Noch arglos: Natalie Weinz und ihre Eltern auf Tour durch die Wüste von Wadi Rum in Jordanien, kurz bevor die Nachricht der Angriffe sie erreicht. Foto: Natalie Weinz

Eine Stuttgarterin und ihre Eltern werden von der Eskalation in Nahost im Jordanien-Urlaub überrascht. Die Familie schafft es, auszureisen. Wie sie die Situation vor Ort erlebt hat.

Auf einer Jeep-Tour durch die Wüste von Wadi Rum in Jordanien erhalten Natalie Weinz aus Stuttgart und ihre Eltern am vergangenen Samstag die Nachricht: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. „Wann fliegt ihr zurück?“, fragt eine Freundin besorgt per Kurznachrichtendienst. „Ich drücke die Daumen für einen offenen Luftraum.“ Gegen 7 Uhr deutscher Zeit hatte es am Samstag erste Meldungen über Explosionen in der iranischen Hauptstadt Teheran gegeben.

 

Was ursprünglich als einwöchige Abenteuerreise durch Jordanien geplant war, endet für die 36-jährige Natalie Weinz aus Stuttgart und ihre Eltern an diesem Wochenende abrupt. Inmitten der Eskalation in Nahost schafft es die Familie aus dem Krisengebiet auszureisen.

Auswärtiges Amt erhöht Reisewarnung für Jordanien

Für Jordanien, dem Land, das an Israel, den Libanon, Saudi-Arabien, Syrien und den Irak grenzt und mitten in der Schusslinie zwischen Israel und dem Iran liegt, gilt seitdem ebenfalls eine erhöhte Warnstufe. Das Auswärtige Amt hat seit den Angriffen die Reise- und Sicherheitshinweise für den gesamten Nahen Osten erhöht. Zahlreiche Lufträume sind bereits gesperrt. „Mehrere Fluggesellschaften haben den Flugbetrieb in die Region eingestellt. Weitere Lufträume in der Region können jederzeit ebenfalls gesperrt werden“, heißt es. Auch vor Reisen nach Jordanien wird derzeit aufgrund des Konflikts gewarnt. In grenznahen Regionen könne es zu Sperrungen oder Schließung der Grenzübergänge zwischen Israel und Jordanien kommen.

Die Stuttgarterin Natalie Weinz, die mittlerweile wieder zurück in Stuttgart ist, erinnert sich an die Situation vor Ort. „Ich hatte mich vor der Reise informiert und bin davon ausgegangen, dass es am Montag nochmal Verhandlungen zwischen den Ländern geben würde. Deshalb waren wir zuversichtlich, dass erst einmal nichts passiert“, so die 36-Jährige. Auch durch die Waffenruhe in Gaza habe man die Lage im Krisengebiet anders eingeschätzt. Die Nachricht über den Angriff: ein Schock.

Stuttgarterin im Urlaub von Angriffen überrascht

Doch der Reihe nach: Auf der Hinreise vor einigen Tagen verläuft noch alles ohne Zwischenfälle. Natalie Weinz fliegt direkt von Stuttgart aus in die jordanische Hauptstadt Amman, ihre Eltern ab Frankfurt. Während die Eltern später ankommen, trifft sich Weinz, die in Stuttgart als Innenarchitektin beim weltweit agierenden Atelier Brückner arbeitet, noch mit einem ehemaligen Praktikanten, der in Jordanien lebt.

Anschließend begibt sich die Familie gemeinsam auf die für sieben Tage angesetzte Tour durch das Land: Von der Hauptstadt Amman geht es mit mehreren Zwischenstopps über die berühmte archäologische Stätte von Petra bis in die Wüste von Wadi Rum.

Weinz und ihre Eltern wähnen sich in Sicherheit – bis die Nachricht von Natalies Freundin kommt. Von dem Angriff der USA und Israel auf den Iran, der zu dieser Zeit schon passiert ist, haben sie – ohne Netz in der Wüste unterwegs – noch nichts mitbekommen.

Auf Wüstentour in Wadi-Rum erreicht die Familie die Nachricht vom Angriff. Foto: Natalie Weinz

Nachricht erreicht Stuttgarter mitten in der Wüste

Ihr Guide bringt die Reisegruppe daraufhin von Wadi Rum nach Akaba am Roten Meer – nur etwa drei Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt. Zurück im Hotel und wieder mit Internet ausgestattet, beginnt die Familie zu googeln und sich nach früheren Rückflügen nach Deutschland umzuschauen. „Dort war die ganze Zeit Luftalarm – über den Tag verteilt waren immer wieder Sirenen zu hören“, erinnert sich Natalie Weinz.

