Sabine Koch-Kamara und Tobias Proksch sind bereit, mit dem Landratsamt zusammen nach Sparpotenzialen zu suchen. Foto: Roberto Bulgrin

Mehrere Bürgermeister, darunter auch Esslingens OB Matthias Klopfer, haben verlauten lassen, dass man auch bei der Inklusion sparen könnte. Wie steht man bei den WEK dazu?

Es gibt eine Finanzkrise. Das steht außer Frage: Es herrscht Flaute in den Kassen der Kommunen. Im Esslinger Haushalt klafft plötzlich ein Loch von mehr als 36 Millionen Euro, da die Stadt mit deutlich weniger Gewerbesteuereinnahmen als bisher erwartet auskommen muss. In vielen Gemeinden ist die Situation ähnlich. Dass die vier Oberbürgermeister von Esslingen, Ludwigsburg, Tübingen und Schwäbisch Gmünd kürzlich auf einer Pressekonferenz neben weiteren Bereichen auch darauf hingewiesen haben, dass bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung gespart werden könnte, sorgte trotz allem bei vielen in diesem Bereich tätigen Organisationen für Empörung.

 

Wie kommen solche Spar-Überlegungen bei den Werkstätten Esslingen Kirchheim (WEK) an? Dort sowie in den beiden Tochtergesellschaften Arbeg-Care und Arbeg-Inklusion arbeiten derzeit etwa 500 Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung oder werden je nach Grad des Handicaps tagsüber betreut.

Der Hauptsitz der WEK befindet sich im Gewerbegebiet Neckarwiesen in Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Aussage des Stuttgarter Oberbürgermeistes kam nicht gut an

Bei den Mitarbeitern, wie die Menschen mit Behinderung dort genannt werden, sei diese Debatte nicht angekommen, sagt Tobias Proksch. Der 46-Jährige leitet seit September vergangenen Jahres die WEK. Jedoch sei es unter den Betreuern, den Mitarbeitern der Verwaltung und den Arbeitserziehern durchaus diskutiert worden.

Vor allem die Aussage, dass man sich vom Schlaraffenland verabschieden müsse, wie Stuttgarts OB Frank Nopper zu einem späteren Zeitpunkt die Aussagen seiner Amtskollegen kommentierte, sei nicht gut angekommen. Obwohl Nopper im Nachhinein klargestellt hat, dass sich dies zu „keinem Zeitpunkt“ auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung bezogen habe. Es sei vielmehr um Großprojekte wie etwa das Operninterim oder die Villa Berg bezogen gewesen.

Grundsätzlich, so erklärt auch Tobias Prokschs Stellvertreterin Sandra Zieger, die Leiterin von Arbeg Care und Arbeg Inklusion, seien die Äußerungen der Bürgermeister in erster Linie als Kritik an Bund und Land verstanden worden, die den Kommunen zu viel abverlangen. Allerdings sei die Rhetorik der Bürgermeister laut den WEK-Chefs ein Problem. Wenn über so etwas gesprochen werde, solle man sich Gedanken darüber machen, wie solche Äußerungen bei den Menschen ankommen, meint Proksch.

WEK hofft auf gemäßigtere Rhetorik

„Wir haben den Wunsch, dass nicht verschiedene Bereiche gegeneinander aufgewogen und ausgespielt werden“, sagt Sandra Zieger. „Jeder Bereich hat seine Berechtigung. Das Wichtige ist, dass wir unsere Arbeit machen können.“

Dass eventuelle Sparmaßnahmen auch die WEK betreffen könnten, davon wird laut Proksch nicht ausgegangen. „Wir haben einen Auftrag“, sagt er. Es gelte schlicht, eine bestimmte Anzahl an Stellen zur Verfügung zu stellen. Würde hier gespart, „würde sich das Landratsamt ins eigene Fleisch schneiden“, da sich dann die Eingliederungshilfe um die Personen mit Behinderung kümmern müsste, die keine Stelle bekommen haben. Außerdem: „Weniger Inklusion betrifft auch die Eltern, die sich dann gegebenenfalls um die Betreuung kümmern müssen.“

Inklusion wird durch Bürokratie erschwert

Bislang funktioniere die Zusammenarbeit durch einen ständigen Austausch mit den Zuständigen vom Landratsamt gut. Für die angespannte finanzielle Situation bestehe Verständnis und sie seien bereit, zusammen an Lösungen zu arbeiten. „Was soll man sagen? Inklusion ist teuer, ja. Lasst uns zusammen überlegen, wie man sparen kann“, sagt Sabine Koch-Kamara, Bereichsleiterin des WEK Förder- und Betreuungsbereichs und ebenfalls Stellvertreterin von Tobias Proksch.

Gerade im Bürokratieabbau sehe man hier Potenziale, sagt Proksch, „damit Arbeiten nicht doppelt und dreifach erledigt werden müssen.“ Beispielsweise sei ein junger Mensch, der aus der Schule in die WEK wechsele ein „weißes Blatt“, bei dem es erst herauszufinden gelte, wo die Stärken und Schwächen liegen. Die Beurteilung der Schule, wo ja genau dies über Jahre bereits ermittelt worden sei, dürfe aus Datenschutzgründen nicht weitergegeben werden. „Die Schnittstellen sind ein Problem“, resümiert Proksch.

Aber bei allen Diskussionen um Kosten sollte man sich laut dem WEK-Chef immer wieder ins Gedächtnis rufen, „dass es hier um die Menschen geht, die im Mittelpunkt stehen.“