Wenn Mütter und Väter im Stress sind, verfallen sie oft in die Verhaltensweisen ihrer eigenen Eltern. Ein Instagram-Trend zeigt, dass es auch anders geht.
Jahrzehntelang haben Kinder solche Sprüche von ihren Eltern gehört: „Es wird gegessen, was...“ – und jeder Erwachsene weiß, wie dieser Satz zu vollenden ist. Ein anderes Beispiel: „Wer schön sein will, muss...“ – und auch hier gibt es nur eine richtige Antwort. Oder? Auf Instagram probieren es Eltern mit ihrem Nachwuchs aus und konfrontieren sie mit den Glaubenssätzen aus ihrer Kindheit. Daraus ist ein richtiger Trend geworden. Die Antworten, die sie dabei bekommen, sind herzerwärmend. Denn heute wissen Kinder: Es wird gegessen, was schmeckt. Und wer schön sein will, muss sich selbst lieben.
„Ich finde, das zeigt, wie inspirierend es ist, Kinder anzuhören“, sagt Denise Samuel. Sie ist Mitglied im pädagogischen Leitungskreis bei dem privaten Bildungsträger Element-i und fügt hinzu: Kinder würden an viele Themen noch unbedarft rangehen, sie durch ihre eigene Brille sehen. „Und es ist wichtig, sie darin zu bestärken, ihnen einfach Fragen zu stellen und eben nicht immer gleich mit der Erwachsenenbrille auf alles zu schauen.“ Eltern hätten großen Einfluss darauf, wie ihre Kinder die Welt sehen. Und wenn Kinder gelernt haben, dass man sich selbst lieben muss, um schön zu sein, zeuge das von einem positiven Verhältnis und einem positivem Blick auf die Welt. „Wahrscheinlich hat dieses Kind ganz oft erfahren, dass es gehört wird, dass es sich Gedanken machen darf, und dass es gefragt wird“, sagt Denise Samuel.
In der Familientherapie ist vom „Cycle Breaking“ die Rede, wenn Eltern bewusst versuchen, die in ihrer eigenen Kindheit erlernten Denkmuster und Verhaltensweisen zu durchbrechen. „Ein Klaps hat noch nie...?“, lautet eine der Fragen, die Mütter ihren Kindern auf Instagram stellen. Doch statt „geschadet“ antworten diese zum Beispiel „weitergeholfen“. Darin spiegelt sich ein moderner Erziehungsstil. „Es geht vielmehr um die Bedürfnisse der Kinder, und das ist positiv“, sagt Lisa Baganz. Auch sie gehört zum pädagogischen Leitungskreis bei Element-i und erklärt: Erwachsene befinden sich gegenüber Kindern immer in einer Machtposition, Kinder sind von Eltern abhängig. Wenn diese Machtposition ausgenutzt wird, spricht man von adultistischem Verhalten. Heute aber würden viele Eltern diese Machtposition positiv ausgestalten, „in dem Sinne, dass ganz viel überlegt wird: Welches Bedürfnis hat denn mein Kind?“, sagt Lisa Baganz.
Ein solcher Erziehungsstil könne aber auch ins Negative kippen. „Kinder sollten bedürfnisorientiert erzogen werden, aber sie brauchen ihre Grenzen“, sagt Lisa Baganz. man könne sein Kind nicht jeden Tag, zu jeder Zeit und zu allem nach seiner Meinung fragen. Vor allem junge Kinder bräuchten auch Sorgeberechtigte, die einen Rahmen vorgeben und die Entscheidungen treffen. „Wir erleben aber auch, dass Kinder völlig regelfrei erzogen werden, und das ist nicht unbedingt vorteilhaft für ihre Entwicklung“, sagt Lisa Baganz. Denise Samuel ergänzt, dass auch andere Menschen, also Eltern, Bedürfnisse haben, „und es ist total wichtig, diese zu benennen und so Grenzen zu setzen“.
