In der Eschenbacher Technotherm-Halle sind die Plätze voll belegt. Das Interesse der Bürger an Informationen über mögliche Krebsursachen in ist enorm. Ihre Skepsis gegenüber den Aussagen der Referenten auf dem Podium auch. Foto: dpa

Haben Abgase aus dem Göppinger Müllheizkraftwerk Krebs bei Kindern verursacht? Experten sagen ganz klar „Nein“. Doch viele Bürger sind nach wie vor misstrauisch, wie sich jetzt bei einer Informationsveranstaltung gezeigt hat.

Eschenbach - Ich kenne junge Familien, die immer in Eschenbach bauen wollten. Jetzt sagen sie, solange das nicht geklärt ist, ziehen sie lieber woanders hin“, erzählt eine Frau, die am Donnerstagabend mit 250 anderen Bürgern in der Technotherm-Halle in Eschenbach sitzt, um zu erfahren, warum sich im Ort Krebsfälle bei Kindern auffällig häufen. Eschenbach - Seit im Herbst öffentlich geworden ist, dass in dem 2200-Seelen-Dorf ungewöhnlich viele Kinder an Krebs erkrankt sind, macht sich dort Unsicherheit breit. Viele Bürger befürchten, dass es einen Zusammenhang mit dem nahen Müllheizkraftwerk gibt. Das Thema beschäftige den ganzen Ort, viele seien misstrauisch, berichtet die Frau. Ihre Nebensitzer nicken.

Die Kommune hatte die Bürger deshalb zu der Informationsveranstaltung eingeladen. Unterschiedlichste Experten berichteten dabei von der bisherigen Ursachensuche. Der Tenor: Aus der Sicht der Experten gibt es keine Hinweise darauf, dass Abgase aus dem Müllheizkraftwerk die Krankheiten verursacht haben könnten. Auch viele andere mögliche Ursachen wurden bereits untersucht und ausgeschlossen: von der Raumluft in den Kindergärten und der Grundschule über das Trinkwasser bis hin zur Mobilfunkstrahlung. Die Informationen sind inzwischen auch auf der Homepage der Gemeinde einsehbar.

Bürger misstrauen der Kreispolitik

Im Ort gab es Gerüchte, die Rauchschwaden aus dem Backhäusle könnten etwas mit den Krebsfällen zu tun haben, doch die Experten versicherten, das sei nicht der Fall. Auch eine nahe Galvanik-Firma hatten manche Bürger im Verdacht. Tatsächlich kam es dort in der Vergangenheit zu Zwischenfällen, bei denen Stickoxide austraten – allerdings lägen die Emissionen insgesamt im Rahmen, hieß es.

Im Moment sieht es so aus, als müssten die Eschenbacher damit leben, dass sich keine gemeinsame Ursache für die Krebsfälle finden lässt. Doch das Misstrauen vieler Bürger gegenüber dem Müllheizkraftwerk scheint trotz vieler Argumente der Experten nicht gesunken zu sein. Vor allem, seit der Kreistag vor einigen Wochen zugestimmt hat, die Müllmenge zu erhöhen, die dort verbrannt werden darf, trauen viele Bürger der Kreispolitik und dem Kraftwerksbetreiber offensichtlich fast alles zu. „In der Debatte haben unsere Probleme praktisch keine Rolle gespielt“, schimpft ein Mann. Viele Bürger und auch der Eschenbacher Gemeinderat fühlten sich von der Kreispolitik im Stich gelassen. Auch von den Landtagsabgeordneten habe sich keiner im Ort blicken lassen.

Alles reiner Zufall?

Deutlich weniger Murren erntete hingegen die Eschenbacher Verwaltung. Obwohl die Kommune bereits seit vier Jahren von der Häufung gewusst hatte, informierte sie die Bürger erst, nachdem die Krebsfälle zufällig durch einen Vortrag des Landesgesundheitsamts im vergangenen Spätsommer öffentlich geworden waren. Der Bürgermeister Thomas Schubert berichtete am Donnerstag, wie man seit 2014 mit den Behörden Ursachenforschung betrieben habe. „Eine Einbindung der Öffentlichkeit war schwierig, denn wir hatten ja auf vieles keine Antwort und wir wollten keine Panik schüren“, erklärte Schubert.

