Beim Stammtisch im Gasthof „Alpenrose“ geht es häufig um den Neubau der A8. Foto: Christoph Link

Das Dörfchen Eselhöfe auf der Schwäbischen Alb hat eine einzigartige Insellage. Es ist umschlungen von zwei Fahrbahnen der A 8. Jetzt rückt der Neubau des Albaufstiegs näher, der alles verändert. Ein Ortstermin.

Das ist wohl das geselligste Dorf von Deutschland: Jeden Sonntagmorgen treffen sich im Gasthof „Alpenrose“ in Eselhöfe, einem Ortsteil von Mühlhausen im Täle, im Durchschnitt sechs Leute zum Stammtisch. Da es hier nur 36 Einwohner gibt, machen die Frühschoppenfreunde ein Sechstel der Gesamtbevölkerung aus.

 

Auch an diesem winterlichen Sonntagmorgen hat die Wirtin für ein paar Stunden aufgesperrt. Es gibt Flaschenbier, hart gekochte Eier mit Senf und ein starkes Gesprächsthema für die fünf älteren Herren, die gekommen sind. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat wenige Tage zuvor den Planfeststellungsbeschluss für den Neubau des Albaufstiegs der A 8 erlassen – auf einer neuen Trasse, durch zwei Tunnel und über zwei Brücken. „Ein Weihnachtsgeschenk“ für die Anwohnergemeinden verkündete Landesverkehrsminister Winfried Hermann, nach drei Jahrzehnten der Planung gehe es voran.

Der Männer-Stammtisch sieht das genauso. „Endlich!“ heißt es allenthalben. Einer erinnert an die Uralt-Pläne mit der fixen Idee, den Neubau der A-8-Trasse durch einen Privatinvestor zu finanzieren. „Die wollten tatsächlich 27 Mautstellen an den Auffahrten errichten!“ Es habe sich dann allerdings kein Finanzier gefunden. Wohl zu risikoreich für Privatiers, die geplanten zwei Autobahntunnel in das Karstgestein der Alb zu bauen, meint einer.

„Schönste Autobahnstrecke Deutschlands“

Vom Tunnelbau und seinen Risiken haben die Dorfbewohner ein bisschen Ahnung, quasi vor ihrer Haustür hat die Bahn die Filstalbrücke und zwei Tunnel für die Schnellbahnstrecke Stuttgart-Ulm gebaut. Jahrelang haben sie das mitverfolgen können, den Lärm der Tunnelsprengungen gehört und auch einen Erkundungsstollen der Bahn besichtigen können. Jetzt sausen täglich 90 Züge mit bis zu Tempo 250 über die neue Filstalbrücke zwischen Wiesensteig und Mühlhausen und verschwinden in einem Tunnel, der tief im Erdreich rund 90 Meter unter dem Ortsteil Eselhöfe verläuft.

Nun ähnliches also im Straßenbau. Beim Bau des Albaufstiegs der A 8 im Jahr 1937 legten die Bauingenieure die zweispurige Fahrbahn um die westliche Seite des Hochplateaus, auf dem Eselhöfe und die Bergkuppe Steinbühl liegt. Als 1957 der Albabstieg folgte, schmiegte man die abwärts führende Trasse auf die östliche Seite des Berges an den berüchtigten Drackensteiner Hang.

Bei Mühlhausen im Täle teilt sich die Autobahn, bei Hohenstadt kommt sie wieder zusammen. Mittendrin liegt also Eselhöfe mit seinen 15 Häusern und in seinem Ortsteil Köllerhof mit noch mal zwei. Es hat eine einzigartige Insellage in einer derart reizvollen Landschaft, dass die Autobahngesellschaft das Schild „Schönste Autobahnstrecke Deutschlands“ am Seitenstreifen der A 8 aufgestellt hat. „Ja, bei uns ist die Welt noch in Ordnung“, sagt der Stammtischbesucher Ekkehard, Jahrgang 1933. Der Blick auf die Wälder, die grünen Wiesen, knorrige Obstbäume, die klare Luft auf fast 700 Meter Höhe. Und meistens eine tiefe Ruhe, nur bei Ostwind sind die Motorbremsen der Lkw vom Drackensteiner Hang zu hören.

Gestört wird die Idylle bei akuten Staulagen an Freitagnachmittagen sowie an Samstagen beim Rückreiseverkehr in den Ski- und Sommerferien, wenn die A 8 „zu“ ist. Dann quälen sich mitunter Autokolonnen durch Anliegergemeinden wie Hohenstadt, Mühlhausen und Drackenstein.

