Der „Autormat“ von Jochen Weeber spuckt für einen Euro keine Passbilder, sondern Geschichten aus. Foto: Pressefoto Horst Rudel/Horst Rudel

Das Jubiläumsfest des Literaturreihe Lesart hat den Besuchern im Alten Rathaus einen niederschwelligen Zugang zu Texten und Autoren geboten.

Esslingen - Das war knapp! Nachsitzen haben sie an diesem Freitag nicht müssen, die Schülerinnen und Schüler der elften Klasse des Georgii-Gymnasiums. Kurz vor dem Ablauf der Frist von 20 Minuten war der Lösungssatz („Und der sodann erfährt, wie ihn der Tagwind in den Garten Eden weht“, aus Raoul Schrotts „Eine Geschichte des Windes“) gefunden, und die Türe des literarischen Escape-Rooms im Alten Rathaus in Esslingen hat sich wieder geöffnet. Literatur zum Anfassen – das ist das Motto des Jubiläumsprogramms gewesen, mit dem das Esslinger Literaturfestival Lesart zum Auftakt des diesjährigen Lesemarathons seinen 25. Geburtstag gefeiert hat.

Der Literaturkurs der Georgii-Lehrerin Sabine Weller hat das Angebot im Alten Rathaus – von „Autormat“ über die Schreibwerkstatt bis hin zum Escape-Room – weidlich ausgenutzt. „Ich wollte die Klasse eigentlich nur auf die Lesungen am Abend hinweisen. Da sind sie im Programmheft über das tolle Nachmittagsprogramm gestolpert“, sagt Sabine Weller, die den Unterricht daraufhin kurz entschlossen ins Alte Rathaus verlegt hat. Die spontane Aktion der Georgii-Schüler, weg von der harten Schulbank, hin zur sinnlichen Leseoase, ist ganz im Sinne von Renate Luxemburger gewesen. „Wir wollten mit dem Jubiläumsprogramm mal vom klassischen Format abweichen und die sinnliche Erfahrung beim Lesen und Schreiben in Szene setzen“, sagt die Lesart-Organisatorin, die das Jubiläumsprogramm mitentwickelt hat.

Eine Geschichte für einen Euro

Einen weiteren niederschwelligen Zugang zur Literatur hat der „Autormat“ geebnet, den der Autor Jochen Weeber und die Schauspielerin Natascha Meyer mit Leben gefüllt haben. Im Stil eines Fotoautomaten aufgebaut, produziert dieser nach dem Geldeinwurf nicht etwa Passbilder, sondern Worte, Sätze und Geschichten. Für den Gegenwert einer Ein-Euro-Münze gibt es je nach Wahl einen Minikrimi, Gedichte, eine Geschichte für Kinder oder eine Kurzgeschichte. Die stammen, mit Ausnahme der Märchen für ganz jungen „Autormat“-Nutzer, ausnahmslos aus der Feder von Jochen Weeber. „Das macht tierisch Spaß“, sagt der Literat, der die Poesie-Kabine erfunden hat und sie pro Jahr etwa drei- bis viermal aufbaut. „Da komme ich mit den unterschiedlichsten Leuten in Kontakt. Denen gebe ich eine Geschichte mit. Das ist jedes Mal wie eine kleine Begegnung unter einem literarischen Himmel“, schwärmt der Reutlinger Autor, dem unter anderem im Jahr 2004 das Esslinger Bahnwärter-Stipendium zuerkannt worden war.

Lyrik-Duelle am Abend

Nicht einmal einen symbolischen Euro, sondern gar nichts hat der Eintritt am Abend gekostet. Im Trauzimmer haben sich unter der Federführung von Andreas Roos von Rosen’s Lyrik-Salon je ein Autor und eine Autorin im ästhetischen Lyrik-Duell gemessen.

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