Eine Radschnellwegtrasse durch die Pliensauvorstadt gilt als herausfordernd – unter anderem wegen dichter Bebauung und zahlreicher Kreuzungen. Foto: Roberto Bulgrin

Nach der ersten Diskussion über eine mögliche Südroute des Radschnellwegs bleiben viele Stadträte skeptisch. Wann eine Entscheidung über den Abschnitt zwischen Alicensteg und Stuttgart fallen könnte, ist ungewiss.

Vorhang zu und alle Fragen offen – mit diesem Zitat fasste der SPD-Stadtrat Andreas Koch die Diskussion zum Thema Radschnellweg am Montag durchaus treffend zusammen. Erstmals hatten die Stadträte im Mobilitätsausschuss über die neuerdings empfohlene Südroute für den Radschnellweg zwischen Alicensteg und Stuttgart debattiert. Klar ist jetzt aber nur, dass mit einer schnellen Entscheidung über die Trassenführung für diesen Abschnitt nicht zu rechnen ist.

 

Schon im Vorfeld hatte es zahlreiche Proteste gegen eine Radschnellwegtrasse südlich des Neckars und durch die Pliensauvorstadt gegeben. Nachdem Ende November bekannt geworden war, dass Stadt und Land neuerdings eine solche Südroute favorisieren, hatten sich zahlreiche Interessensgruppen kritisch dazu geäußert. Auch im Gemeinderat stößt die Trasse bei vielen auf Skepsis. Umso mehr bemühten sich die Vertreter des Regierungspräsidiums Stuttgart (RP) in der Ausschusssitzung am Montag, ihre Beweggründe für die Empfehlung der Südroute zu erklären. Doch nicht alle in dem Gremium ließen sich von der Argumentation überzeugen.

Aus verkehrlicher Sicht ist die Nordroute Favorit

Stefan Heß, Leiter der Abteilung Mobilität, Verkehr, Straßen beim RP, betonte mehrfach, dass seine Behörde aus rein verkehrlicher Sicht klar die Nordroute für den Radschnellweg zwischen Alicensteg und Stuttgart befürworte. Denn hier sei eine breitere Fahrbahn möglich, es gebe weniger Querungen, mehr Nutzerpotenzial und keine Zeitverluste durch Umwege oder Kreuzungen. Doch um den Artenschutz komme man nicht herum. Man habe auf der Nordseite unter anderem streng geschützte Tierarten und wertvolle Biotope entdeckt – und angesichts der Tatsache, dass es eine Alternative südlich des Neckars gebe, sei eine Ausnahmegenehmigung für den Bau einer Nordtrasse höchst unwahrscheinlich. Zumal südlich des Neckars mit weniger Artenschutzkonflikten und kaum Beeinträchtigungen von Erholungsgebieten zu rechnen sei, es dort weniger wertvolle Grüngebiete gebe und für einen Radschnellweg weniger neue Flächen versiegelt werden müssten.

Vor allem Freien Wählern, FDP und CDU leuchtete das aber nicht ein – schließlich sei in dem für die Nordroute des Radschnellwegs vorgesehenen Gebiet auch der Neckaruferpark samt einem drei Meter breiten Radweg geplant. „Haben wir beim Neckaruferpark dann auch artenschutzrechtliche Probleme?“, fragte etwa die FDP-Fraktionschefin Rena Farquhar. Heß verneinte und verwies darauf, dass ein entscheidender Punkt eine mögliche Alternative sei – die es im Fall des Radschnellwegs eben südlich des Neckars gebe. Und Baubürgermeister Hans-Georg Sigel betonte, für den Neckaruferpark liege bereits eine Ausnahmegenehmigung vor.

Damit wollten sich die Stadträte jedoch nicht zufrieden geben. „Wir sehen den Tod der Nordvariante noch nicht“, sagte etwa Hermann Falch (Freie Wähler) – schließlich wisse man bei der Südvariante noch gar nichts. Bislang habe niemand darstellen können, welche Route durch die Pliensauvorstadt funktionieren könnte. Und eine artenschutzrechtliche Untersuchung, wie sie für die Nordtrasse vorliege, gebe es für die Südvariante auch noch nicht, ergänzte FDP-Rätin Farquhar. Zumal man die Menschen in der Pliensauvorstadt nicht vergessen dürfe, die ohnehin schon in einem dicht bebauten Gebiet mit zahlreichen Verkehrsknoten wohnten, so Farquhar.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Tim Hauser befand: „Was in der Vergangenheit passiert ist, war schlichtweg Mist.“ Der Schwenk von der bis dato favorisierten Nordtrasse zur Südroute habe nicht nur für Verunsicherung gesorgt, sondern auch für zusätzliche Verzögerung. Und warum ein drei Meter breiter Radweg durch den Neckaruferpark möglich sei, ein vier Meter breiter Radschnellweg aber nicht, sei kaum nachzuvollziehen. „Wir würden gern an der Nordvariante festhalten, für die Südroute lässt keiner sein Auto stehen“, betonte der CDU-Fraktionschef.

Gutes Radnetz statt Radschnellweg?

Auch Tobias Hardt, Fraktionschef der Linken, sah kaum Möglichkeiten für eine sinnvolle Südtrasse: „Vielleicht müssen wir vom Thema Radschnellweg weg und lieber gescheite Verbindungen von Radwegen schaffen“, schlug er vor. Das ist auch das Fazit der Grünen: „Wir werden nicht den einen Radschnellweg auf Esslinger Gemarkung bekommen, sondern viele Verbindungen auf Nord- und Südseite des Neckars“, so Grünen-Rat Jürgen Menzel.

Während die SPD-Rätin Heidi Bär plötzliche Kehrtwenden bei den Trassenvorschlägen sowie fehlende Kommunikation bemängelte, befürchtete ihr Fraktionskollege Andreas Koch, dass auch eine Südtrasse noch aus artenschutzrechtlichen Gründen scheitern könnte. Immerhin läuft die entsprechende Untersuchung noch bis zum Herbst – eine Entscheidung über die Trasse kann erst danach gefällt werden. Koch: „Wir sind mitnichten am Ziel, wir sind mittendrin.“

Wie geht es jetzt weiter?

Land
 Das Regierungspräsidium Stuttgart (RP) hat bereits mit einer artenschutzrechtlichen Kartierung südlich des Neckars auf dem Abschnitt zwischen Alicensteg und Stuttgart begonnen. Diese wird voraussichtlich im Herbst abgeschlossen und soll eine Grundlage für die Entscheidung über die Radschnellwegtrasse in diesem Bereich bilden. Parallel dazu treibt das RP die Entwurfsplanung für die Gesamttrasse östlich des Alicenstegs voran.

Stadt
 Für die Trassenplanung innerhalb der Pliensauvorstadt ist die Stadt Esslingen zuständig. Im Mobilitätsausschuss stellte sie klar, dass die Südtrasse in dem dicht bebauten Stadtteil eine große Herausforderung darstelle und der Radschnellweg-Standard in Teilbereichen sicher nicht eingehalten werden könne. Laut Baubürgermeister Hans-Georg Sigel ist der Stadt vor allem eine gute Vernetzung der verschiedenen Radwege wichtig. In den nächsten Monaten soll eine Öffentlichkeitsbeteiligung für die Südtrasse stattfinden, ein Beschluss über den Streckenverlauf ist voraussichtlich nicht mehr in diesem Jahr möglich.