Gut im All angekommen: Die nächsten sechs Monate wird Alexander Gerst (zweiter von rechts) 400 Kilometer über der Erde in der ISS forschen und leben. Foto: dpa

Für ihn ist ein "Kindheitsraum" wahr geworden: Der Geophysiker Alexander Gerst  ist am Donnerstagmorgen um 5.52 Uhr an Bord der ISS geschwebt. Auf der Internationalen Raumstation wird er rund ein halbes Jahr leben und forschen.

Für ihn ist ein "Kindheitsraum" wahr geworden: Der Geophysiker Alexander Gerst  ist am Donnerstagmorgen um 5.52 Uhr an Bord der ISS geschwebt. Auf der Internationalen Raumstation wird er rund ein halbes Jahr leben und forschen.

Baikonur  - Erstmals seit mehr als sechs Jahren arbeitet wieder ein deutscher Astronaut im All. Alexander Gerst trat am Donnerstag seinen Dienst auf der Internationalen Raumstation ISS an. „Der Blick auf die Erde ist super“, sagte der 38-Jährige in einer Videokonferenz aus gut 400 Kilometern Höhe. Der Geophysiker aus Künzelsau in Baden-Württemberg soll knapp ein halbes Jahr auf der ISS arbeiten. Zuletzt war der Deutsche Hans Schlegel im Februar 2008 ins All geflogen.

Mit einem breiten Lachen schwebte Gerst am Morgen des Feiertages Himmelfahrt an Bord der ISS. „Der Flug war fantastisch. Ich kann es noch nicht glauben, es ist wie im Traum“, erzählte der promovierte Wissenschaftler bei der Live-Schaltung seiner Familie auf dem Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Er hatte sich - nach eigener Rechnung - rund 6000 Stunden (250 Tage) auf die Mission vorbereitet.

„Mit dem Flug von Alexander Gerst wird das deutsche Engagement in der bemannten Raumfahrt konsequent fortgesetzt“, sagte der Vorstandschef des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR), Johann-Dietrich Wörner, einer Mitteilung zufolge. Gemeinsam mit Gerst erreichten der Russe Maxim Surajew und der US-Amerikaner Reid Wiseman den Außenposten der Menschheit.

Wegen des notwendigen Druckausgleichs dauerte es etwas bis zur Öffnung der Luken zwischen der Sojus-Kapsel und der ISS. Um 5.52 Uhr MESZ war es dann soweit: Nach Gerst brachte Wiseman auch Crew-Maskottchen „Giraffity“, eine orange Plüsch-Giraffe, mit an Bord. Die Sojus war um 21.57 Uhr MESZ am Mittwochabend von Baikonur gestartet und hatte knapp sechs Stunden später an der ISS festgemacht. „Bis denn dann! Würde euch gerne alle mitnehmen...“, lautete Gersts letzter Eintrag beim Kurznachrichtendienst Twitter, bevor die Triebwerke zündeten.

In seinem Heimatort Künzelsau verfolgten fast 500 Menschen den Nachtstart auf einer Videoleinwand. Auch im DLR-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen (Bayern) war die Erleichterung groß. Gäste, Techniker und Gersts Vorgänger Schlegel applaudierten nach dem geglückten Missionsauftakt. Jubel gab es ebenfalls beim Public Viewing in der Kölner Altstadt.

Bis zur Rückkehr im November soll Deutschlands neuer Mann im All mehr als 100 Experimente betreuen. Vorgesehen ist auch mindestens ein Außeneinsatz. Als Bordingenieur ist er zudem für Wartungs- und Reparaturarbeiten verantwortlich. Jede Minute des Aufenthalts war vorab schon genau durchgeplant worden. Auf der ISS arbeiten derzeit außer den drei Neuankömmlingen noch der US-Astronaut Steven Swanson sowie die Kosmonauten Alexander Skworzow und Oleg Artemjew.

Familie verfolgt Start der Sojus in Kasachstan

In Baikonur beobachtete Gersts Familie von der etwa zwei Kilometer entfernten Ehrentribüne aus den Abflug bei wolkenlosem Himmel und milden Temperaturen. Mutter, Vater, Großmutter, Brüder und Freundin waren alle nach Kasachstan gereist. „Ich wünsche Alexander viel Spaß da oben. Und dass er gesund wiederkommt“, sagte der 59-jährige Vater Hans-Dieter Gerst. Eingeladen waren auch Raumfahrtlegende Sigmund Jähn (77), der 1978 - als DDR-Bürger - als erster Deutscher ins All geflogen war, sowie Ulf Merbold (72), der als einziger Deutscher dreimal in den Weltraum gereist war.

Gerst hatte eine Reise zu den Sternen stets als „Kindheitstraum“ bezeichnet. Er ist der elfte Deutsche im All. Nur die Raumfahrtgroßmächte Russland und USA haben mehr Menschen in den Kosmos geschickt. Auf der ISS waren vor Gerst lediglich die Deutschen Thomas Reiter und Schlegel. Gersts Missionsname „Blue Dot“ (Blauer Punkt) bezieht sich auf einen Ausdruck des US-Astrophysikers Carl Sagan, der die Erde aus dem Weltraum als „pale blue dot“ (blassblauen Punkt) bezeichnet hatte.

Seit die USA ihre Space Shuttles 2011 einmotteten, können Nasa-Astronauten nur noch in russischen Kapseln mitfliegen. Für jeden Platz in einer Sojus zahlen die USA 50 Millionen Euro, fast ebenso viel soll die Mitfluggelegenheit für Gerst kosten. Das Schicksal der Raumstation steht allerdings in den Sternen. Russland hat nach mehr als 15 Jahren ein Ende seines Engagements beim fliegenden Labor für 2020 angekündigt. Dabei handelt es sich wohl auch um eine Reaktion auf US-Sanktionen im Ukraine-Konflikt.

Experten fürchten nun, dass auf der ISS bald die Lichter ausgehen könnten. Nach dem kosmischen Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA im Kalten Krieg gilt die Raumstation heute auch als Symbol der Völkerverständigung. „Wieder zeigt die Raumfahrt, was möglich ist, wenn über alle Grenzen hinaus international kooperiert wird, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und dieses auch gemeinsam zu erreichen“, sagte DLR-Chef Wörner nach Gersts Ankunft im All.