Überfordert mit der Erziehung: Eine Smartphone-App gibt Eltern Tipps. Foto: dpa

Die Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming hat eine App entwickelt, die Eltern bei der Erziehung hilft. Ein Algorithmus, der aus den Reaktionen von Eltern und Kind lernt und individuelle Ratschläge gibt– kann das funktionieren?

Stuttgart - Eine App, die Ratschläge gibt zur Kindererziehung: das klingt zunächst, als würden die unzähligen Ratgeberbücher zum Thema Erziehung nun die digitalen Sphäre mit ihren Allgemeinplätzen bereichern und weiterhin suggerieren, dass man Kinder nach einem „one-fits-all“-Plan erziehen kann. Eine Künstliche Intelligenz (KI), die individuell aus der Eltern-Kind-Beziehung lernt und an Typ und Situation angepasste Tipps für Aktivitäten gibt, die kognitive oder emotionale Entwicklung fördert – das klingt zwar interessanter, scheint aber gleichzeitig kaum möglich.

Doch Vivienne Ming ist überzeugt, dass sie auf einem guten Weg dorthin ist. „Glauben Sie es oder nicht“, ruft die amerikanische Hirnforscherin aus, wenn man bei ihr nachfragt, „mein Sohn hat ganz aktuell die Diagnose ‚milden Autismus‘ bekommen – und bevor die Diagnose kam, hat unser System Vorschläge gemacht, die die emotionale Resilienz stärken.“ Die Unternehmerin hat mit ihrer Partnerin zwei Kinder, einen sechsjährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter. Während der Sohn seine emotionale Resilienz stärkte, empfahl die App für die Tochter zu erkunden, wie genau eine Toilette funktioniert, „das spricht ihre Forscherfähigkeiten an.“

Ming hat sich vermutlich wie alle Eltern immer mal wieder gefragt, wie sie ihre Kinder zu glücklichen, zufriedenen Menschen erziehen kann, denen eine tolle Zukunft blüht. „Alle Eltern lieben ihre Kinder“, sagt sie, „nur wissen nicht alle, was sie tun müssen, damit sie glücklich sind.“ Ihre App Muse ist von außen gesehen denkbar einfach: sie stellt den Eltern jeden Tag eine Frage über das Kind – etwa: „Warst du mit deinem Kind schon mal in der Bücherei?“ – und gibt ihnen am Nachmittag eine Empfehlung für eine gemeinsame Aktivität, beispielsweise „Erkunde wie eine Toilette funktioniert“.

Ausgeklügelter Algorithmus

„Im Hintergrund läuft ein ziemlich ausgeklügelter Algorithmus“, erklärt Ming. Dieser sei mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen der Hirnforschung gefüttert worden, aus denen abhängig von den Informationen der Eltern die Tipps generiert werden. Zugleich lerne die Software über die beantworteten Fragen der Eltern dazu, um das Kind besser einschätzen zu können. Im Hintergrund ordnet das System die Erkenntnisse über das Kind 50 Fähigkeiten und Faktoren zu, und berechnet, ob diese gut ausgeprägt sind oder ob sie gestärkt werden sollten – von der Mentalität und Kreativität über unkonventionelles Denken bis hin zu Problemlösefähigkeiten.

Was aus gutem Grund nicht möglich ist: das eigene Kind mit anderen zu vergleichen oder Einblick zu bekommen, wie der Algorithmus die Fähigkeiten des Kindes einschätzt. „Wir wollen schließlich die Beziehung stärken und keinen Wettbewerb ausrufen“, sagt Ming. Sie selbst habe nicht einmal bei ihren eigenen Kindern nachgeschaut, wie sie im Vergleich zu anderen dastehen – obwohl sie den Zugang zu den Daten hat. „Das schmutzige offene Geheimnis hinter Muse ist: wir wollen nicht deine Kinder ändern, wir wollen dich ändern“, sagt Ming. Die App nehme Eltern den Stress und die kognitive Last, sich täglich neue Aktivitäten zu überlegen.

Genau damit ist Fabienne Becker-Stoll, Diplompsychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München, nicht einverstanden. „Solche Ansätze sind Unsinn, wir sollten Eltern auf keinen Fall mit zusätzlichen Abhak-Aufgaben stressen.“ Die wichtigste Basis für die kindliche Entwicklung sei eine liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Kind: „Die emotionale Zuwendung ist das wichtigste – und der größte Beziehungskiller ist Stress.“ Aber könnte die App nicht bei der Beziehungsarbeit helfen? Gerade bei Eltern, denen der Zugang zu diesen Emotionen fehlt? Die es richtig machen wollen, aber nicht wissen wie? Zeit

