Nicht gar so selten: Schmollende Kids am Esstisch. Foto: IMAGO/Shotshop/IMAGO/Monkey Business 2

Maßlos und egoistisch statt wertschätzend: Auch so erleben Eltern ihre Kinder immer wieder. Eine Frage der Erziehung? Oder können Kinder vielleicht gar nicht anders?

Da hat man bis tief in die Nacht den Kuchen mit grünen Marzipan-Dinos verziert. Geschenke hübsch eingepackt, den Tisch schön gedeckt. Und dann reißt das Geburtstagskind das Papier am frühen Morgen ratzfatz in Stücke. Schaut enttäuscht, weil ein anderes Präsent im Papier vermutet wurde. Und der Kuchen? Bäh, Marzipan!

 

Undankbares Pack!

Eltern schießt in so einer Situation schon mal durch den Kopf: Was für ein undankbares Pack! Von früh bis spät ackert man für die Kinder und dann scheinen sie nie zufrieden. „Warum muss ich in die Schule?“ „Warum zum Fußballtraining?“ „Wozu brauche ich eine Mütze?“ Irgendetwas passt immer nicht. Und das Maß ist selten voll. „Warum gibt es nur ein Eis?“ „Warum kann Sophie morgen nicht noch mal bei uns übernachten?“ Eine typische Eltern-Antwort: „Wir ermöglichen und erlauben euch so viel. Seid doch mal ein bisschen dankbar, dass ihr überhaupt zur Schule gehen dürft. Oder ein Eis bekommt!“ Aber können Kinder das überhaupt: dankbar sein?

Der Wert des eigenen Beitrags

„Bis ins Jugendalter hinein eher nicht“, sagt Karin Fasseing Heim, Leiterin des Studiengangs Kindergarten-Unterstufe und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen. Der Grund: Dankbarkeit ist ein hochabstraktes Konstrukt mit einer stark kognitiven Komponente. „Dankbar sein bedeutet, dass der Mensch den Wert von etwas versteht und begreift, wer oder was zu diesem Wert beigetragen hat“, erklärt Mirja z vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Osnabrück.

Dankbarkeit ermöglicht es Menschen, in eine anerkennende soziale Verbindung zu treten, weshalb sie auch als soziales Bindemittel gilt. „Im Dankbarsein erkennt der Mensch an, dass er auf anderes und andere angewiesen ist. Deshalb fördert Dankbarkeit auch das Wohlbefinden“, so Mirja Kekeritz. Kein Wunder also, dass sich Eltern nach kindlicher Dankbarkeit sehnen.

Wahrnehmung von Emotionen

Dankbarkeit entsteht aber nicht nur als Wert im Kopf. Sie ist durchaus auch als Gefühl wahrnehmbar. Und dazu sind auch schon jüngere Kinder in der Lage. „Die Wahrnehmung und Regulation von Emotionen beginnt mit der Geburt und entwickelt sich in vielfältigen sozialen Situationen. So lernen Kinder das, was sie fühlen, in Worte zu fassen und zu reflektieren“, sagt Karin Fasseing Heim. Dadurch fällt es ihnen dann im Grundschulalter auch leichter, ihre eigenen Gefühle zu kontrollieren, sich in andere hineinzuversetzen, Rücksicht zu nehmen oder Verantwortung zu tragen. Alles Dinge, die Karin Fasseing Heim zufolge in der sozialen Entwicklung in diesem Alter zentraler und fassbarer sind als die Sache mit der Dankbarkeit.

