Der Esslinger Bert Heim war viel mehr als nur ein Buchhändler – er hat ein Stück Esslinger Kultur verkörpert. Und er ist sich immer treu geblieben. Viele trauern um ihn.
Es gibt Menschen, die eine Stadt bunter und lebendiger machen. Weil sie die Welt mit Herz und Verstand betrachten, weil sie eine klare Haltung haben, weil sie nie im Mainstream mitschwimmen, weil sie ihre Gedanken pointiert zum Ausdruck bringen und weil sie Ecken und Kanten zeigen, auch wenn das nicht jedem gefällt. Bert Heim war einer dieser Menschen. Er war Buchhändler, er hat sich politisch und kulturell engagiert, sein Herz schlug links. Nun ist er im Alter von 78 Jahren gestorben. Diejenigen, die ihm verbunden waren, trifft die Nachricht von seinem Tod wie ein Schlag in die Magengrube. Weil der Gedanke wehtut, dass er nie mehr rauchend vor „seinem“ Buchladen „Die Zeitgenossen“ in der Strohstraße sitzen, über Literatur plaudern und das Weltgeschehen oder die Irrungen und Wirrungen der Esslinger Stadtpolitik kommentieren wird.
„Lesen ist wunderbar. Man kann in einem Buch die ganze Welt bereisen. An Büchern erkennt man auch, dass man sich mit dem Lauf der Jahre verändert. Ein Buch macht etwas mit dir.“
Bert Heim (1948 – 2026)
Bert Heim hatte einen fein justierten moralischen Kompass – ein Luxus, den sich heute nicht mehr jeder leisten mag. An seinen Werten hat er auch andere gemessen. Prinzipienlosigkeit, Heuchelei und Egoismus waren ihm zuwider. Er war ein kluger, sehr belesener Mann, der leidenschaftlich mit anderen über Bücher und die Politik diskutiert hat. Und der auch selbst ein Meister des geschriebenen Wortes war.
„Lesen ist wunderbar“
Er hat wenig von Menschen gehalten, die das, was sie Überzeugungen nennen, so bereitwillig wechseln wie die Unterwäsche. Man musste nicht immer einig mit ihm sein, bekam auch so manchen ironischen Spruch in der ihm eigenen brottrockenen Art mit auf den Weg. Doch wer das Glück hatte, den Menschen Bert Heim kennen zu dürfen, konnte gar nicht anders, als ihn mit seiner ganz speziellen Art zu mögen.
Ursprünglich wollte Heim Lehrer werden. Nach einer Zwischenstation als Tierpfleger in der Wilhelma gründete er mit Gleichgesinnten den Buchladen Provinzbuch, später dann Die Zeitgenossen, die er inzwischen einer Genossenschaft anvertraut hat. „Anfangs hatte ich mir vorgestellt, dass man als Buchhändler den ganzen Tag lesen kann“, hat er vor Jahren erzählt. „Aber eine Buchhandlung ist leider richtig viel Arbeit.“ Es war stets ein Vergnügen, sich mit ihm über Bücher zu unterhalten. „Lesen ist wunderbar“, hat er gern betont. „Du erlebst spannende, aufregende Dinge, ohne dass du dich selbst in Gefahr begibst. Du kannst dich entspannt zurücklehnen, es passiert dir nichts. Man kann in einem Buch die ganze Welt bereisen, auch wenn man kein Geld hat. Ein ängstlicher Typ kann dahin gehen, wo es gefährlich ist. Man kann von Erfahrungen profitieren, die andere gemacht haben.“ Und immer wieder hat er beobachtet, wie stark ihn das Gelesene beeinflusst: „An Büchern erkennt man, dass man sich mit dem Lauf der Jahre verändert. Ein Buch macht etwas mit dir.“
„Der Bert“ ist sich immer treu geblieben
Bert Heim ist sich immer treu geblieben. Bei zwei Bürgerentscheiden zum Standort der Stadtbücherei hat er sich glasklar positioniert und konsequent engagiert, auch wenn ihm dafür der Wind derer, die anders dachten, bisweilen eiskalt ins Gesicht geweht hat. Dass die Esslinger nur wenige Tage vor seinem Tod mit überdeutlicher Mehrheit ganz im Sinne von Bert Heim für eine Zukunft der Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof votiert haben, mag ihn in seinen letzten Stunden ebenso gefreut haben wie die Nachricht, dass „seine“ Buchhandlung Die Zeitgenossen ein zweites Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis bedacht wurde. In beidem lebt sein Vermächtnis weiter.
Der von ihm geschätzte Bertolt Brecht schrieb einst: „Ich benötige keinen Grabstein, aber wenn ihr einen für mich benötigt, wünschte ich, es stünde darauf: Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen. Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.“ Bert Heim hat Vorschläge gemacht. Nicht alle fanden den verdienten Widerhall. Gewiss ist: Mit Bert Heim verliert die Stadtgesellschaft eine schillernde Facette. Er wird fehlen – auch manchen, denen erst jetzt bewusst wird, wie wertvoll Menschen wie er für ein lebendiges Esslingen sind.