Und sie verschonen auch – seit es Google Maps gibt – den Ortsteil Eselhöfe nicht. Dass da ein Verbotsschild für Fahrzeuge über sechs Tonnen an der schmalen Straße in den Hauptort Mühlhausen steht, das jucke dreiste Autofahrer nicht, heißt es. Als während der Bauarbeiten der Bahn ein Teil der Straße nach Mühlhausen gesperrt war, blieben zwei Lastwagen und ein Flixbus an der Malakoff-Brücke am Abzweig nach Wiesensteig hängen. Die Bergung soll sehr teuer gewesen sei, erinnert sich Karlheinz Schwenk am Stammtisch: „Einige tausend Euro.“

Vom A-8-Neubau erhoffen sich die Dorfbewohner die Befreiung vom lästigen Ausweichverkehr bei Staus. Aber etwas Sorge besteht am Stammtisch, dass dieses Bauvorhaben durch Klagen wieder verzögert werden könnte – etwa von der Bürgerinitiative Drackensteiner Hang, die für eine landschaftsschonendere Trassenführung eintritt. Manche von den „Drackis“ hätten den Schuss noch nicht gehört, glaubt einer. Die Anwohner wollten endlich den Neubau.

Umladestation für Esel

Für die noch junge Geschichte von Eselshöfe wäre der Neubau ein historischer Meilenstein. Die nahe gelegene Stadt Wiesensteig sowie Mühlhausen sind beide 861 urkundlich erwähnt worden. Eselshöfe aber taucht erst 1831 in den Annalen auf – als Umladestation für Esel, die auf der Eselssteige ins Filstal Getreide zur Mühle brachten und auf dem Rückweg das Mehl sowie frisches Trinkwasser 200 Höhenmeter hinauf bugsierten, wo es von Pferdefuhrwerken aufgenommen und weitertransportiert wurde.

Auf der Alb, wo das Wasser rasch versickert und rauschende Bäche fehlen, gab es keine Mühlen. Wann die Epoche der Eselstransporte endete, ist nicht genau bekannt, das Transportwesen aber müsste sich mit der Eröffnung der Bahnstrecke Geislingen-Ulm 1850 und ein Vierteljahrhundert später mit dem Bau der Albwasserversorgung entscheidend verändert haben. Schon 1842 hatte Christoph Friedrich Stälin in seinen „Beschreibungen des Oberamtes Geislingen“ den Ort Mühlhausen mit seinen fast 500 Einwohnern als ärmlich beschrieben, aber auch als „freundlich, wiewohl zwischen hohen Bergen gelegen“. In Eselhöfe ermittelte Stälin einen Bauernhof mit acht Einwohnern.

Karlheinz Schwenk berichtet in der „Alpenrose“, dass sein Elternhaus, erbaut 1908, wohl zu den älteren in der Siedlung gehört. Schwenk ist einer, der dem Dorf immer treu geblieben ist. Er zeigt in der Gaststube die Pokale der örtlichen Fußballmannschaft, bei der er einst stürmte. „Wir spielten oft mit Fremden in unserer Elf, Eselhöfe hatte ja gar nicht so viele Spieler“, erinnert er sich.

Früher sei die „Alpenrose“ gut besucht gewesen, die Frauen hätten abends gehäkelt oder gestrickt, die Männer Karten gespielt. Im Saal gab es manchmal Tanz. Mit dem zunehmenden Fernsehkonsum sei das abgeebbt. Eselhöfe hat weder Bus- noch Bahnanschluss, keinen Laden, keine Schule, aber immerhin einen Briefkasten der Deutschen Post, tägliche Leerung morgens um acht.

Wer hier lebt, muss ein Auto besitzen oder gut zu Fuß sein. Schwenk, Jahrgang 1951, sagt, dass er als Kind täglich zur Schule nach Mühlhausen im Täle gelaufen sei, rund 45 Minuten. „Im Winter war der Heimweg bergauf nicht so einfach, da hatten wir manchmal einen dreiviertel Meter Schnee und ich war ein schmächtiger Junge.“

Schnell in Ulm und schnell in Stuttgart

Heute gibt es nur noch zwei Esel im Dorf, sie gehören Markus Hepperle, einem Zimmermann, Land- und Forstwirt, der hier aufgewachsen ist. „Eselhöfe ist für mich der perfekte Ort“, sagt Hepperle, der auf 200 Hektar Wald – gepachtet und zum Teil sein eigener – Holz erntet, trocknet, zuschneidet und als Brennholz vermarktet. Er sei halt schnell in Ulm und auch in Stuttgart. Wenn eine lästige Staulage herrsche und er ausliefern müsse, fahre er „gegen die Richtung des Staus“.

