Wo das Reh lag, waren am Tag darauf nur noch kleine Blutspritzer zu sehen. Foto: xan / dpa (Symbolbild)

Ein Jäger erschießt ein Reh in Esslingen, nachdem es panisch in einen Zaun gerannt war und nicht mehr aufstehen konnte. Kein Einzelfall. Was ist da los?

„Es ist, ich muss das leider so hart sagen, elendig verreckt“, sagt die Augenzeugin unserer Redaktion. Am Neujahrstag war sie in der Nähe des Salzmann & Camerer Denkmals in Esslingen unterwegs und entdeckte ein gegen einen Zaun gelaufenes Reh, verrenkt im Schnee. Die rasch informierte Polizei meldete den Vorfall einem Jäger, der das Tier schließlich von seinem Leid erlöste.

 

„Davor gab es einen lauten Knall von einem Böller, vermutlich war das der Auslöser“, sagt die Augenzeugin. Der zuständige Jagdpächter des Gebiets, der mit dem Fall vertraut ist, zeichnet ein anderes Bild: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Böller das Reh aufgeschreckt haben. Die Tiere sind sogar einzelne Schüsse in der Regel gewohnt“, erklärt Robert Clauß. Seit vielen Jahren ist er als Jäger mit zuständig für den Jagdbogen drei in Esslingen, der sich unter anderem von der Stadtmitte über Mettingen bis ins Sulzgries und das Katzenbühl erstreckt.

„Viel wahrscheinlicher ist, dass ein freilaufender Hund für den Vorfall gesorgt hat“, sagt Clauß. Das Reh sei zwei Mal gegen den Zaun gerannt, habe sich dabei wahrscheinlich das Genick gebrochen und konnte nicht mehr aufstehen. Ein Kollege habe das Tier daraufhin erlegt. Im Schnee waren am Tag darauf noch immer kleine Blutspritzer zu sehen. „Solche Dinge passieren leider immer häufiger“, so der Jäger. Allein im Jahr 2025 habe er acht bis zehn ähnliche Fälle in seinem Gebiet erlebt.

Viele Hundehalter sind verantwortungsvoll

„Einmal hat sich ein Hund von seinem Haus losgerissen und ist einen Kilometer weit gerannt, um ein Reh zu malträtieren“, erzählt Clauß. Die Polizei habe den Hund beim Eintreffen auf dem Reh vorgefunden, die beiden getrennt und dem Reh anschließend den Gnadenschuss geben müssen. In einem anderen ihm bekannten Fall seien sogar vier Rehe zu Tode gekommen. Wieder ein anderes Mal habe der Jäger nur noch zwei frisch geborene Rehkitze retten können. Dabei will Clauß nicht alle Hundebesitzer über einen Kamm scheren: „Natürlich gibt es Besitzer, die ihre Tiere im Griff haben – aber oft wäre der Besuch bei einer Hundeschule wichtig.“

Es gebe sehr viele verantwortungsvolle Hundehalter, betont auch Thomas Hogenschurz, Sprecher der Jägervereinigung Esslingen. Oft sei der Hund in den eigenen vier Wänden gut trainiert, doch draußen komme der natürliche Trieb der Vierbeiner durch. „Das passiert auch mit gut erzogenen Hunden“, erklärt er. Alle Jäger machten ähnliche Beobachtungen. „In Aichwald hab ich erlebt, wie ein Reh von einem Hund in einen Zaun gejagt wurde und die ganze Nacht ums Überleben kämpfte. Dabei hat es sich hoffnungslos selbst stranguliert.“

Immer wieder verfangen sich Rehe in Zäunen wie diesem. Foto: xan

Die Corona-Pandemie und der Haustierboom

Beide Jäger sind sich einig, dass die Menge an nicht angeleinten Hunden seit der Corona-Pandemie zugenommen habe. Kein Wunder, hat der weltweite Ausnahmezustand doch für einen regelrechten Haustierboom gesorgt. Schon damals warnte der Tierschutzbund vor der leichtfertigen Anschaffung eines Tieres: „Ein Tier braucht volle Aufmerksamkeit – auch nach Lockdown, Homeoffice und Homeschooling. Sie sind nicht nur ein Zeitvertreib in Pandemiezeiten, sie sind eine Verantwortung fürs Leben.“

Um den Jagdtrieb der Hunde im Zaum zu halten, sei die einzige Lösung, die Tiere anzuleinen, sagt Hogenschurz. „Natürlich könnten wir jetzt für weniger Zäune oder ähnliches appellieren. Aber die Realität ist, dass man nicht viel mehr dagegen tun kann.“ Laut dem Forstamt im Kreis Esslingen gibt es in den Wäldern Baden-Württembergs „keinen generellen Leinenzwang – vorausgesetzt Sie haben Ihren Hund sicher unter Kontrolle. Ist dies nicht der Fall, begehen Sie eine Ordnungswidrigkeit.“ Für das am Neujahrstag zu Tode gekommene Reh kommen jegliche Vorsichtsmaßnahmen zu spät. Doch bei dem Muttertier seien auch zwei Rehkitze gewesen, sagt Jagdpächter Clauß. „Die haben es weggeschafft.“