Mit Workshops will die Stadt das Bewusstsein für Diversität fördern. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Esslingen bekennt sich zu den Werten der Vielfalt und Diversität und zur Förderung eines offenen, vorurteilsfreien Arbeitsklimas. Um ein Signal zu setzen, tritt die Stadt der Charta der Vielfalt bei. Doch dieser Schritt war im Gemeinderat umstritten.

Mehr als 5000 Firmen, Kommunen und Organisationen haben bundesweit die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Künftig wird auch die Stadt Esslingen dazugehören – mit 21 zu 19 Stimmen hat der Gemeinderat zugestimmt. Kritiker betonten, dass ihnen Diversität und ein wertschätzender Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso am Herzen liege. Allerdings fanden viele, dass reales Handeln wichtiger sei als plakative Bekenntnisse. Die Stadtverwaltung selbst hatte stets betont, sie stehe bereits heute für die Werte der Vielfalt und Diversität und fördere ein offenes, vorurteilsfreies Arbeitsklima.

 

„Wichtiges Signal“

Oberbürgermeister Matthias Klopfer erklärte, der Beitritt zu der Charta sei ein wichtiges Signal für die Personalbindung und -gewinnung. Und Jitka Sklenarova, die Beauftragte für Chancengleichheit, sagte: „Wir stehen im Wettbewerb um gutes Personal. Es geht nicht um Symbolpolitik.“ Die Förderung der Vielfalt habe positive Auswirkungen auf das Arbeitsklima. Mit der Unterzeichnung verpflichtet sich die Stadt, „Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt und zu allen weiteren Punkten der Charta zu ergreifen“. Geplant sind unter anderem Werbekampagnen, regelmäßige Workshops für Führungskräfte, Fortbildungen und Aktionen am Diversity-Tag, unterstützt durch eine „Diversity Allianz Esslingen“.

Dass die Meinungen im Gemeinderat geteilt waren, hatte sich bereits abgezeichnet, als das Thema im Oktober vertagt worden war. Nun kam es zum Schwur. Tim Hauser (CDU) wunderte sich, dass Esslingen erst 18 Jahre nach Veröffentlichung der Charta unterzeichnen wolle. Da die Stadt selbst betone, dass sie die Werte bereits fördere und vorlebe, fragte er sich: „Wozu dieser Schritt, wenn wir so gut aufgestellt sind?“ Wertschätzender Umgang müsse eine Selbstverständlichkeit sein. „Ob wir unterzeichnen, ist keine Frage von Gut und Böse“, sagte Hauser. Jörg Freitag (Grüne) fand, die Charta sei gut fürs Image: „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legen Wert auf einen wertschätzenden Umgang.“ Christa Müller (SPD) sagte, es sei „kein gutes Zeichen, wenn wir nicht schnell und einstimmig zustimmen“. Die Unterschrift sei ein gutes Symbol. Matthias Vetter (Freie Wähler) bekannte sich für seine Fraktion zu einem fairen und bunten Esslingen. Ein wertschätzender Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern strahle weiter hinaus als eine Marke im städtischen Briefkopf. Deshalb wollen die Freien Wähler eine bessere Ausstattung des Referats für Chancengleichheit.

„Eine Selbstverständlichkeit“

Rena Farquhar (FDP/Volt) fand: „Diversität sollte für eine Stadtgesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein.“ Ihre Fraktionskollegin Anita Maticevic stimmte dem Beitritt zur Charta zu. Martin Auerbach (Linke/FÜR) warb für die Unterzeichnung und will die Befürworter einer besseren Finanzierung des Referats für Chancengleichheit beim Wort nehmen. Stephan Köthe (AfD) befand, die Stadt müsse sich nicht plakativ zu Werten bekennen, die bereits im Grundgesetz festgeschrieben und damit verbindlich seien. Wenn die Stadt diese Werte seit Jahren so vorbildlich lebe, wie sie das versichere, sei ein förmlicher Beitritt nicht nötig und könne zu mehr Bürokratie führen. Und Hermann Beck (WIR/Sportplätze erhalten) verwies darauf, durch die Charta verpflichte sich die Stadt auch, regelmäßig Akzente für Diversität zu setzen.

Klopfer sprach mit Blick auf eine mögliche Ablehnung merklich bewegt von einem falschen Signal an die Mitarbeiter und verwies auf andere Städte, wo der Gemeinderat einstimmig mit Ja votiert habe. Dass er in einer über weite Strecken sachlichen Debatte zu viel Emotionalität registriert hatte, überraschte manches Ratsmitglied allerdings.