Martin Beutelspacher, der Leiter des Stadtmuseums, präsentiert die von Karl Sigrist gestaltete Kriegsanleihen-Werbung. Foto: Horst Rudel

„52xEsslingen und der Erste Weltkrieg“ lautet der Titel eines ambitionierten Langzeitprojekts, mit dem Stadtmuseum, Kulturamt und Stadtarchiv an die Jahrhunderkatastrophe erinnern – Zeit für eine Zwischenbilanz.

Esslingen - Was eine Kriegsanleihe ist, hat den Menschen in Esslingen im Jahr 1916 nicht mehr langatmig erklärt werden müssen. „Zeichnet Kriegsanleihe“, zwei Worte, mehr Befehl denn Aufforderung, mussten genügen. Das zugehörige Plakat ist das 26. Objekt des Monats mit dem das Stadtmuseum die Chronologie des Ersten Weltkriegs und seine Auswirkungen auf die Heimatfront nachzeichnet.

„52x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ heißt das gemeinsame Unternehmen, das das Stadtmuseum, das Stadtarchiv und das Kulturamt vor zwei Jahren, zum 100. Jahrestag der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ begonnen haben. Jetzt, zur Halbzeit des analog zur realen Dauer des Schlachtens in den Schützengräben auf 52 Monate ausgelegten Langzeitprojekts, haben der Museumsleiter Martin Beutelspacher und die für das Begleitprogramm zuständige Katharina Löthe vom städtischen Veranstaltungsmanagement eine positive Zwischenbilanz gezogen.

In der Stadt hat sich ein Stamm von Besuchern herausgebildet

„Bisher war unsere Arbeit geken nzeichnet vom Suchen nach und Finden von Informationen, ab er auch davon, die Besucher überhaupt an die weit zurückliegende Zeit heranzuführen. Jetzt sind wir so weit, dass wir Bezüge herstellen und Lücken aufarbeiten können“, sagt Beutelspacher. In der Stadt habe sich nun ein stabiler Stamm an Besuchern herausgebildet. „Darauf können wir abseits der Selbstläufer bauen“, sagt Beutelspacher.

Einer dieser Selbstläufer war die Veranstaltung „Der Völkermord an den Armeniern 1915/16 – Geschichte und Gegenwart“, die in Esslingen zum lokalen Aufreger geriet, als das Thema bundesweit noch gar nicht auf dem Schirm erschienen war. „Bei der Diskussion war es in den Räumen des Kommunalen Kinos brechend voll“, erinnert sich Katharina Löthe an den 19. Januar. In der Diskussion, unter anderem mit dem Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir, sei es ordentlich zur Sache gegangen. „Das hat die historische Dimension des damaligen Geschehens richtig deutlich gemacht“, sagt Katharina Löthe.

Letzte Chance, etwas über die Befindlichkeit der Bevölkerung zu erfahren

Damit benennt sie auch die Motivation, mit der das Stadtmuseum, das Esslinger Stadtarchiv und das Kulturamt der Stadt das Langzeitprojekt vor 26 Monaten gemeinsam in Angriff genommen haben. „Mit dem Abstand von inzwischen 100 Jahren ist das die letzte Chance, etwas über die Gefühle, die Mentalität, die Biografien und die Stimmungen in der Stadt zu Zeiten des Krieges zu erfahren. Ein paar Jahre später wäre von dieser Befindlichkeit nur noch eine militärisch dominierte Geschichtsschreibung übrig geblieben“, sagt Beutels­pacher. Mehr Fragen als Antworten und immer wieder das Eingeständnis „Keine Ahnung“ schon nach so wenigen Jahren, hätte allen Akteuren zu denken gegeben. „Zuvor hatte es nur einen einzigen Aufsatz in den Esslinger Studien gegeben, der sich mit der Zeit des Ersten Weltkriegs in Esslingen beschäftigt hat“, sagt Beutelspacher.

Schon jetzt steht fest, dass sich das nach Abschluss des Projekts grundlegend ändern wird. Beutelspachers Worten zufolge werden die Objekte des Monats, aber auch die Veranstaltungen und Vorträge in einer Pu­blikation zusammengefasst. Und selbst das wird kein Schlusspunkt sein. Denn eins haben die Organisatoren laut Beutelspacher in den vergangenen 26 Monaten gelernt: „Solche Geschichten haben nie ein Ende.“

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