Die jordanische Bevölkerung nimmt die Situation jedoch scheinbar gelassen, was auch Natalie Weinz und ihre Eltern ein wenig beruhigt – vorerst. Sie spazieren an der Strandpromenade, informieren sich gleichzeitig jedoch laufend über die Webseite des Auswärtigen Amts. Während Weinz und ihre Eltern sich Sorgen machen, erzählt ihr Guide ihnen von Tagen, an denen er mit seiner Familie mit Nüssen und Tee auf dem Dach seines Hauses sitzt, um vorüberziehenden Raketen zuzusehen. Als unwirklich beschreibt die Stuttgarterin die Situation in Akaba.

Stuttgarterin wird nachts von Raketen geweckt

Die 36-Jährige und ihre Eltern entscheiden sich schließlich dafür, die Reise abzubrechen. „Wir wussten nicht, wie sich die Situation entwickelt, hatten gehört, dass anderswo der Flugverkehr eingestellt wurde“, so Weinz. Die Familie bucht über eine jordanische Airline kurzerhand neue Flüge vom Flughafen in Akaba über Kairo in Ägypten bis nach Frankfurt. Ihre ursprünglichen Rückflüge von der Hauptstadt Amman aus werden derweil aufgrund der Flugverbote annulliert. 

Blick aus dem Flugzeug auf den Golf von Akaba. Foto: Natalie Weinz

Bis zu ihrem Rückflug am Sonntag harrt die Familie nervös im Hotel in Akaba aus. Die Alarmsirenen geben keine Ruhe. In der Nacht von Samstag auf Sonntag macht die 36-Jährige in ihrem Hotelzimmer kaum ein Auge zu. Früh am Morgen lassen mehrere laute Knalle die junge Frau hochschrecken. „Ich konnte die Situation überhaupt nicht einschätzen“, erzählt sie. Beim Blick aus dem Fenster sieht sie grelle Lichtschweife vorbeiziehen – offenbar Raketen. „Ich habe dann meine Eltern aus dem Zimmer geklopft und ihnen gesagt, sie sollen vom Fenster weggehen“, erinnert sich Weinz. „Ich habe Schutzräume vor Ort gegoogelt, da wurde mir aber kaum etwas angezeigt, das hat mir schon Angst gemacht. Passiert ist dann zum Glück nichts.“

Am nächsten Morgen geht es für die Familie direkt zum Flughafen. Bis auf eine Verzögerung von einer Stunde auf dem Rollfeld aufgrund von „viel Verkehr im Luftraum“ läuft der Flug reibungslos ab. „Als wir endlich im Flieger über Ägypten waren, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“

„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“

Ganz aufatmen kann Natalie Weinz aber erst, als sie und ihre Eltern sicher in Frankfurt gelandet sind. „Meine größte Angst in dem Moment war, dass während des Flugs etwas passiert und das Flugzeug getroffen wird. Wir waren alle sehr angespannt“, sagt sie. Von Frankfurt aus bringt ein Zug die Familie am Sonntagabend zurück nach Stuttgart. Erleichterung macht sich breit, der Druck fällt ab. „Zuhause war ich einfach nur froh, es geschafft zu haben und musste erst einmal meine Katze umarmen“, sagt Natalie Weinz und lacht.

Doch der Schreck sitzt ihr auch am Montag noch in den Knochen. „Ich bin noch in Kontakt mit unserem ehemaligen Praktikanten, der in Jordanien lebt und dort studiert. Ihm geht es zum Glück gut. Er sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen“, erzählt sie. „Ich bin froh, dass wir noch ausreisen konnten. Es weiß ja auch niemand, wie lange der Konflikt noch so weitergeht und welche Auswirkungen er hat. Urlaub machen und um einen herum bangen Menschen um ihr Leben, das ist kein gutes Gefühl.“

Natalie Weinz und ihre Familie haben es gerade noch rechtzeitig geschafft, nach Hause zu kommen. Viele andere Touristen haben weniger Glück. Denn mittlerweile ist auch der jordanische Luftraum stark eingeschränkt. Airlines wie Lufthansa, Austrian Airlines und Turkish Airlines haben Flüge in die Hauptstadt Amman teils bis 7. März gestrichen. Viele Flüge müssen zudem umgeleitet werden. Laut Angaben des Deutschen Reiseverbandes sitzen rund 30.000 Touristen in der Golfregion fest.