Mit den Greifarmen eines Autokrans verlädt Hepperle, 42, gerade tonnenschwere Ballen von Buchenscheiten. Er hat einen eindrucksvollen Maschinenpark und wirbt mit schonender Waldbewirtschaftung. Von einst neun Bauern im Ort seien jetzt noch er und ein zweiter übrig. Die anderen seien Pendler, die außerhalb des Dorfes arbeiteten. „Wir kommen hier mit allen gut zurecht“, sagt Hepperle, und spätestens Silvester treffe man sich auf der Straße. Dass er seine Kinder zur Schule fahren müsse, daran habe er sich gewöhnt. Dann spendiert er für den Fototermin ein paar Karotten für die Esel Hansi und Emil, Vater und Sohn, und erklärt, warum die Esel trittsicherer seien auf steilen Pfaden als Pferde – nämlich weil sie ihre Hufen unabhängig voneinander setzen könnten.

Die Eselssteige gibt es noch, sie verläuft heute zum Teil unattraktiv als Asphaltstraße direkt entlang der A 8, aber sie erlaubt einen Abstecher zur Todtsburghöhle, die im Winter geschlossen ist, weil die Fledermäuse da ihre Ruhe brauchen. Wenn Sandra Elfert mit ihrem Pferd ins Tal reitet, braucht sie rund eine halbe Stunde. Die Lehrerin wohnt seit 25 Jahren in Eselhöfe und liebt den Ort über alles. „Hier oben ist unser kleines Paradies“, sagt sie. Sandra Elfert, 48, gibt einem Dutzend Kinder hier Reittherapie, sie spricht aber lieber von „tiergestützter Pädagogik“. Ihre fünf Pferde, der Ochse Charly, Hühner und Kaninchen sind für die Kinder da – und Eselhöfe ein sehr beruhigender Ort.

Für jüngere Dorfbewohner, Kinder so bis elf Jahre sei das Spielen in der Natur ideal, meint Sandra Elfert. Nur wenn sie „flügge“ werden, als Teenager, sei das ständige Abholen und Bringen mit dem Auto etwas schwierig. Dass Eselshöfe eines Tages große Vor- oder Nachteile vom Verschwinden der A 8 spüren wird, vermutet sie eher nicht: „Wir sind der Grünstreifen der Autobahn, das wird auch so bleiben, wenn die mal im Tunnel ist.“

Täglich 70 000 Fahrzeuge

Auch Mühlhausens Bürgermeister Bernd Schaefer glaubt nicht, dass sich das Leben in Eselhöfe – auf einem Ortsschild steht übrigens noch der alte Ortsname Eselhof – groß verändern wird. „Die Eselhöfe werden ihren einzigartigen Charakter behalten“, sagt er. Eine bauliche Entwicklung könne im wesentlichen nur im Bestand erfolgen. Wasserschutzrechtliche Themen, diverse Schutzgebiete sowie die Ausweisung als „regionaler Grünzug“ hemmten die Entwicklung. Schaefer glaubt, dass für seine Gemeinde durch die Verlegung der A 8 mit ihren täglich 70 000 Fahrzeugen gute Zeiten anbrechen werden.

Der Verkehr werde flüssiger auf dann sechs Spuren, die Staus und der Ausweichverkehr würden weniger. Bergab am Drackensteiner Hang ist ein Landesradweg vorgesehen, bergauf am Lämmerbuckel soll die zweispurige Fahrbahn der A 8 zur Landstraße werden, der Lärmschutzwall beim Wohngebiet Kohlhaus bleibe natürlich.

Vor allem freut sich Schaefer, 51, über den neu geplanten Autobahnanschluss von Mühlhausen, der so angelegt sein wird, dass der Durchgangsverkehr aus dem „Täle“ heraus künftig nicht mehr durch den Ort fließt.

Die große Frage ist, wann es los geht. Die bundeseigene Autobahn-Gesellschaft-Südwest rechnet von jetzt an mit einer zweijährigen Bauvorbereitungsphase, in der die Brücken und Tunnel geplant werden. Daran schließt sich eine sechsmonatige Phase der europaweiten Ausschreibung der Bauarbeiten an – auch Baustraßen gehören dazu. Danach könnte, wenn alles gut geht, im Juli 2027 mit dem 900 Millionen Euro teuren Bau begonnen werden.

Aber das ist nur ein Szenario, denn es wäre „unseriös“, schon einen Baustarttermin zu nennen, sagt die Autobahn GmbH Südwest. Vergleichbare Bauprojekte dauerten rund sechs bis sieben Jahre. Klappt alles wie am Schnürchen, findet man Bauunternehmer und Ingenieurbüros mit freien Kapazitäten, wäre der neue A-8-Albaufstieg also 2033 oder 2034 fertig. Eselhöfe wäre keine Insel mehr. Bürgermeister Schaefer sagt: „Dann kann man diesen besonderen Fleck Erde noch besser genießen.“