Die Institute bauen ihre Angebote aus, aber private Anleger sind zurückhaltend. Worauf jetzt zu achten ist.
Auf den Boom folgt die Ernüchterung: Nachhaltige Geldanlagen sind ins Gerede gekommen. Denn nicht überall, wo ESG draufsteht, ist auch ESG drin. Die Abkürzung steht für die Berücksichtigung von Kriterien aus den Bereichen Umwelt (Environmental), Soziales (Social) sowie verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance), dem Standard für nachhaltige Anlagen. Und bereits hier wird es schwierig: Der Begriff ist schwammig, und Fonds-Anbieter schmücken sich gerne mit dem ESG-Etikett. Doch manchmal werden Fondsprodukte als „grüner“ dargestellt, als sie es sind. So muss die Deutsche-Bank-Tochter DWS wegen Greenwashings 19 Millionen Dollar an die US-Börsenaufsicht zahlen.
Doch nicht nur das Vertrauen in den Markt für nachhaltige Investitionen leidet: Die geopolitischen und ökonomischen Verwerfungen seit Anfang 2022 haben deutliche Spuren bei der Performance der ESG-Anlagen hinterlassen. Nach drei Jahren mit enormen Zuflüssen hat die Ratingagentur Morningstar festgestellt, dass die Mittelzuflüsse stark zurückgegangen sind. Vor allem Privatanleger legen in der Praxis eher Wert auf Sicherheit oder aber auf höhere Rendite statt auf nachhaltige Aspekte und haben angesichts der weiterhin hohen Zinsen auch Anlage-Alternativen.
Aus dem Investment-Dreieck wird ein Viereck
Uwe Adamla, Mitglied des Vorstands und Leiter Asset und Wealth Management der BW-Bank sowie Vorsitzender der Geschäftsführung der LBBW Asset Management, verweist auf einen deutlichen Abstrich bei der Wertentwicklung nachhaltiger Anlagen im Vergleich zu anderen Anlagen.
Die BW-Bank, Tochter der LBBW-Bank, hat ihr Wealth Management, darunter auch Anlagen nach ESG-Kriterien, in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Adamla ist der Meinung, dass das magische Dreieck mit den Kriterien Sicherheit, Liquidität und Rentabilität durch den Faktor Nachhaltigkeit zu einem Viereck mutiert ist. Und wer auf den letzten Faktor besonderen Wert lege, müsse eben anderswo Abstriche machen und könne nicht die maximale Rendite erwarten.
„Nur ein geringer Prozentsatz unserer Privatkunden fragt aktiv nach dem Thema Nachhaltigkeit“, sagt er. „Doch seit August 2022 sind wir als Bank dazu verpflichtet, unsere privaten Kunden bei der Anlageberatung systematisch auch hinsichtlich nachhaltiger Aspekte zu informieren und zu beraten.“ Adamla weist darauf hin, dass die Nachhaltigkeit nicht immer eindeutig festzustellen ist. Man habe aber intern „rote Linien“, etwa einen messbar hohen CO2-Ausstoß der Mineralölkonzerne. Diese haben in den vergangenen beiden Jahren an der Börse besonders gut performt. Jedoch schließt die BW-Bank beispielsweise CO2-intensive Konzerne oder Rüstungsunternehmen aus ihren ESG-Anlagehorizonten aus.
Privatanleger investieren anders
Laut Adamla investieren Privatanleger auch anders: „Stiftungen, Kirchen, institutionelle Anleger sowie hochvermögende Privatkunden haben oft schon nachhaltige Aspekte in ihren Anlagerichtlinien verankert. Diese fragen gezielt nach solchen Anlagen und sehen den riesigen Investitionsbedarf bei der Finanzierung des ökologischen Wandels“, sagt er.
Ähnliches weiß auch Maximilian Drobac, Leiter Private Banking und Immobiliengeschäft bei der Volksbank Stuttgart, zu berichten: Das Thema Nachhaltigkeit spiele vor allem für gemeinnützige Stiftungen „eine große Rolle“. Anders sei es bei den übrigen Anlegern: „Die Mehrheit unserer Kunden freut sich, wenn Anlagen nachhaltig sind, aber das ist meist kein zentrales Anliegen, und es gibt viel Verwirrung, weil die Kriterien für Nachhaltigkeit schwammig sind.“
Die Bethmann-Bank, Tochter der niederländischen ABN Amro, hat das Thema Nachhaltigkeit praktisch im Blut. Markus Heilig, Regionalleiter Südwest mit Sitz in Stuttgart, stellt fest, dass die Anleger „mehr Fragen stellen und mehr diskutiert wird. Nur wenige Anleger haben jedoch ihre Haltung geändert und ziehen sich aus solchen nachhaltigen Anlagen zurück“, sagt er.
Die Nachhaltigkeit nach ESG-Kriterien wird bei dem Institut mit einem Punktesystem „gemessen“, das etwa den Verbrauch fossiler Energien erfasst. So könne jedem Wertpapierdepot sein CO2-Ausstoß zugerechnet werden. Gerade durch das Analysieren nachhaltiger Kriterien sei in der Vergangenheit oft in besonders attraktive Aktien und Wertpapiere investiert worden – mit hohen jährlichen Wertzuwächsen. Beim Nachhaltigkeitsfonds „Dynamik“ etwa , einem reinen Aktienfonds, gab es über zehn Jahre eine durchschnittliche jährliche Wertsteigerung vor Kosten von 8,26 Prozent (per 30. September).
ESG-Fonds verlieren Rendite – und damit Attraktivität
„Investitionen in Rüstungs- und Mineralölkonzerne sind in unserem Nachhaltigkeitskonzept ausgeschlossen“, sagt Heilig. Nun performen gerade diese beiden Branchen seit zwei Jahren besonders gut an der Börse. Fonds, die aus ESG-Gründen auf diese Wirtschaftszweige verzichten, fahren derzeit auch weniger Rendite ein – und verlieren dadurch genauso an Attraktivität.
Grundsätzlich bleibt Heilig aber hinsichtlich der finanziellen Performance solcher Anlagen optimistisch: „Innovative Unternehmen, die in den digitalen Wandel oder in erneuerbare Energien sowie generell Nachhaltigkeitskriterien investieren, werden langfristig auch hohe Renditen abwerfen.“
Europa ist bei grünen Anlagen Vorreiter
Mainstream
Die Emissionen von Green Bonds und nachhaltigen Anleihen sowie von ESG-Anlagen, die nach Umwelt-, sozialen und Governance-Kriterien investieren, sind sowohl bei privaten als auch bei institutionellen Anlegern längst Mainstream. Europa ist in Sachen grüne Anlagen Vorreiter: Es war die Europäische Investitionsbank (EIB), die 2007 den ersten Green Bond aufgelegt hat.
Billionenmarkt
Während die Entwicklung anfangs von supranationalen Institutionen vorangetrieben worden ist, sind bald auch Staaten, Unternehmen und Banken auf den Zug aufgesprungen. Nach Angaben des Datenanbieters Environmental Finance Data stehen inzwischen grüne, soziale und nachhaltige Anleihen im Umfang von mehr als 3,55 Billionen Dollar (3,35 Billionen Euro) aus. Das verwaltete Vermögen von ESG-Fonds im Euro-denominierten Raum in Aktien wird auf 1200 Milliarden Dollar geschätzt, das in Wertpapieren mit fester Verzinsung auf etwa 900 Milliarden Dollar und das in Mischfonds auf etwa 700 Milliarden Dollar.