So beleuchteten der Leiter des Kinderkrebsregisters in Mainz, Peter Kaatsch, und eine Abteilungsleiterin des Landesgesundheitsamts, Karlin Stark, am Donnerstag die statistische Sicht auf die Krebserkrankungen. Rein rechnerisch dürfte es Kaatsch zufolge nur alle 20 Jahre eine Erkrankung in dem Ort geben. Tatsächlich aber hat man in den vergangenen 20 Jahren acht Patienten im Alter unter 18 Jahren registriert, vier von ihnen sind gestorben. „Allerdings“, sagte Kaatsch, „beobachten wir immer wieder statistische Ausreißer und Häufungen, gerade in kleineren Gemeinden.“ Die Wahrscheinlichkeit, eine gemeinsame Ursache zu finden, sei sehr gering. Zumal es in Eschenbach um unterschiedliche Krebsarten gehe, was eine gemeinsame Ursache noch unwahrscheinlicher mache. Das Gute sei, dass sich die Zahlen auf einen längeren Zeitraum gesehen erfahrungsgemäß wieder normalisierten.

Kommune beauftragt Baubiologen mit zusätzlichen Untersuchungen

Nadja Mürter, die Leiterin der Abteilung Gesundheitsschutz im Göppinger Gesundheitsamt, berichtete von der Ursachenforschung der Behörden: Im September 2017 wurde das Trinkwasser im Ort dreimal auf Radioaktivität geprüft – nichts. Im Dezember folgte eine Untersuchung auf Pestizide – nichts. Im April 2018 folgten Raumluftmessungen in den Kindergärten und der Grundschule – keine Auffälligkeiten. Auch die Überprüfung der Trinkwasserschutzgebiete förderte keine Erkenntnisse zutage, ebenso wenig eine Kontrolle der Wasserleitungen im Ort.

Um ganz sicherzugehen, beauftragte die Kommune anschließend noch den Baubiologen Harold Neubrand. Doch auch er konnte in den Kindergärten und der Grundschule keine Schadstoffe ausfindig machen. Auch seine Untersuchungen von hoch- und niederfrequenter Strahlung im Ort ergab nur „das Mindestmaß zivilisatorischer Einflüsse“, wie er es ausdrückte.

„Wir haben uns sogar überlegt, eines der Privathäuser der betroffenen Familien untersuchen zu lassen“, berichtete Schubert. Allerdings sei man davon abgekommen, da die Wohnungen alle völlig unterschiedlich und nicht vergleichbar seien. „Das müssten die Betroffenen selbst in die Wege leiten“, sagte der Bürgermeister.

Schubert fordert gründlichere Dioxinkontrolle

Auf Misstrauen stieß Frank Obermüller, der im Stuttgarter Regierungspräsidium auch für die Genehmigung des Müllheizkraftwerks zuständig ist. Die Emissionen würden rund um die Uhr kontrolliert, versicherte er. Und sie lägen deutlich unter den Grenzwerten. Auf Nachfragen der Bürger musste er dann allerdings einräumen, dass nicht alle Schadstoffe ständig kontrolliert würden. Auf weiteres Nachbohren räumte er ein, dass der Dioxinausstoß nur nach vorheriger Ankündigung kontrolliert werde, was bitteres Gelächter aus dem Publikum zur Folge hatte.

Thomas Schubert will sich deshalb jetzt beim Landkreis dafür einsetzen, dass die Dioxinwerte rund um die Uhr geprüft werden. Seine Nachforschungen hätten ergeben, dass es ein Gerät dafür gebe, das für rund 45 000 Euro zu haben sei. Der Betrieb koste im Jahr weitere 12 000 Euro. Eine Investition, die sich nicht nur aus der Sicht des Bürgermeisters lohnen würde, wie der Applaus der Bürger zeigte.

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