Mindestens einmal pro Woche verfallen Binge-Eater ihrer Ess-Sucht. Statt einem Sättigungsgefühl überkommt sie Scham. Foto: dpa

Tübinger Forscher wollen Betroffenen mit einer Binge-Eating-Störung helfen – mit einer neu angelegten Studie, für die sie noch esssüchtige Betroffene suchen.

Tübingen - Sie schlingen das Essen hinunter. Aber Befriedigung verschafft es ihnen nicht. Deshalb kommt schon bald die nächste Heißhunger-Attacke. Binge-Eater heißen solche Menschen, die zwanghaft auf das Essen fixiert sind. Daher auch der Name nach dem englischen Wort „binge“, was übersetzt „Gelage“ bedeutet. „Betroffene können ihre Essanfälle nicht kontrollieren“, sagt Jennifer Svaldi, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Binge-Eater essen maßlos – versuchen aber nicht, die Kalorien wieder loszuwerden

Mindestens einmal pro Woche verfallen Binge-Eater ihrer Ess-Sucht. Sie stopfen sich voll – und fühlen sich anschließend leer. Statt einem Sättigungsgefühl überkommt sie Scham. Sie versuchen aber nicht, die Kalorien wieder loszuwerden, sagt Svaldi. So werden sie oft dicker und dicker. „Sie werden noch unglücklicher, geraten in emotionalen Stress, was neue Heißhunger-Attacken auslösen kann.“ Ein Teufelskreis, in dem nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung gefangen sind. . Bei Menschen mit Übergewicht ist der Anteil noch einmal deutlich höher: Von 100 Menschen mit Übergewicht, die abnehmen wollen und deshalb eine Arztpraxis aufsuchen, haben etwa 30 eine Binge-Eating-Störung. Tatsächlich sind die Heilungschancen gerade bei dieser Form der psychischen Erkrankung recht gut: Nach einer etwa drei Monate dauernden Therapie ist in etwa zwei Drittel der Fälle eine Heilung zu erwarten.

Die Heilungsquote ist gut – die Psychologen wollen sie aber noch weiter verbessern

Diese Quote will die Psychologin Svaldi nun in einer Pilotstudie verbessern: Was die Tübinger Forscher schon 2014 in einer Studie zeigen konnten, war, dass Menschen mit Binge Eating-Störung eine erhöhte Empfindlichkeit des Belohnungssystems aufweisen, wenn sie mit Nahrungsreizen konfrontiert werden. Sie neigen auch zu vorschnellem Handeln, was das anfallartige Essen erklärt.

In der neuen Studie erhalten daher die Betroffenen ein sogenanntes Nahrungsmittel-Expositionstraining. „In vier Sitzungen werden sie mit allerlei Leckereien konfrontiert und lernen dank verschiedener Techniken, dieses Belohnungsgefühl, das ihnen dieses Essen verspricht, zu reduzieren“, sagt Svaldi. Dabei kommen auch verschiedene Messverfahren ins Spiel: Etwa versuchen die Psychologen mit Hilfe von Blickbewegungsmessungen, Eye-Tracking genannt, die Sicht der Betroffenen auf das Essen zu verstehen und auch zu messen, wie schnell ihr Körper darauf reagiert. Auch wird mit Hilfe einer Hirnstrommessung, das Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln indirekt erfasst. „Die Betroffenen bekommen daher während der Messung eine Kappe mit Elektroden aufgesetzt“, sagt Svaldi.

Wer Lust hat, teilzunehmen, soll sich melden

Aus den Erkenntnissen erhoffen sich die Psychologen bessere Therapiekonzepte, die vielleicht auch schon dann greifen, wenn die Essanfälle noch nicht zu einem unkontrollierbaren Problem geworden sind. Daher werden für die Untersuchungen auch Übergewichtige gesucht, bei denen zwar keine Binge-Eating-Störung vorliegt, die aber dennoch Schwierigkeiten haben, ihr Gewicht zu kontrollieren. Auch Normalgewichtige braucht es, um herauszufinden, wie sich bei Menschen das Verhältnis zum Essen ändern kann – bis es zur Sucht wird.

Interessenten an der Studie melden sich bei: Dustin Werle, dustin.werle@uni-tuebingen.de, Telefon 07 07 1/29 75 30 5.

Woher kommt die Lust am Essen?

Was im Körper passiert, wenn wir was Leckeres sehen

Wer Leckeres sieht, verspürt oft Appetit. Verursacht werde der Effekt vom appetitanregenden Hormon Ghrelin, so das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Bei optischer Stimulation werde es verstärkt ausgeschüttet. Wer Bilder von Speisen sehe, gerate deshalb in Versuchung zu essen, auch wenn er keinen Hunger habe.

In Hungerphasen steigt der Ghrelin-Spiegel im Blut, nach dem Essen sinkt er ab. Die Forscher zeigten acht gesunden Männern eine Serie mit 50 Bildern von Speisen wie Wiener Schnitzel, Pizza, Eiscreme und Schokoladenkuchen und analysierten den Verlauf ihrer Blutwerte. Obwohl die Männer zuvor gut gefrühstückt hatten, meldete sich ihr Appetit – messbar über die Menge ausgeschütteten Ghrelins.

Das Gehirn verarbeite offenbar die optischen Reize, und ohne willentliche Kontrolle werden die körperlichen Prozesse gestartet, die unser Appetitempfinden steuern. (dpa)

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