Gospel im Osten soll jetzt Menschen aus ganz Stuttgart zu den Gottesdiensten anziehen Foto: Scheffbuch

"Die 25- bis 35-Jährigen brechen weg": Der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig will mit einem Masterplan die Kirche wieder attraktiv machen und die Austrittswelle stoppen. „So können wir nicht mehr weitermachen.“ Gospel und Meditation gehören zum Schwerpunktprogramm.

Stuttgart - Die Bilanz der Kirchenaustritte löste bei beiden Stuttgarter Stadtdekanen ein großes Wehklagen aus. 2014 sank die Zahl der Katholiken von 145 000 auf 143 383. Noch stärker fiel das Minus bei der Evangelischen Kirche aus: Hier sank die Zahl der Mitglieder von 158 704 um 3149 auf 155 555.

Die Austrittswelle führen die jeweiligen Dekane Christian Hermes und Søren Schwesig auf das neue Verfahren zur Erhebung der Abgeltungsteuer zurück. Danach müssen Kirchenmitglieder auf private Investments Kirchensteuer zahlen. Neu daran: Den betroffenen Anlegern wird der Betrag nun automatisch vom Gewinn abgezogen und direkt ans Finanzamt überwiesen.

"Sehr schmerzlich"

Das erzürnte viele Christen und führte zu einer Austrittswelle. „Die war höher als sonst und sehr schmerzlich“, sagt Schwesig, „doch inzwischen haben sich die Austrittszahlen wieder bei einem normalen Maß eingependelt.“

Die Hände will der Protestant dennoch nicht in den Schoß legen. Gewiss, er kennt den Trend zu Individualisierung in der Gesellschaft. Täglich ist er auch mit „generellen Institutionskritik“ konfrontiert. Aus Mitgliederbefragungen weiß er zudem:

Die absolute Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich. Mit jeder neuen Generation wird die Wichtigkeit von Glaube und Kirche in der Gesellschaft schwächer. Die Zahl derjenigen, die sich sehr in ihrer Kirche engagieren, wächst zwar. Aber gleichzeitig nimmt die Gruppe der Gleichgültigen noch stärker zu. Vor allem unter den Jugendlichen.

Die Mitte der 25- bis 35-Jährigen bricht weg

„Unsere Herausforderung lautet daher: Wie können wir dem begegnen?“, sagt Søren Schwesig. „Die Ränder sind stärker ausgefranst. Die Mitte der 25- bis 35-Jährigen bricht weg.“ Diese Gruppe in der Stadtgesellschaft sei bindungslos. „Daher ist es besonders schwer, mit diesen Leuten in Kontakt zu treten.“ Für Schwesig ist trotz aller Schwierigkeit klar: „So können wir nicht weitermachen.“

Diesen Appell will der Stadtdekan nun bei der nächsten Klausurtagung jedem Stuttgarter Glaubensbruder einschärfen: „Das muss unser Jahresthema in allen Kirchengemeinden sein. Jeder muss sich hinterfragen, wie können wir vor Ort Beziehung und Begegnung bieten.“

Für seine eigene Gemeinde, das Pfarramt I und die Gedächtniskirche, will er mit gutem Vorbild vorangehen. An Zugezogene und Taufeltern will er persönlich herantreten und sie für Gemeindeangebote begeistern.

Für den ganzen Evangelischen Kirchenkreis Stuttgart, dem er als geschäftsführender Dekan vorsteht, hat er indes einen Masterplan verordnet. Der Stuttgarter Sprengel soll neu strukturiert, ja reformiert werden. „Wir müssen die Kräfte bündeln“, fordert er, „wir müssen Formate schaffen, die den neuen Beziehungsformen gerecht werden und Themen aufnehmen, die die Menschen interessieren.“

Meditation im Stuttgarter Westen

Sein Plan lautet: Jede Gemeinde soll sich auf ihre Stärken besinnen und die noch stärker herausbilden. „Die Gemeinden sollen aus ihrer traditionellen Arbeit heraus Schwerpunkte entwickeln.“ Zum Beispiel: Im Osten soll weiterhin Gospelmusik die Menschen in der Stadt an die Kirche binden.

Der Westen soll sich in der Rosenbergkirche zu einem meditativen Zentrum entwickeln. In der Stiftskirche sollen weiterhin kulturelle Aspekte die Hauptrolle spielen. Der Hospitalhof bleibt die Bildungsakademie. Diakonie wird in der Leonhardskirche nicht nur während der Vesperkirchenzeit groß geschrieben. Und in der Brenzkirche soll die Kunst eine wichtige Rolle spielen.

„Ich sehe mich in der Verantwortung Impulse zu geben“, sagt Schwesig, „nur zu verwalten, ist mir zu wenig. Der erste Schritt war, die Probleme zu benennen, im zweiten Schritt müssen wir jetzt unsere Chancen wahrnehmen.“

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