Erwartung und Überforderung

„Man kann sich als Eltern ja durchaus mal kritisch fragen, wann im Leben man selbst schon echte Dankbarkeit empfunden hat. Mir fallen da vor allem existenzielle Situationen ein wie die Geburt eines gesunden Kindes oder das Überstehen einer schweren Krankheit“, sagt Katrin Fasseing Heim. Situationen also, in die Kinder gar nicht unbedingt geraten. Ihr Fazit: „Dankbarkeit ist eine Erwartung der Eltern, die für die Kinder aus entwicklungspsychologischer Sicht aus mehreren Gründen eine Überforderung darstellt.“

Kleine Wörtchen, große Wirkung

Muss man sich als Eltern also damit abfinden, kleine Egoisten großzuziehen, die immer nur fordern, statt auch mal zu geben – und sei es nur ein „Danke!“? „Nein. Gerade dieses kleine Wörtchen können Kinder ja schon ganz früh lernen, weil es mit einer klaren Situation verbunden ist: Ich bekomme etwas und im Gegenzug sage ich Danke“, sagt Karin Fasseing Heim. Zwar sei es dann vielleicht nicht mehr als eine Geste, weil dahinter nicht zwingend das Gefühl der Dankbarkeit stecke. „Aber Danke sagen ist in unserer Gesellschaft so wichtig, um positiv wahrgenommen zu werden, dass es sich trotzdem lohnt, es Kindern früh beizubringen. Die Dankbarkeit gesellt sich dann vielleicht über die Jahre dazu“, sagt Karin Fasseing Heim.

Ein geheuchelter Dank

Also reicht ein kleines „Danke“ und schon darf man sich auf die Geschenke stürzen oder den Geburtstagskuchen verschmähen? „Nein, aber das, was Eltern in solchen Momenten von ihren Kindern sehen möchten, ist vielleicht weniger Dankbarkeit. Ich würde es eher als Anerkennung und Wertschätzung, Respekt oder Achtsamkeit bezeichnen“, sagt Karin Fasseing Heim. Wertschätzendes Verhalten sei für Kinder viel konkreter und auch nicht so komplex wie die Dankbarkeit und deshalb für sie leichter zu zeigen. Vorausgesetzt, die Kinder erleben Wertschätzung im Alltag.

Soziale Umgangsformen

„Wie fast alles lernen Kinder auch Emotionen und soziale Umgangsformen vor allem durch das Beobachten von anderen Kindern und Erwachsenen“, sagt Karin Fasseing Heim. Nehmen die Großen sich beim Auspacken von Geschenken Zeit? Sagen sie, dass das Essen heute aber lecker schmeckt? Dass sie sich über das geputzte Bad freuen? Oder versucht man sich als Vater oder Mutter gar mal mit Selbst-Wertschätzung? „Was spricht dagegen, sich laut darüber zu freuen, dass die Pfannkuchen heute aber gut gelungen sind?“, fragt Karin Fasseing Heim.

Zeitversetzte Anerkennung

All das sei besser, als darauf zu warten, dass die Kinder von sich aus mit anerkennenden Worten kommen. Im besten Fall schauen sie sich das erwünschte Verhalten ab. Erwarten aber können es Eltern nicht. „Ich würde Anerkennung und Wertschätzung mehr als Bonus sehen, den man an manchen Tagen eben obendrauf bekommt“, sagt Karin Fasseing Heim. Und manchmal zeigen Kinder das auch erst zeitversetzt.

Zum Beispiel bei einem Familienausflug. Was wird da manchmal gemeckert (lange Fahrt, zu heiß, zu langweilig!) und gequengelt (so weit laufen!). Und dann schaut man sich irgendwann zusammen Fotos an und staunt, welche positiven Erinnerungen wachgerufen werden. Und falls nicht? „Dann muss man sich als Eltern auch mal ehrlich fragen, wer eigentlich den Ausflug machen wollte. Und sich damit zufriedengeben, dass man zumindest selbst einen schönen Tag oder einen schönen Urlaub hatte“, sagt Karin Fasseing Heim.

Auch der Dino-Kuchen war ehrlich gesagt mehr ein Selbstverwirklichungsprojekt. Er sah wirklich sensationell aus. Aber geschmacklich: all dieses künstlich-grüne Marzipan? Bäh!