Musik und Lichteffekte haben die Südkirche zum Schweben gebracht. Foto: Christian Hass

Der tobende Applaus wird zum Markenzeichen des Esslinger Podium-Festivals. Der Auftakt der einwöchigen musikalischen Talentschau in der Esslinger Südkirche hat das Publikum begeistert.

Esslingen - Schwarzlicht bringt die spitz vortretenden Mörtelfugen der Esslinger Südkirche zum Leuchten und lässt den Saal fast abheben. Ein zehn Mitglieder starkes Ensemble und drei Sänger eröffnen das Esslinger Podium-Festivals mit Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Sie tauchen „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“, dem freudigen Ereignis zum Trotz, in tiefes, getragenes Moll – und doch immer wieder unterbrochen durch vogelrufartige Bläser-Motive in Dur. So zeigt sich Mahlers Meisterschaft, scheinbar Unvereinbares zusammen zu bringen, schon in diesem romantischen Frühwerk über einen Gesellen, der auszieht, um seinen Liebesschmerz zu vergessen.

Der Dirigent als Metronom

Dann aber zappt das Programm hinüber zu dem 1970 geborenen irischen Komponisten Donnacha Dennehy, dessen Lieder über Gedichte von William Butler Yeats eigentlich von einem ganz anderen Kaliber sind. Geschult am Pariser Spektralismus und der post-minimalen Musik Louis Andriessens, setzen sie sich aus kurzen, oft nur ein- oder zweitönigen wiederholten Partikeln zu einer komplexen Polyrhythmik zusammen. Ein Dirigent ist hier fast überflüssig, er hat eigentlich nur die Funktion eines Metronoms. Doch Miguel Pérez Iñesta versucht eher Gemeinsamkeiten zwischen beiden Komponisten herauszuarbeiten. Das geht dann doch ein wenig zu Lasten des unablässigen Drive und der Präzision der vertrackten Rhythmik, auch wenn die Musiker alle auf dem quivive waren. Am Ende ist Iñesta im furiosen letzten, titelgebenden Satz so sehr mit dem Ensemble beschäftigt, dass die ansonsten sehr gute Sopranistin Estelle Béréau Mühe hatte, sich noch Gehör zu verschaffen.

Dennehy kam auch am zweiten Tag des Festivals zur Geltung, wenn die Besucher dies auch erst hinterher erfuhren. Eine multimediale Tanzperformance unter dem Titel „Szenen der Frühe“ sollte den Wahn Robert Schumanns begreiflich machen. „Wahnsinn wühlt in meinen Sinnen”, heißt es gleich im ersten vorgetragenen Lied, „Schöne Wiege meiner Leiden“. Der Text stammt von Heinrich Heine, die Komposition aus Schumanns „Liederjahr“ 1840, als er Clara Wieck-Schumann heiratete, also lange vor seiner Umnachtung um 1855.

Schwindel erregende Videoprojektionen

Den Wahnsinn illustrierten: der durchaus bravourös auftretende Tänzer Davidson Jaconello, der ständig die vorgegebenen Grenzen zu sprengen schien und sich von vorne bis hinten unaufhörlich an den Kopf griff; die manchmal Schwindel erregenden Videoprojektionen von BärTigerWolf; und ein wenig Neue Musik in kleinen Portionen, unter anderem von Jürg Frey und Iannis Xenakis. Dennehys Klavierstück „Stainless Staining“ hat indes eigentlich nichts mit Schumann zu tun und wäre ohne den Tanz und die Bilder von Clara Schumann besser zur Geltung gekommen.

Wie aber nun zu Schumann zurückfinden? Dies gelang musikalisch mehr schlecht als recht, denn gegenüber diesen sehr heutigen Klängen wirken seine romantischen Lieder und Instrumentalstücke, Wahnsinn hin oder her, wie aus einer anderen Welt. Die Brücke schafften der zweite Satz aus Alfred Schnittkes Klavierquintett, welches das B-A-C-H-Motiv im Walzertakt zerlegt, und die abschließende neue Komposition von Saskia Bladt, die auf Schumann aufbaut. Jubelstürme gab es an beiden Abenden. Das gehört zum Markenkern des Podium-Festivals.

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