Mit Silberhut und Ranking-App: Der Böblinger Irish Pub feiert den ESC mit einer fulminanten Party – und einem bemerkenswerten Ergebnis.
Eine wichtige Regel gilt, beim Eurovision Song Contest: Wer abstimmt beim großen Wettbewerb der Lieder, der darf das eigene Land nicht wählen. Das gilt in Wien, dem Austragungsort des 70. ESC, gilt aber nicht im Böblinger Irish Pub O’Donovan’s. Dort wird der ESC gefeiert, am Samstag, am Abend des Finales, und jeder stimmt so ab, wie es ihm gefällt – und das heißt: Für das eigene Land.
Nicht aus Voreingenommenheit, sondern aus der vollen, glühenden Überzeugung heraus, dass der Beitrag der Heimat der allerbeste sei. Deutschland, mit Sarah Engels und „Fire“, liegt in Wien, vor Österreich mit Cosmó („Tanzschein“) und Großbritannien mit Look Mom No Computer („Eins, Zwei, Drei“) zuletzt auf Platz 23, am Ende des Rankings. Im Böblinger Irish Pub liegt Deutschland auf Platz eins.
Unvoreingenommen und mit klarer Meinung
Das lässt sich ablesen, an der App, die die dortigen ESC-Fans für ihren Pub eingerichtet haben. „Jeder kann hier selbst bewerten“, sagt Tamara Atexinger. „Wir machen ein Pub-Ranking.“ Tamara Atexinger ist als Gast im O’Donovan’s, gehört der Bürgerinitiative „ProKüVie“ an, die sich dafür stark macht, dass das Böblinger Künstlerviertel, gastronomische Geisterstadt im Herzen Böblingens, wieder belebt wird.
Der Irish Pub liegt am Rande des Viertels und Tamara Atexinger ist ESC-Fan von klein auf: „Ich habe früher immer zuhause Party gemacht“, sagt sie. „Dann hat Ryan den Irish Pub übernommen und war sehr offen dafür, hier eine ESC-Party zu machen.“ Tamara Atexinger sagt, sie sehe sich den Wettbewerb ganz unvoreingenommen an, habe sich zuvor nicht über die einzelnen Beiträge informiert – und doch ist sie ganz auf der Seite von Sarah Engels: „Sie macht einen guten Job für Deutschland und hat als einzige richtig Energie auf die Bühne gebracht.“
Ryan Nee übernahm 2024 den Böblinger Irish Pub. Er ist der Sohn eines Iren und einer Deutschen. Seine Familie stammt aus dem irischen Westen. Mit 19 Jahren zog er in die Heimat seiner Vorfahren, kehrte 2023 zurück und spazierte direkt hinein in den Pub, dessen Inhaberin just zu jener Zeit einen Nachfolger suchte. Auch er ist ein Fan des ESC: „Ich habe das als Kind schon angeschaut“, sagt er. „Irgendwann dann fand er statt an einem Tag, an dem ich arbeiten musste, und ich habe mir gedacht, ich lasse den ESC einfach einmal auf der Leinwand laufen.“ Der Irish Pub war voll und im Jahr darauf, beim zweiten Mal, noch voller.
Gäste aus aller Welt feiern im Pub den ESC
2026 nun hat der Pub sich herausgeputzt mit Fahnen und Wimpeln und glitzernden Vorhängen. Viele Gäste tragen spitze silberne Hüte, und lustig sind sie sowieso. „Später“, sagt Ryan Nee, „füllt es sich noch mehr. Da ist dann richtig Party.“
Sabrina gehört nicht zum ESC-Stammpublikum, hat sich die Show zuletzt angesehen, als Stefan Raab teilnahm mit „Wadde hadde dudde da?“. „26 Jahre ist das her!“, sagt sie – „unglaublich!“ Über eben dieses Thema hat sie sich gerade unterhalten mit Nic aus Böblingen und Stefan aus Reutlingen. „Stefan hat gemeint, wie pompös die Show geworden sei, im Vergleich zu früher.“ Sabrina möchte ihre Mutter grüßen, und alle drei sind sie begeistert von der Stimmung im O’Donovan’s: „Hier ist richtig was los, alle sind nett!“
Uta nimmt den Wettbewerb ernster, denn schließlich kommt sie zwar aus Stuttgart, lebt mittlerweile in Herrenberg – aber ihre Familie stammt aus Schweden: „Dort wird es uns in die Wiege gelegt, den ESC zu zelebrieren.“ Und deshalb hofft Uta auf den Sieg Schwedens: „Wir haben einen tollen Song mitgebracht, dieses Jahr!“ Auch der australischen Interpretin Nina Goodrem würde sie einen Sieg gönnen, und das Public Viewing im Pub findet sie super: „Die haben sich richtig ins Zeug gelegt hier, mit der Deko und allem!“ Kiki schließlich, aus Griechenland, ist, wie könnte es anders sein, auf der Seite der Griechen: „Unser Song ist peppig und frisch“, sagt sie. „Ich bin gespannt!“
Die Enttäuschung mindert nicht die Feierlaune
Enttäuscht werden sie alle, dennoch feiern sie. Nach 23 Uhr noch liegt Deutschland auf der App des Böblinger Pub-Votings weit vorne. Das letzte Voting der App zeigt Schweden auf Platz 1, gefolgt von Deutschland, Bulgarien, Australien.
Im nächsten Jahr dann geht die Party weiter.