Zimmer. „Das war schwer“, sagt er, „so ist es viel besser für mich, denn ich habe Kontakt zu Deutschen und zu deren Kultur“. Dank des Austauschs mit seinen Mitbewohnern lernt er Deutsch jetzt viel schneller. „Das ist in den zweieinhalb Monaten, die er hier ist, viel besser geworden“, sagt Patrick C.

Ob man an einen Geflüchteten vermieten möchte, würde er ganz sachlich angehen. „Nicht gleich nein sagen. Lieber eine Liste mit den Ängsten aufschreiben“, sagt er und Severina ergänzt: „Danach kann man sich fragen, welche Ängste überhaupt begründet sind.“ Ablehnen könne man nach den Gesprächen immer noch. Das Fazit von Severina S. und Patrick C. ist nach fast drei Monaten klar: „Wir haben die Entscheidung keine Sekunde bereut.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: