Jesper Juul: der „Sokrates unter den Pädagogen“ Foto: dpa/Linda Henriksen

Seine Hauptbotschaft war ebenso einfach wie kompliziert: Beziehung statt Erziehung. Das machte ihn zu einem der wohl prägendsten Familientherapeuten unserer Zeit. Jetzt ist er mit 71 Jahren gestorben.

Stuttgart/Odder - Es war 2016, als unsere Zeitung das letzte Mal ein Interview mit dem dänischen Familientherapeuten und Pädagogen geführt hat. Schon damals war das nur noch schriftlich möglich. Jesper Juul war seit 2012 brustabwärts gelähmt und saß im Rollstuhl. Trotzdem war es ihm wichtig, weiterhin das unter die Menschen zu bringen, was er als existenziell für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ansah, aber auch für das Miteinander einer Gesellschaft überhaupt: etwas, was er „Gleichwürdigkeit“ nannte, ein Begriff, den mancher Kritiker falsch verstand.

„Gleichwürdigkeit bedeutet nicht, gleich zu sein. Es hat nichts mit der Verteilung von Macht zu tun. Gleichwürdigkeit bedeutet, das Kind ernst zu nehmen, seine Gefühle, Reaktionen, Gedanken, Ideen und Wünsche“, so Jesper Juul in dem Interview 2016. Seine Botschaft hatte dabei nichts mit antiautoritärer Erziehung zu tun, im Gegenteil: Er forderte Eltern auf,„Leitwölfe“ zu sein, wie er das nannte, also auf Grundlage der Bedürfnisse aller großen und kleinen Familienmitglieder die Richtung vorzugeben. Und, ja, man dürfe als Mutter und Vater auch mal egoistisch sein.

Die Eltern folgten ihm und seinen ebenso prägnant wie verständlichen Formulierungen gern. 40 Bücher hat Jesper Juul laut eigenen Angaben in 29 Ländern auf 25 Sprachen veröffentlicht, darunter Bestseller wie „Dein kompetentes Kind“ und „Nein aus Liebe“. 2006 unterstützte er die Gründung des „Familylab – die Familienwerkstatt“, die das bindungsorientierte Erziehungskonzept Juuls in Seminaren an Eltern vermittelt. Die Organisation gab jetzt auch seinen Tod bekannt.

Aura des in sich ruhenden Großvaters

Vielleicht war es seine zugewandte Art, die Aura eines in sich ruhenden Großvaters, die ihm Titel wie „Der Sokrates unter den Pädagogen“ einbrachte. Vielleicht war es seine eigene, nicht immer geradlinige Biografie, die Juul für viele Menschen so authentisch machte.

Geboren 1948 Vordingborg im Südosten Dänemarks, hatte Juul eine „einsame“ Kindheit, wie er selbst sagte. Von seinen Eltern habe er vor allem gelernt, wie man es nicht macht. Er arbeitete als Bauarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper – bevor er zur Sozialarbeit und später zur Familientherapie fand. Was ihn allerdings noch lange nicht selbst zu einem fehlerlosen Vater machte: Er habe seinem Sohn gegenüber viel gegrollt und geschimpft , sagte Juul 2011 gegenüber unserer Zeitung. Und dass es sein Sohn gewesen sei, „der mich gelehrt hat, dass Erziehung ein gemeinsamer Prozess sein muss“.

Man konnte sich mit Juul wunderbar darüber unterhalten, wie fehlbar man als Mutter oder Vater ist. Und wie wenig das ausmacht. Juul war ein guter Beobachter von Familien, sah die Zerrissenheit junger Eltern zwischen Beruf und Kindern. Aber er sah auch die Fortschritte: „Ich bin der Überzeugung, dass Kinder heute zu stärkeren, kreativeren und lebenstüchtigeren Menschen heranwachsen als jemals zuvor.“

Nun ist Jesper Juul mit 71 Jahren in seiner Wohnung in Odder nahe Aarhus gestorben. „Dein kompetentes Kind“, es bleibt.

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