Zwischen diesem Foto mit der ESC-Trophäe und dem Auftritt Salvador Sobrals in Stuttgart liegen zwei Jahre, eine Herztransplantation und ein Friseurbesuch. Foto: dpa

Neues Album mit neuem Herz: Der portugiesische Sänger Salvador Sobral überrascht das Stuttgarter Publikum mit einer deutschen Zugabe.

Stuttgart - Wie ein übermütiges Kind, das sich daran freut, schillernde Seifenblasen platzen zu lassen, aufgeschichtete Bauklötzchen wieder umzustoßen, dabei helle Freudenschreie ausstoßend: so geht Salvador Sobral mit seinem musikalischen Material, mit seinen Liedern um. Der preisgekrönte junge Mann aus Portugal fängt an zu singen, mimt plötzlich einen Helden-, dann einen Countertenor, kehrt wie ein Pop-Sänger zurück zu den Harmonien des weich dahinfließenden Songs, spielt dazu Luftgitarre wie einst Joe Cocker, macht linkische Luftsprünge und bricht mit unerwartet eingestreuten Zitaten das Lied auf, legt seinem Fließen sozusagen Steine in den Weg. Lebensfreude pur.

Mit kürzerem Haar wirkt er frischer

Verständlich, wenn man weiß, dass der herzkranke Spross einer Adelsfamilie ein halbes Jahr nach seinem Triumph beim ESC 2017 ein Spenderorgan erhalten hat. Jetzt genießt Sobral den Auftritt im gut besuchten Mozartsaal umso mehr, er hat seinen ESC-Sternenstaub abgeschüttelt, albert mit den drei Musikerkollegen und dem Publikum, lacht, rennt herum und tut, was er mit Abstand am besten kann: er singt. Zum diesjährigen ESC am 18. Mai wird er allerdings – im Unterschied zu Madonna – nicht nach Israel reisen. „Ich prostituiere mich da nicht mehr.“ Das könnte manchen Fan verstimmen.

Hier in Stuttgart stellt der 29-jährige Vokalist – mit kürzerem Haar viel frischer wirkend – das aktuelle Album „Paris, Lisboa“ vor. Seine Stimme ist in den hellen Lagen seidenweich und strahlt, in tieferen wird sie ein wenig rauer und dunkler. Der leichte tänzerische Swing, welcher der Musik gutgetan hätte, wird durch einen lauten Hackepeter am Schlagzeug zerstört. Als dann mitten im Konzert der ersehnte Signature Song „Amor pelos dois“ ertönt, verwandelt sich Applaus in Jubel. Dieses anrührend traurige Liebeslied singt Sobral ganz ohne Fisimatenten, deshalb wirkt es auch so stark. Am Ende überrascht er mit einer sehr hübsch auf Deutsch gesungenen Zugabe: „Kein Schwein ruft mich an“. Nun stürmen die Menschen vor zur Bühne, allen voran die Portugiesen, und feiern diesen jungenhaft strahlenden Salvador Sobral mit seinem neuen, fröhlich schlagenden Herz.

  
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