Zeit und Zuverlässigkeit

„Stellen Sie sich ein Date vor“, antwortet Becker-Stoll: „Der Mann schaut auf das Handy in eine Beziehungsratgeber-App, um alles richtig zu machen. Als Sie kommen, steht er auf und umarmt sie. Dann liest er nochmal nach, ob er es auch richtig gemacht hat, und sieht: dort steht „liebevoll umarmen“ und er wiederholt die Umarmung.“ Fühlt sich das an wie echte Emotionen? Wohl kaum. Dass ausgerechnet eine Handy-App die Eltern-Kind-Beziehung verbessern soll, empört sie: „Wir arbeiten hart daran, Eltern so weit herunter zu bekommen, dass sie entspannte Zeit mit ihrem Kind verbringen können.“ Wichtig dafür sei die Fähigkeit, sich einzufühlen und offen zu sein für Signale des Kindes. „Kinder brauchen Zeit und Zuverlässigkeit.“ Der ständige Blick aufs Handy führe zum Gegenteil.

Dennoch kann man Ming nicht vorwerfen, Eltern mit einer weiteren App an ihr Smartphone zu fesseln – dafür ist die Anwendung viel zu langweilig, man kann sich schlicht nicht länger mit ihr beschäftigen. Zum Start stellt die App eine Frage, und wer unbedingt will, kann ihr bis zu zwei weitere abringen. „Geht dein Kind außerhalb des Hauses zur Schule?“, „Arbeitest du außer Haus?“ und „Liest du mit deinem Kind?“ (oder bei größeren: „Kann es selbst lesen?“). Dann bleibt nur die Option: „Teste eine Aktivität“ – es wird genau eine vorgeschlagen, es gibt keine Auswahl - und diese Aktivität führt direkt weg vom Smartphone hin zum Kind. Erst, wenn diese Aktivität absolviert ist, kann man die App weiter nutzen – zunächst um einzugeben, wie es war. Aus diesen Angaben lernt der Algorithmus.

Nicht ständig kreativ sein müssen

Im Selbsttest wird mir zunächst empfohlen, das größere (Schul-)Kind heute Abend beim Kochen helfen und ein Rezept aufschreiben zu lassen. Das klingt gut, es schult zudem die Sprachentwicklung und die Kommunikationsfähigkeit, wie die App verrät. Vor allem aber passt es in diesem Fall zu Mutter und Kind. Und es nimmt in der Tat die Last, ständig kreativ sein zu müssen, wenn das Kind mit einem genervten „mir-ist-langweilig-und-die-Brüder-nerven“-Gesicht in der Küche auftaucht.

Die Empfehlung für den Vier- und Sechsjährigen hingegen lautet: „Zeige deinem Kind einen Schal und frage es, was das sonst sein könnte (ein fliegender Teppich, ein Umhang etc.)“. Doch obwohl die Stichworte unter der Aktivität verraten, dass hierbei die Fantasie und die Vorstellungskraft sowie innovatives und problemlösendes Denken geschult wird, kommen Zweifel auf: Das Kind wird mich durchschauen. Es wird mit skeptischem Blick fragen: Mama, wo hast du das jetzt her? Wenn es spürt, dass die Zuwendung „nicht echt“ ist – das wäre wie das Date, bei dem eine Beziehungsapp die Regie hat. Doch wer den Kopf einschaltet und die App nicht als Bedienungsanleitung fürs Kind betrachtet, sondern als Unterstützung der eigenen Kreativität, kann durchaus profitieren.

Die ersten fünf Jahre sind entscheidend

Studie
Die Erziehungs-App der Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming basiert unter anderem auf Forschungen des University College London, die bereits vor 25 Jahren begannen: Damals wurden unterprivilegierte Familien mit Kleinkindern eine Stunde pro Woche von Pädagogen begleitet, die mit ihnen über Ernährung sprachen und ihnen kleine Spiele zeigten, die sie mit ihren Kindern spielen können.

Ergebnisse Im Jahr 2014 veröffentlichten Paul Gertler und Kollegen dann die Ergebnisse der Langzeitbeobachtung. „Die Stimulation steigerte das Durchschnittseinkommen der Teilnehmer um 42 Prozent“, stellten die Autoren der Studie fest. „Diese Ergebnisse zeigen, dass psychosoziale Stimulation in der frühen Kindheit (...)die Ungleichheit im späteren Leben verringern kann“, heißt es weiter.

Eltern-Begleitung Auch Vivienne Ming ist überzeugt: „Die Literatur ist eindeutig: die ersten fünf Jahre sind entscheidend: wenn wir hier etwas ändern, verbessern wir die Zukunft der Kinder nachhaltig.“ Eine App, die Eltern bei der Erziehung hilft könne durchaus die positiven Aspekte einer Begleitung durch Menschen ersetzen – die leider nicht jedem zuteil werden kann.

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