Das Wechselspiel von Licht und Farbe geben den neu gestalteten Räumen im Pflegestift Esslingen-Kennenburg Foto: Horst Rudel

Im Esslinger Pflegestift Kennenburg hat der Architekt Christian Kandzia ein Farbkonzept verwirklicht, das Rücksicht auf das Empfinden der dementen Bewohner nimmt.

Esslingen - Welche Farbe hat die Demenz? Mit dieser Frage hat sich der Esslinger Architekt Christian Kandzia in den vergangenen Monaten intensiv auseinandergesetzt. Eine einfache Antwort hat er nicht gefunden. So, wie sich der Leistungsabbau im Gehirn und der Verlust der Gedächtnis- und Denkfähigkeit von Mensch zu Mensch unterschiedlich auswirkt, so variiert auch das Farbempfinden. Im Esslinger Pflegestift Kennenburg, in dem 80 betroffene Menschen betreut werden, hat der mit dem Farbkonzept betraute Architekt folgerichtig mehr als 100 verschiedene Farben eingesetzt.

Das Pflegestift ist in einem Gebäudeteil des mit rund 200 Plätzen größten Altenwohnheims im Kreis Esslingen untergebracht. In dem 20 000 Quadratmeter Nutzfläche umfassenden Zentrum im Esslinger Norden haben derzeit die Bauarbeiter das Sagen. Rund 16 Millionen Euro nimmt der Betreiber, die Dienste für Menschenin Stuttgart, in die Hand, um den gesamten Gebäudekomplex funktionell zu ertüchtigen und in einem neuen, freundlicheren Licht erscheinen zu lassen.

Motto: „Gut muss es werden.“

Auf der Suche nach diesem freundlichen Licht, hat Kandzia von Oktober bis April beinahe jeden zweiten Tag auf der Baustelle verbracht. Immer wieder rein in die unfertigen Räume und Flure, raus in die Natur, Farben eingefangen, Farbfächer auslegen im Licht der Baulampen, in der Abendstimmung, im Morgengrauen, über Grundrissen brüten, Vorhänge abstimmen – was jetzt im vollendeten Zustand wie von leichter Hand hingeworfen wirkt hat viele Stunden der Vorbereitung gekostet. „Gut muss es werden, da mache ich keine Kompromisse“, sagt Kandzia, der Licht- und Farbgebung immer als ein sich gegenseitig beeinflussendes Wechselspiel begreift.

„Es ist gut geworden“, bestätigen Heike Schneider, die Pressesprecherin der Dienste für Menschen und Petra Herrmann, die für das Pflegestift zuständige Regionalleiterin. Und es wirkt. „Wir betreuen Menschen, die sind in Folge der Demenz ganz in sich gekehrt. Andere wiederum sind Tag und Nacht aktiv“, sagt Heike Schneider. Kandzia habe den Spagat geschafft, die Farben von Wänden und Decken so zu wählen, dass sie einerseits anregend und andererseits beruhigend wirkten.

Rhythmisierung als Stilmittel

„Man geht immer auf etwas Schönes zu“, erklärt der Architekt den Grundgedanken. Die Rhythmisierung der Farben in den Fluren wird seinen Worten zufolge erst beim Durchschreiten erfahrbar. Die wechselnde Intensität der Farbflächen machten den 40 Meter langen Weg von einem Ende zum anderen kurzweilig und abwechslungsreich. Am Nordende werden Bewohner und Besucher von einem zarten Frühlingsgrün empfangen, am Südende von einem weichen Himmelblau. Um das Beziehungsgeflecht zu beschreiben, das sich je nach Standpunkt des Betrachters stetig verändert, greift Kandzia zu Parallelen aus der Musik. „Das visuell erlebbare Auf- und Abschwellen ist vergleichbar mit dem Crescendo beim Orgelspielen“, sagt er.

Ein besonderes Augenmerk hat der Farbgestalter auf die Decken gelegt. „Weil in einem Pflegestift aus hygienischen Gründen keine Teppiche auf den blanken Böden liegen dürfen, sind die Decken sozusagen der Ersatz für die schönen Teppiche, die die Bewohner vielleicht einmal zu Hause hatten“, erklärt Kandzia. Leichte, helle Farben bewirken, dass sich die Räume über die vertieften Deckenfelder nach oben, zum Himmel hin, öffnen. Die Illusion wird durch eine gezielte Farbwahl – hellgelb, hellrosa, hellblau – noch verstärkt. Demenz, der Eindruck drängt sich im Pflegestift spätestens beim Blick nach oben auf, hat vielleicht nicht eine typische Farbe, aber eine Befindlichkeit: Pastell.

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