Die ganze Stadt war auf den Beinen, als Esslingen 1977 mit vielen Aktivitäten Jubiläum feierte. Foto: Stadtarchiv Esslingen

Esslingen rüstet sich für seine 1250-Jahr-Feier 2027. Viele erinnern sich noch heute an den Stadtgeburtstag 1977, der vieles in der Stadt positiv geprägt hat.

1250 Jahre nach ihrer Gründung rüstet sich Esslingen für eine große Geburtstagsfeier. Das Jahr 2027 soll ganz im Zeichen des Stadtjubiläums stehen. Die Bürgerschaft war aufgerufen, sich mit eigenen Beiträgen am Festprogramm zu beteiligen. 121 Ideen wurden eingereicht. Und auch die Stadt will sich nicht lumpen lassen: Der Marktplatz soll mit Millionenaufwand aufgehübscht werden. Andere Projekte wie die Modernisierung der Stadtbücherei oder die Neugestaltung der Ritterstraße, mit denen sich die Stadtgesellschaft selbst das schönste Geschenk machen wollte, werden sich nicht rechtzeitig vollenden lassen. Bei älteren Esslingern weckt der bevorstehende Stadtgeburtstag Erinnerungen an das Jahr 1977. Damals hatte die einstige Reichsstadt ein Jubiläumsjahr organisiert, das bis heute seine Spuren in der Stadt zeigt.

 

Anlässlich des 1225-jährigen Stadtjubiläums erinnerte sich der 2010 verstorbene frühere Oberbürgermeister Eberhard Klapproth 2002 im Gespräch mit unserer Zeitung an das Jubiläumsjahr 1977: „Das stolze Gefühl, Esslinger zu sein, war damals so groß wie lange nicht mehr. Ich war sehr froh darüber, wie sich die Menschen an den Jubiläumsfeierlichkeiten beteiligt haben – angefangen bei den Schulen bis hin zu den Vereinen. Man brauchte damals nur einen Anstoß zu geben, und schon waren alle mit Feuereifer bei der Sache. Das hat weit über das Jubiläumsjahr hinaus gewirkt. Was kann sich eine Stadt Schöneres wünschen?“

Weichen für Esslingens Zukunft gestellt

Für den damaligen OB Eberhard Klapproth war das Stadtjubiläum 1977 viel mehr als nur ein rauschendes Fest. Foto: Archiv

Ein Stadtjubiläum ist stets auch ein Anlass, den Blick zurück zu richten. „Es ging darum, geschichtlich zu denken und sich klar zu machen, dass man in einem Fluss der Generationen lebt“, brachte Eberhard Klapproth die damaligen Überlegungen ein Vierteljahrhundert später auf den Punkt. Und es war alles andere als ein Zufall, dass just im Jubiläumsjahr Otto Borsts bis heute viel beachtetes Monumentalwerk „Geschichte der Stadt Esslingen“ erschienen ist. Sich bewusst zu machen, woher man kommt, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wohin man als Stadtgesellschaft will, war Klapproth, der von 1966 bis 1989 als OB im Rathaus den Ton angab, ein Gebot der Vernunft: „Dieses Erbe gibt uns die Verpflichtung, das zu erhalten und zu gestalten, was uns von früheren Generationen übertragen ist. Dieses Erinnern, wer man ist und woher man kommt, war für mich ein besonderes Anliegen unserer 1200-Jahr-Feier. Und es war für die Stadt auch ein Anlass, sich über ihre künftige Entwicklung klar zu werden und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Das war auch bitter notwendig.“

Als die Stadt damals nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten Bilanz zog, war eine stattliche Zahl von Attraktionen zusammengekommen. Unvergessen ist vielen der Festgottesdienst in der Stadtkirche St. Dionys. „Dass wir dieses Ereignis am Ort des Geschehens erleben durften, hat die Veranstaltung zu einer ganz besonderen gemacht“, erinnerte sich der damalige Oberbürgermeister ein Vierteljahrhundert später. „Immerhin gilt der Ort, an dem heute St. Dionys steht, dank der St. Vitalis-Zelle aus dem überlieferten Testament des Abtes Fulrad als die Keimzelle Esslingens. Das hat alle, die damals dabei waren, sehr aufgewühlt.“ Bleibende Erinnerungen hat der historische Festumzug hinterlassen, um den sich alle von den Bürgermeistern und den Amtsleitern über die Auszubildenden und den Bauhöfen bis hin zu den Vereinen und verschiedensten Bürgerschaftsgruppen verdient gemacht haben. Alle wollten dabei sein.

Für die Galgenstricke der Beginn ihrer kabarettistischen Karriere

Auch die Galgenstricke erinnern sich noch gern an das Stadtjubiläum 1977: Zur Einweihung der eigens zum Jubeljahr frisch renovierten Burganlage wollte Dorothee Renz-Bayer, die Leiterin des städtischen Amtes für Heimatpflege und Kultur, damals ein kulturelles Schmankerl servieren und klopfte in der damaligen Pädagogischen Hochschule an, weil es dort viele theaterbegeisterte Dozenten und Studenten gab, darunter Erich Koslowski und Herbert Häfele. Gemeinsam entwickelte die Truppe schließlich das Theaterstück „Der Ritter von Zwieblingen“. Erich Koslowski sind die damaligen Auftritte noch immer sehr präsent: „Auch wenn es außerhalb von Esslingen Kritiker gab, die einen ernsthaften historischen Hintergrund vermuteten, war das vor allem mal ein Riesenspaß.“ Er selbst war damals als Fürst von Esslingen zu sehen und fuhr standesgemäß in einem Goggomobil vor, begleitet von sechs Gogo-Girls. Der Ritter von Cannstatt seilte sich derweil stilecht vom Seilergang ab – geradewegs ins Amphitheater am Fuße des Dicken Turms. Was anfangs ein Studentenprojekt war, wurde für die Galgenstricke zum Beginn ihrer kabarettistischen Karriere.

„Alle standen zusammen“

Die alte Stadthalle war Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Foto: Stadtarchiv Esslingen

Aktivitäten wie diese gab es 1977 viele. „Alle standen zusammen, jeder hat sein Bestes fürs Gelingen der 1200-Jahr-Feier getan, und das tat gut“, blickte Eberhard Klapproth 2002 auf diese außergewöhnlichen Momente der Stadtgeschichte zurück. „Nur durch dieses große Engagement unzähliger Esslinger konnte die 1200-Jahr-Feier zu einer derart harmonischen Begegnung werden, die keiner, der damals dabei war, je wieder vergessen wird. Viele haben das Stadtjubiläum damals auch als eine Schule des Selbstbewusstseins empfunden. Dies war nicht nur in Esslingen spürbar, sondern wurde übertragen auch auf unsere Beziehungen nach außen in den Partnerstädten, die bewusst in die Feiern einbezogen waren.“