Eltern müssen Vorbild sein, um Werte zu vermitteln
Ein wichtiger Schlüssel bei der Erziehung sei das eigene Verhalten, sagt Lisa Baganz. Gerade in der frühen Kindheit vermittele man Werte vor allem indem man Vorbild sei. „Kinder müssen echte Erfahrungen sammeln“, so die Expertin. Und dabei gehe es eben auch um die Erfahrungen, welche die Kinder in der Interaktion mit ihren Eltern machen. Welche Haltung nehmen die Erwachsenen gegenüber ihrem Kind ein? Sind sie bereit, dem Kind zuzuhören und vielleicht auch mal von der eigenen Meinung zurückzutreten? Und wie gehen Eltern mit negativ konnotierten Gefühlsäußerungen ihrer Kinder um? Zum Beispiel, wenn das Kind anfängt zu schreien, weil es nicht bekommt, was es will.
Moralisch aufgeladene Glaubenssätze aus der eigenen Kindheit wie: „Ich gebe dir gleiche einen Grund zu schreien!“, sind da meist wenig hilfreich. „Stattdessen sollte man sich überlegen: Was bedeutet es, wenn ich möchte, dass mein Kind sehr liebevoll aufwächst? Was muss ich dafür tun, und auf welche Verhaltensweisen muss ich dann als erwachsene Person verzichten?“
Fehler eingestehen und Entschuldigung sagen
Und dennoch könne jedem Elternteil auch mal ein Satz rausrutschen, der das Kind klein macht. Wenn man in Stresssituationen an seine Grenzen stoße, übernehme oft der nicht-rationale Part im Gehirn. „Dann wird es heiß mit Triggerpunkten und mit Wut, und dann kann man eben häufig nicht anders, als auf diese Mechanismen aus der eigenen Kindheit zurückzugreifen“, schildert Lisa Baganz. Und hinterher denke man oft: „Oh Gott, jetzt klinge ich schon wie meine eigene Mutter.“ Doch je mehr man sich die Gründe für den Rückfall in alte Denkmuster und Verhaltensweisen bewusst mache, umso klarer werde einem: „Es hilft ja nichts, wenn ich mein Kind an der Stelle sehr autoritär und vielleicht auch mit Angst und Druck erziehe“, so Lisa Baganz. Im Gegenteil: „Letztlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Kind genau diese Methoden auch irgendwann wieder bei anderen Menschen anwendet, und sei es nur in Stresssituationen.“
Richtig sei aber auch: „Jeder macht mal Fehler und stößt an seine Grenzen“, sagt Denise Samuel. Wichtig sei, dass man sich diese eingestehen und sich entschuldigen könne, auch bei dem eigenen Kind. Und man sollte sich überlegen, was einen so getriggert habe, warum man in eine Stresssituation geraten sei, um es das nächste Mal besser zu machen. Genau an dieser Stelle würden die Bedürfnisse der Eltern wieder ins Spiel kommen. „Wenn ich nie auf mich höre, auf meine Bedürfnisse, dann komme ich ganz oft in so eine Überforderung, weil meine Bedürfnisse nie Befriedigung finden“, sagt Denise Samuel. Darum dürfe man sich auch mal fragen: „Was brauche ich? Was stresst mich?“ Wer diese Fragen für sich beantworten könne, könne auch in eine gelingende Interaktion mit seinem Kind treten.
Zur Person
Denise Samuel
Die Sozialpädagogin ist Mitglied im pädagogischen Leitungskreis bei dem privaten Bildungsträger Konzept-e. In ihrem Unternehmen ist sie unter anderem zuständig für das Thema Interaktionsqualität. Wichtig ist ihr, dass der Mensch nicht nur als Individuum in den Blick genommen wird, sondern auch seine Verantwortung in der und sein Beitrag zur Gemeinschaft.
Lisa Baganz
Die Bildungswissenschaftlerin gehört ebenfalls zum pädagogischen Leitungskreis bei Konzept-e. Ihr Schwerpunkt ist die interkultureller Bildung. Dazu gehören die Bereiche Migration, Rassismus, Interkulturalität und andere damit verbundene Querschnittsthemen. Lisa Baganz ist zudem Fachberaterin für das kindliche Bildungs- und Entwicklungsfeld Gemeinschaft und Kleinkindpädagogik.