Den Blick auf Esslingen genießt Peter Vollbrecht nur selten. Foto: Ines Rudel

Das Philosophische Café in der Esslinger Stadtbücherei ist vor 20 Jahren von Peter Vollbrecht ins Leben gerufen worden. Der Philosoph liebt die Spielwiese, auf der er herumtollen kann.

Esslingen - Seit 20 Jahren serviert Peter Vollbrecht im Café. Doch sein Berufsjubiläum hat nichts mit Sahnetorte, Cappuccino und Vanilleeis zu tun. Peter Vollbrecht ist Philosoph, und sein Arbeitsplatz ist das Philosophische Café in der Stadtbücherei Esslingen.

Zum Auftakt des runden Jubiläums steht am Dienstag, 26. März, das Thema „Was ist Wahrheit?“ auf dem Programm. Die Wahrheit ist, dass Peter Vollbrecht, Jahrgang 1953, gar kein Philosoph werden wollte: „Der Beruf war kein Thema. Das Studium war wichtig.“ Eng, sagt er, sei es erst geworden, als er das Staatsexamen in Philosophie, Geschichte und Germanistik in der Tasche hatte, aber keine Lehrer eingestellt wurden. Nach der Promotion verabschiedete sich Vollbrecht für fünf Jahre nach Indien. „Da habe ich viel Zeit für mich gehabt und da bin ich aus dem Elfenbeinturm heruntergekommen“, sagt er rückblickend. Es habe ihn schockiert, dass er niemandem ernsthaft erklären konnte, was er in den fünf Jahren bis zur Promotion überhaupt gemacht habe. „Daraufhin habe ich beschlossen, nicht weiter im philosophischen Jargon zu verharren, sondern mich dem publizistischen Feld zu öffnen“, erinnert er sich.

Den Nerv der Zeit getroffen

Von dieser Einsicht profitieren nicht nur die Esslinger. Sein erstes am französischen Vorbild orientiertes Philosophisches Café hat Vollbrecht im inzwischen nicht mehr existierenden Stuttgarter Café Marquardt eröffnet. Danach folgten Nürnberg, Mainz, Berlin, Zürich und Mannheim. Überdauert hat neben Esslingen nur noch Mannheim, wo die Veranstaltungsreihe ebenfalls seit 19 Jahren zum festen Programm gehört. Not leiden muss Vollbrecht trotzdem nicht. Die Idee der Philosophischen Cafés hat er im Lauf der Jahre zum Konzept der Philosophischen Reisen weiterentwickelt – und damit den Nerv der Zeit getroffen.

„Wir leben in einer für die Philosophie sehr guten Zeit. Historisch gesehen ist die erste Generation von Menschen herangewachsen, die sowohl weltoffen sozialisiert als auch intellektuell versiert und kulturell interessiert ist“, sagt er. Diese Generation 50 plus wolle, nachdem sich Leben, Familie und Beruf in mehr oder weniger geordneten Bahnen entwickelt habe, „noch ein bisschen Sinn einfahren“.

Die Leitplanken auf dieser Sinnsuche gibt Vollbrecht vor. Die „Figuren des Göttlichen“ und die Frage, weshalb es so schwer ist, ohne Metaphysik sinnvoll zu denken, sind im Februar in der Propstei Sankt Gerold in der winterlich stillen Bergwelt des Großen Walsertals erörtert worden. In der Prager Altstadt wandelt die philosophische Reisegesellschaft auf den Spuren von Franz Kafka, und auf Sylt geht es Ende Oktober unter der Überschrift „Die Philosophie und das Meer“ um das Unendliche und den Wert des Lebens.

Philosophie im Rhythmus der Jahreszeiten

Vollbrecht lebt inzwischen nach seinem eigenen Jahreskalender. „In den ersten Monaten des Jahres stehen meist Ziele an der Nord- oder Ostsee auf dem Programm, wegen des Lichts. Im April geht es in die Städte und im Mai zum ersten Mal ans Mittelmeer“, sagt er. Dort stünden dann die griechischen Philosophen auf dem Programm oder, am Beispiel von Südspanien und Al-Andalus, die Epoche, in der Christen, Muslime und Juden in zuvor und nachher einmaliger friedlicher Toleranz ihre Religionen lebten.

Es sind die klassischen Sinnthemen, mit denen sich die Philosophie nach Einschätzung Vollbrechts zunehmend lebensnah auseinandersetzt. Toleranz, Ethik, Gentechnik, Frauenfragen, künstliche Intelligenz, Gefühl und Leib – an Themen mangelt es nicht. „Das ist eine riesige Spielwiese, auf der herumzutollen wahnsinnig Spaß macht“, sagt der Philosoph.

Für Vollbrecht allerdings hört der Spaß da auf, wo Philosophie in die Ratgeberecke abdriftet. Die Philosophie dürfe nicht, weil die Menschen angesichts einer unübersichtlichen Welt danach hungerten, der Verführung nachgeben und mit individuellen Rezepten aufwarten. „Mein Ziel ist es, die Teilnehmer durch Landschaften zu führen, in denen ich als Mitteleuropäer seit Jahrtausenden stehe“, sagt Vollbrecht. In dieser Funktion als „Landschaftserklärer“ gehe es ihm eher darum, die Bandbreite der Gedankenwelt aufzuzeigen als um den subjektiven und verengenden Blick durch das Schlüsselloch.

Am Dienstag Auftakt zum Jubiläumsjahr

Am kommenden Dienstag, 26. März, findet um 19.30 Uhr im Café der Stadtbücherei Esslingen, Heugasse 9, das erste Philosophisches Café im Jubiläumsjahr statt. Peter Vollbrecht diskutiert mit den Teilnehmern zum Thema „Was ist Wahrheit? Eine pragmatische Antwort aus Amerika von Richard Rorty“. Im Namen der Wahrheit, sagt Peter Vollbrecht, seien viele Untaten begangen worden. Ihre unheiligen Allianzen mit Religion und politischer Ideologie verwüste die Welt bis heute. Und dennoch könne man die Rede von der Wahrheit nicht aufgeben. „Aber man kann sie in kleineren Buchstaben schreiben“, sagt der Philosoph. Amerikanische Denker hätten sich schon von dem Anspruch befreit, die Welt im Großen erklären zu wollen und konzentrierten sich auf die Lust an der Argumentation. Anhand eines Streitgesprächs zweier vor Gericht debattierender Gegner versucht das Philosophische Café den Brückenschlag zwischen scheinbar unvereinbaren Positionen.

Die Veranstaltungsreihe ist eine Zusammenarbeit der Stadtbücherei Esslingen mit der Volkshochschule Esslingen. Der Eintritt beträgt 7 Euro.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: