Nach knapp zwei Stunden Spiel gewinnt „TheStrxngeR“ (li.) beim Elfmeterschießen gegen „TimoX“ (r.). Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Rund 2000 Zuschauer verfolgen an diesem Wochenende die ESL-Meisterschaft in der Carl-Benz-Arena. Dabei treten die 42 talentiertesten Zocker der E-Sport-Spiele Fifa, Counter Strike und League of Legends gegeneinander an. Frauen sind dabei die große Ausnahme.

Stuttgart - Nach dem Spiel zittert die Stimme von „TheStrxngeR“, der im bürgerlichen Leben Tim Katnawatos heißt. „Ich bin fertig, es war echt anstrengend“ – mehr bringt er zunächst einmal nicht heraus, als er den riesigen Pokal entgegennimmt. Der 19-Jährige ist soeben zum besten deutschen Fußballspieler gekürt worden. Dass „TheStrxngeR“ dabei nicht der allerdrahtigste junge Mann ist und es vermutlich viele Gleichaltrige gibt, die über eine bessere Kondition als er verfügen, ist egal – denn Tim Katnawatos spielt nicht auf dem Rasenplatz Fußball, sondern an der Spielekonsole.

Der deutsche Meister schläft bis 12 Uhr mittags

Er ist einer von 42 professionellen Zockern, die am Wochenende bei den Meisterschaften der Electronic Sports League (ESL) vor rund 2000 Zuschauern in der Carl-Benz-Arena gegeneinander angetreten sind. Der 19-Jährige aus Taunusstein (nahe Wiesbaden) wurde im August dieses Jahres von dem Schweizer Fußballverein FC Basel unter Vertrag genommen. Er soll den Verein bei verschiedenen Turnieren vertreten und die Marke FC Basel vor allem unter dem jüngeren Publikum noch populärer machen.

Von Tim Katnawatos’ Alltag würden viele Hobby-Zocker wohl träumen: „Ich schlafe meist bis 12 Uhr mittags, dann setze ich mich an den PC. Abends stehen besondere Spiele an, am Wochenende bin ich bei Turnieren und zocke gegen Profis“, sagt er. Seitdem er seinen Realschulabschluss in der Tasche hat, konzentriert er sich völlig auf Fifa: „Fünf Stunden am Tag zocke ich etwa und seit ich beim FC Basel unter Vertrag stehe, spiele ich auch keine anderen Spiele mehr“, sagt er.

Manche Profizocker haben eigenen Psychotherapeuten

Um die bestmögliche Leistung zu erbringen, werden die Profizocker ähnlich umsorgt wie Profifußballer. „Bei internationalen Turnieren haben die Spieler einen eigenen Physiotherapeuten, Ernährungsberater und auch einen Psychotherapeuten dabei“, sagt Christopher Flato von der ESL. So weit ist es bei Tim Katnawatos noch nicht: Er wurde am Wochenende begleitet von seiner Familie, Freunden und Vertretern des FC Basel. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass auch er, wenn er 2018 bei internationalen Turnieren antritt, einen Mentaltrainer dabei haben wird. „Die Frustration bei Spielen wie Fifa kann sehr hoch sein“, sagt er. Sein Gegner am Samstag, Timo „TimoX“ Siep, der beim VfL Wolfsburg unter Vertrag steht, konnte davon wohl ein Lied singen: Er verlor nach knapp zwei Stunden Spiel im Elfmeterschießen gegen Tim Katnawatos.

Auch der VfB Stuttgart hat im Juli 2017 zwei professionelle Fifaspieler unter Vertrag genommen: Erhan Kayman (27) alias „Dr. Erhano“und Marcel Lutz (20) alias „Marlut“. Die beiden hatten sich jedoch nicht für die deutsche Meisterschaft qualifiziert. Dafür waren sie in unmittelbarer Nähe in anderer Mission unterwegs: „Die beiden sind beim Spiel des VfB gegen FC Bayern im Stadion und berichten von dort live vom für uns wichtigsten Spiel des Jahres“, sagt Christian Ruf, der Bereichsleiter des digitalen Vertriebs und Fan-Service beim VfB Stuttgart.

Frauen sind die große Ausnahme

Jedoch ging es in der Carl-Benz-Arena am Wochenende nicht nur um Fifa: Auch die besten Spieler des Fantasie-Strategie-Spiels League of Legends sowie des Ego-Shooters Counter Strike traten gegeneinander an. Insgesamt gab es für die Profizocker ein Preisgeld von 70 000 Euro zu gewinnen, das unter den Gewinnern aufgeteilt wurde. Anhand der Zuschauerzahlen konnte man beobachten, dass Counter Strike und League of Legends offenbar deutlich spannender zum Zusehen sind als Fifa.

Und noch etwas wurde klar: Frauen sind bei E-Sport-Turnieren die große Ausnahme. Von 42 Spielern war niemand weiblich, eine der wenigen Zuschauerinnen war Lisa Salzmann aus dem Kreis Ludwigsburg. Die 19-Jährige zockt selbst etwa zwei Stunden am Tag und schaut gern den Profis zu. „Ich wundere mich, warum bei E-Sport-Turnieren immer nur so wenige Frauen sind, denn es gibt richtig gute Zockerinnen“, sagt sie. Womöglich seien diese aber nicht so gut untereinander vernetzt und wollten nicht alleine kommen, mutmaßt sie. Salzmann war am Wochenende die einzige Frau in einer großen Männergruppe; darunter auch ihr Freund Luca Jebautzke (24). Zwar hat sich das Paar nicht über das Zocken kennengelernt, aber es habe sie auf jeden Fall enger miteinander verbunden, sagen sie. Von wegen also: Zocker sitzen alle alleine vor dem PC. E-Sport kann Menschen einander näher bringen.

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