Isabel Acker dankt ihren Studenten, die zu Lebensrettern wurden. Foto: Horst Rudel

Isabel Acker hatte einen Herzstillstand. Es ging um Sekunden. Studenten begannen im Hörsaal sofort mit der Wiederbelebung der Professorin aus Esslingen.

Esslingen/Geislingen - Dienstag, 16. Januar 2018. Isabel Acker steht in einem Saal der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen und hält vor Studenten der Automobilwirtschaft eine Vorlesung in Mathematik. Sie erklärt den Erstsemestern gerade, was in der Klausur dran kommt. Plötzlich sackt sie zusammen und setzt sich auf den Boden. „Ich brauche einen Moment“, sagt sie, bevor sie nach hinten wegkippt und das Bewusstsein verliert. Die Studenten denken an einen Schwächeanfall. Dass ihre Professorin ein Herzversagen mit Kammerflimmern hat, ist ihnen nicht gleich bewusst.

Die Rettungskette funktioniert wie aus dem Lehrbuch

Die Esslingerin kann sich an diesen Tag vor gut einem Jahr nicht mehr erinnern. „Ich habe einen Filmriss“, sagt sie. Was in Geislingen geschah, weiß sie nur aus den Schilderungen der Beteiligten. Im Nachhinein hat die heute 41-Jährige erfahren, wie knapp sie an der Schwelle zum Tod war und wie sie dank einer Erste-Hilfe-Rettung aus dem Lehrbuch ins Leben zurückkehrte.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei das besonnene Verhalten ihres Kurses, in dem viele der Studenten um die 19 sind. Der Semestersprecher Jan Ole Thomas wählt sofort den Notruf 112. Am anderen Ende der Leitung gibt es von der Rettungsleitstelle Hinweise, was in dieser dramatischen Situation zu tun ist. Jan Ole Thomas gibt die Instruktionen an seine Kommilitonen Nils Wöschler und Kosta Senic weiter, die mit einer Herzdruckmassage beginnen. Lea Rabl übernimmt die Mund-zu-Mund-Beatmung. Unterdessen eilt Samed Bilici nach draußen, damit der Rettungsdienst schnell den Weg in den Vorlesungssaal findet.

Die Studenten bekommen per Telefon Anweisungen

Nach acht Minuten ist die Notärztin da. Während dieser Zeit ist das Verhalten der Studenten von unschätzbarem Wert. Acht Minuten nichts zu tun, hätte für Isabel Acker den Tod bedeutet. Nach drei Minuten kommt es zu irreversiblen Schäden im Gehirn. Mit jeder Minute, in der nichts unternommen wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit zu überleben um zehn Prozent. „Ich bin sehr dankbar, ich rechne das meinen Lebensrettern so hoch an“, sagt Isabel Acker über ihre Studenten. „Ohne sie wäre ich auf jeden Fall geistig behindert, wenn ich überhaupt überlebt hätte. Die meisten Menschen sterben bei einem plötzlichen Herztod. Ich hatte das Glück, dass Leute da waren und aktiv geworden sind“, so die Professorin. Das zeigt, wie wichtig eine couragierte Erste Hilfe ist.

Mit dem DRK-Rettungswagen sind zuerst die Rettungssänitäter an Ort und Stelle. Als sie die Wiederbelebung fortsetzen, ist die Professorin bereits in einem relativ stabilen Zustand. „Die Vorreanimation war sehr effektiv“, erklärt Michael Leber, „das konnten wir daraus schließen, wie wir die Patientin vorfanden, und dies belegte später auch der neurologische Befund“, so der Notfallsanitäter und Fahrer des Rettungswagens. Die Ersthelfer hätten die Instruktionen der sogenannten Telefon-Reanimation vorbildlich umgesetzt. „Das ist ein Paradebeispiel gewesen, so sollte es laufen“, sagt die Notärztin Renate Aubele über die gesamte Rettungskette. Die Notärztin spritzt hochdosiertes Magnesium und löst mit dem Defibrillator mehrmals Stromstöße aus, um das Flimmern zu unterbrechen. Als die Professorin ins Göppinger Krankenhaus kommt, zeigen Blutdruck und Sauerstoffversorgung Normalwerte.

Ein implantierter Defibrillator ist die Lebensversicherung

Die Ärzte haben der Patientin einen Defibrillator und Herzschrittmacher implantiert. „Der Defi ist meine Lebensversicherung. Mein Herz braucht ab und zu eine ,Ohrfeige‘, damit es wieder anspringt“, sagt Isabel Acker und lacht dabei. Doch eigentlich ist es nicht zum Lachen, sondern todernst. Einmal hat der eingesetzte Defibrillator schon ausgelöst – am 7. Mai. Isabel Acker wurde an diesem Tag bewusstlos und kam nach circa drei Minuten wieder zu sich. „Ich habe vorher nichts bemerkt, das fand ich beängstigend“, sagt sie.

Die hochgewachsene, schlanke Frau spricht schnell, wirkt quirlig und fröhlich. Doch in ihrem Inneren greifen seit dem Herzstillstand im Hörsaal Sorgen um sich. „Ich bin eine toughe Frau, aber ich lebe jetzt mit den Ängsten, das ist total bescheuert“, sagt die 41-Jährige, die in Hohenheim Wirtschaftswissenschaften studiert und sich später auf quantitative Methoden in ihrer Disziplin spezialisiert hat. Ihre Krankheit hat Einfluss auf den Alltag von Isabel Acker ein. Einfach mal schnell verreisen geht beispielsweise nicht mehr. Das schränkt sie als freiheitsliebender Mensch ein. Weil sie gegen die Krankheit nicht kämpfen könne, fühle sie sich ohnmächtig.

Das Wiederalleinsein fällt zunächst schwer

Probleme mit ihrem Herz hat Isabel Acker schon lange. Sie fingen im Alter von etwa 14 an. Damals wurde ein Mitralklappenprolaps festgestellt, später entwickelte sie ein sogenanntes Mitralklappenprolaps-Syndrom. Die Folge: Der Herzrhythmus kommt manchmal aus dem Takt. Die Ärzte hätten ihr bei Routinekontrollen aber immer versichert, dass es nichts Bedrohliches sei. „Das stolpernde Herz habe ich mehr als 20 Jahre lang verdrängt“, sagt Isabel – bis zum 16. Januar des vorigen Jahres. „Das Wiederalleinsein nach dem Herzstillstand ist mir zunächst schwer gefallen“, erzählt sie. Mit einer Art posttraumatischer Belastungsstörung habe sie danach zu kämpfen gehabt.

„Ich bin ein kleines Arbeitstier“, sagt die 41-Jährige über sich selbst. Doch tritt sie jetzt notgedrungen kürzer. Ihr zusätzliches Engagement an der Hochschule als Gleichstellungsbeauftragte hat sie aufgegeben. Die Krankheit „schwebt wie eine graue Wolke über mir“. Ins Bockshorn jagen lassen will sie sich aber nicht. Nach dem 7. Mai hat sie kein Kammerflimmern mehr gehabt. Isabel Acker lernt mit ihren Problemen zu leben. „Unter dem Strich habe ich den Jackpot geknackt“, sagt sie sich selber. „Denn eigentlich bin ich schon zwei Mal gestorben.“

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