Monika Kusterer (links) und Angelique Miksa, die Leiterin der Tagesstätte im Zentrum für Arbeit und Kommunikation Esslingen (ZAK), stoßen mit dem neuen Martiniwein auf gutes Gelingen an. Foto: Rudel

Das Esslinger Weingut Kusterer hat den Martiniwein 2019 vorgestellt. Ein Teil des Erlöses wird wie in den 24 Jahren zuvor wieder einer guten Sache zugeführt.

Esslingen - Sogar der Vatikan, so erzählt Monika Kusterer vom gleichnamigen Esslinger Weingut, hatte vor Jahren mal eine Lieferung Martiniwein aus den Terrassenlagen der Neckarstadt bestellt. Ein Wein für die Armen, das Argument hat den Kirchenstaat überzeugt. Die Bestellung aus Rom war eine Eintagsfliege, die Neuauflage des Martiniweins gibt es dagegen schon 24 Jahre. Die Kusterers haben im Jahr 1995 eine 800 Jahre alte Tradition wieder aufleben lassen und schenken zwischen dem Martinstag, 11. November, und Weihnachten einen Wein aus, in dem Wohlgeschmack und Wohltätigkeit eine gedeihliche Verbindung eingehen.

Ein Euro pro verkaufte Flasche kommt einer Organisation zugute, die sich um die Abgehängten in der Gesellschaft kümmert. Vom Martiniwein 2019, einem trockenen Trollinger aus der Steillage, profitiert die Esslinger Tagesstätte ZAK. Das Zentrum für Arbeit und Kommunikation (ZAK) für Menschen mit psychischen Erkrankungen unterhält in der Franziskanergasse 7 ein Café und eine Werkstatt. „Begegnung und Beschäftigung“ lauten die Schlüsselbegriffe für die rund 190 Menschen, die dort regelmäßig zu Gast sind oder dort arbeiten.

Der Esslinger Martiniwein ist 1213 erstmals erwähnt worden

Im Mittelalter wären die Menschen, die in dem Zentrum Halt und Hilfe suchen, wohl auch in den Genuss des Martiniweins gekommen. Die Ausgabe des guten Tropfens an die Armen und Bedürftigen der Stadt ist im Jahr 1213 erstmals erwähnt worden. Ein knapper Liter Wein hat den Aufzeichnungen zufolge denjenigen zugestanden, die keinen eigenen Wein im Keller hatten. 500 Jahre lang hat sich die Tradition gehalten, dann hat die „kleine Eiszeit“ mit ihren vielen Missernten ihr ein Ende gesetzt.

Auch der Termin des Ausschanks ist nicht zufällig gesetzt. Im Mittelalter war nicht der 31. Dezember, sondern Martini das Ende des Jahres. Am 11. November waren in einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft die Naturalabgaben, die Steuer, die Pacht fällig. Den Knechten und Mägden auf dem Hof wurde der Lohn ausgezahlt. Der Tag und seine gesellschaftliche Bedeutung ist in der modernen Industriegesellschaft in der Versenkung verschwunden, ebenso wie das Sprichwort „Sankt Martin ist ein harter Mann für den, der nicht bezahlen kann“.

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