Walter Moshammer hat die Karriere als Doktor der Physik mit der Freiheit auf dem Seil getauscht. Er ist eine der Attraktionen auf dem Esslinger Mittelaltermarkt. Foto: Horst Rudel

Auf dem Esslinger Mittelaltermarkt tummeln sich allerei Gaukler. Der Schein täuscht. Hinter der Schmierenkomödienaten-Maske steckt ein Doktor der Philosophie und auf dem Seil tanzt ein promovierter Physiker.

Esslingen - Vorsicht, Vorurteil: Das Künstlervolk auf dem Esslinger Mittelaltermarkt ist ziemlich abgedreht. Liebenswerte Außenseiter eben, die sich schwertun, in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß zu fassen. Der Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins belehrt eines Besseren.

Da gibt es den Doktor der Physik, der am Cern, der europäischen Organisation für Kernforschung im schweizerischen Kanton Genf, Elementarteilchen durch die Röhre gejagt hat und jetzt auf dem Seil tanzt. Und da gibt es den Doktor der Philosophie, der auf der Mittelalterbühne den Possenreißer gibt und mit Feuer jongliert, aber nebenbei Bücher verlegt und für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt.

Sven Brömsel blödelt sich als „Kowalski“ durchs Leben. Der Philosoph, der an der Universität Berlin zum Thema „Jüdische Intellektuelle um 1900“ promoviert hat, ist ein Grenzgänger. Und er kokettiert mit seinen beiden Identitäten.

Der gaukelnde Philosoph

„Wenn mich ein Philosoph fragt, was ich mache, antworte ich, ich bin ein Gaukler“, sagt er. Werde er dagegen von einem Gaukler nach seiner Profession gefragt, dann antworte er: „Philosoph.“ Wenn ein Journalist ihn fragt, sagt er: „Beides. Ich lebe von der Schauspielerei, und die Philosophie leiste ich mir.“ Für Brömsel laufen die beiden Sphären auf geheimnisvolle Weise zusammen. „Beide, Gaukler und Philosophen, agieren in einsamen Gefilden, obwohl sie für ein Publikum arbeiten“, sagt der philosophierende Gaukler. Des einen Spielwiese sei die Bühne, die des anderen der Schreibtisch. Der eine sei der Freund des Augenblicks, der andere der Freund der ewigen Weisheit. „Wer die Kunst des Augenblicks beherrscht, ist ein praktischer Philosoph“, schlussfolgert Brömsel, jetzt wieder ganz ein gaukelnder Philosoph.

Vom geistigen Höhenflug zurück zum banalen Erdendasein: Sven Brömsel ist in Babelsberg, dem Hollywood des Ostens, aufgewachsen. Seine Bewerbungen für die Schauspielschule, das sollte er erst nach der Wende erfahren, hat die Staatssicherheit kassiert. Als ein Fluchtversuch scheitert, landet der aufmüpfige junge Mann im DDR-Gefängnis. Nach 13 Monaten wird er freigekauft, kommt in den Westen und schreibt sich an der Uni ein. Über einen Freund, der Mittelaltermärkte organisiert, findet er zur Schauspielerei. Das war vor 30 Jahren. Inzwischen hat er es sich zwischen den Welten, die sich so fremd gar nicht sind, gemütlich eingerichtet. „Gaukler sind eine Zumutung für die soziale Gesellschaft, Philosophen auch“, sagt er.

Physiker werden gemeinhin nicht als Zumutung empfunden. Trotzdem hat Walter Moshammer den sicheren Beruf an den Nagel gehängt und das Leben ohne Seil und doppelten Boden gewählt. Seine Karriere hatte ihn nach dem Studium der Technischen Physik an der Universität Graz und der Promotion am Cern nach Stanford geführt. Schon dort ist er auf dem Heimweg vom Highway 101 nicht nach rechts ins bürgerliche Palo Alto, sondern nach links ins wüste Hispano Alto abgebogen.

Sprung in die Selbstständigkeit

Irgendwann ist er dann auch im Leben links abgebogen. Den Keim hatte ein Rückwärtssalto gelegt, den er als 18-Jähriger gelernt hatte. „Da wusste ich, das ist es“, sagt er. Bis es dann auch so war, sollte es dauern. Nach vier Jahren Cern und vier Jahren im Silicon Valley hat Moshammer die Physikkarriere endgültig hinter sich gelassen und sich einer chinesischen Akrobatengruppe angeschlossen. Es folgte ein österreichischer Wanderzirkus. Von dort aus wagte der Akrobat den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Parallelen zur Physik liegen für Moshammer auf der Hand, da muss er als Seiltänzer die Gesetze der Schwerkraft gar nicht bemühen. „Wenn ich eine partielle Differenzialgleichung nicht in den Griff bekomme, dann gehe ich zurück zur einfachen Differenzialgleichung. Wenn ich den Purzelbaum in fünf Meter Höhe nicht beherrsche, dann versuche ich es erst einmal in drei Metern“, sagt er. Abgestürzt ist er noch nie. Vom Seil nicht, im Leben auch nicht. „Ich lebe meinen Traum“, sagt er.

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