Der umkämpfte Esslinger Alicensteg hat einen Vorgänger, vom Fabrikanten Oskar Merkel gestiftet. Um die historische Brücke, auf der so manche Liebesgeschichte ihren Anfang nahm, rankt sich eine lokale Legende.
„Man glaubt, sich von einem guten Freund trennen zu müssen, dem man viel Schönes und Gutes verdankt und der es verdient, in guter Erinnerung zu bleiben.“ Es sind Abschiedsworte an den Alicensteg, denen heute wohl viele Esslingerinnen und Esslinger zustimmen würden – wenn auch der Abriss der Fußgängerbrücke über Neckar und B 10, so hoffen viele, vielleicht abgewendet werden kann.
Doch gesprochen wurden sie bereits 1967 von Otto Jesinger, Betriebsarchivar der Firma Merkel und Kienlin. Denn 1967 stand das Ende des Vorgängers des heutigen Betonstegs bevor, der der Kanalisierung des Neckars und dem Bau der B 10 „zum Opfer“ fiel, wie Jesinger sagte. Die Abschrift seiner Rede liegt heute im Esslinger Stadtarchiv.

Blick auf den Alicensteg vom Neckar aus. Foto: Roberto Bulgrin
Alicensteg - Das Urbauwerk war filigraner
Das Urbauwerk, ein eiserner Gittersteg, war 1891 eröffnet worden. Die Konstruktion, gefertigt in der Esslinger Maschinenfabrik, war filigraner und mit 1,60 Meter Stegbreite und 102 Meter Gesamtlänge auch schmaler und kürzer als der heutige Bau. Am Tag nach der Eröffnung am 23. Juni 1891 schrieb die Eßlinger Zeitung dem Alicensteg eine „hohe Eleganz“ zu. Der Name wurde bald zum „Begriff für die Stadt“, wie Jesinger sich 1967 erinnerte.
Und um seine Entstehung rankte sich eine Art lokale Legende. Noch heute erzählen sich Esslingerinnen und Esslinger, Oskar Merkel habe ein Gelübde abgelegt, er werde die Brücke bauen, wenn seine schwer erkrankte Tochter Alice wieder genese. „Hier mischte sich wohl liebenswürdige Dichtung und Wahrheit“, kommentiert Gert von Klaß in seinem Buch „Die Wollspindel. Ein schwäbisches Familienportrait“ von 1955. Zwar war die Fabrikantenfamilie Merkel wohl tatsächlich in den Jahren zuvor an Typhus erkrankt, wobei es Tochter Alice am schwersten traf.
Das geht aus persönlichen Briefen und auch der Rede Merkels zur Eröffnung des Stegs hervor, die beim Wirtschaftsarchiv der Universität Hohenheim und im Stadtarchiv Esslingen liegen. Merkel sagte 1891, damals sei „bei ihm zu einem Entschluß herangereift, eine Brücke herstellen zu lassen“. Er bitte deshalb, den Namen Alicensteg gutheißen zu wollen. Doch der Fabrikant sagte auch, es sei schon lange sein „stiller Wunsch gewesen, daß an dieser Stelle des Neckars eine Verbindung mit dem linken Ufer hergestellt werden möchte“.
Alicensteg kam Arbeitern zu Gute
„Die Erkrankung seiner Tochter war vielleicht ein Anlass, aber der Gedanke, den Steg zu bauen, ist schon vorhanden gewesen“, meint auch Archivarin Iris Sonnenstuhl-Fekete vom Esslinger Stadtarchiv. Und die Stiftung der etwa 22 000 Goldmark teuren Brücke war sicher nicht nur „zum Nutzen und zur Erholung der Einwohner“ gedacht, wie Merkel zur Eröffnung sagte.
Seine Arbeiter kamen zu einem großen Teil zu Fuß aus Berkheim und von den Fildern und mussten bei ihrem langen Marsch zur Textilfabrik, die im Bereich des heutigen Merkel’schen Parks lag, einen Umweg über die Pliensaubrücke machen. „Oskar Merkel war sicher nicht nur Philanthrop, sondern vor allem Geschäftsmann“, sagt Sonnenstuhl-Fekete. Die Wohltaten für seine Beschäftigten, unter anderem auch eine Krankenkasse und Firmenwohnungen, dienten auch der Firma. Wenn das Personal zufrieden sei, arbeite es besser. Trotzdem sei es anerkennenswert, so die Archivarin, dass Merkel der Stadt auch das Merkel’sche Schwimmbad gestiftet habe.
Erinnerungen an den Alicensteg
Und der Alicensteg wurde eben nicht nur Arbeitsweg, sondern auch Freizeitort. Betriebsarchivar Jesinger erinnerte sich an die vielen Schlittschuhläufer auf dem Neckar unter der Brücke um die Jahrhundertwende. Und Walter Frasch schreibt in seinem Buch „Esslingen am Neckar, die mittelalterliche Brückenstadt“ von 1985, die Konstruktion der Brücke sei so weich gewesen, dass man nicht im Gleichschritt darüber gehen konnte, weil sich die Schwingungen aufschaukelten. Was wiederum Schüler dazu verleitete, es aufs Äußerste zu treiben.
„Der Alicensteg war einer der beliebtesten Treffpunkte der Esslinger für Ausflüge, Vereine und so manches junge Glück hat dort seinen Anfang genommen“, sagte Jesinger zum Abschied. „Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Allein, es bleibt ein Trost, nämlich der, dass anstelle des alten, abzubauenden Stegs etwa 15 Meter neckaraufwärts ein neuer Alicensteg entstehen wird.“ Der alte werde eingehen in die Geschichte der Stadt.
Geschichte der Familie, Gegenwart der Brücke
Die Textilfabrikanten 1830 kauften Conrad Wolf, Johannes Merkel und Ludwig Kienlin die Textilfabrik von Georg Christian Kessler, der sich der Sektproduktion zuwandte. Sie gründeten die Firma „Merkel & Wolf“, die sich der Kammgarnspinnerei, Zwirnerei und Färberei verschrieb. Sie leitete schnell die Mechanisierung der Produktion ein und war einer der größten Arbeitgeber in der lokalen Textilindustrie. Ab 1891 firmierte das Unternehmen unter „Merkel & Kienlin“. Oskar Merkel folgte 1870 auf seinen Vater. In der Zeit, in der er die Geschäfte mit Albert Kienlin führte, stieg die Zahl der Mitarbeiter auf fast 1000. In den 1970ern wurde die Firma aufgelöst.
Der Stifter und die Tochter Weitere Zeichen des Stifters Oskar Merkel (1836-1912) im heutigen Esslingen sind das von ihm erbaute und an die Stadt gestiftete Merkel’sche Bad und das Wohnhaus der Familie Villa Merkel, in dem sich heute die städtische Galerie befindet. Seine Tochter Alice, geboren 1865 und Namensgeberin des Alicenstegs, heiratete Heinrich Berg, Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart.
Der Alicensteg Der 1968 erbaute Alicensteg ist seit 2015 wegen Baufälligkeit gesperrt. Kürzlich hat der Ausschuss für Technik und Umwelt im Gemeinderat auf Empfehlung der Verwaltung mehrheitlich dem Abriss zugestimmt. Doch nun regt sich Widerstand im Gremium. Die Verwaltung stellte eine weitere ATU-Beratung im März in Aussicht. Nun hat die Grünen-Gemeinderatsfraktion beantragt, nochmals in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen zu entscheiden.
Dieser Text ist das erste Mal am 16.02.2021 in unserem Angebot erschienen.