Sofort vorlesen, augenblicklich ins Freibad, direkt ein Eis: Warten ist für die meisten Kinder sehr schwer. Warum kindliche Ungeduld normal ist, Eltern aber trotzdem nicht immer gleich springen müssen.
Der Dreijährige hat noch nicht mal beide Augen geöffnet, da ruft er schon: „Ich will jetzt frühstücken!“ Noch auf dem Toast kauend, sollten die Zähne schon geputzt und das erste Buch vorgelesen sein. „Gleich, du musst kurz warten!“, ist ein Satz, der bei ihm gar nicht gut ankommt. Da kann er sehr ungehalten werden. Und das hat auch gute Gründe. Denn Geduld ist nicht angeboren.
Leben im Hier und Jetzt
Bis ins Grundschulalter hinein sind Kinder vor allem im Hier und Jetzt zu Hause. Sie haben noch keine große Vergangenheit, auf die sie zurückblicken könnten, und kaum eine Vorstellung davon, dass es eine Zukunft gibt. Sie schlafen, wenn sie müde sind, essen, wenn sie hungrig sind, und dazwischen ist ihre wichtigste Aufgabe: Spielen. Dabei können sie problemlos die Zeit vergessen – bis sich ein Bedürfnis wie Hunger meldet, welches keinen Aufschub duldet.
Das Problem am kindlichen Zeitgefühl: Es passt nicht in die Welt, in die sie hineingeboren werden. Denn diese ist getaktet durch Uhren und Kalender, welche dafür sorgen, dass man eben nicht immer das machen kann, was man gerade machen möchte. Mal soll man aufhören zu spielen, weil ein Arzttermin ansteht, dann wieder weiterspielen, obwohl der Hunger doch so groß ist – das erzeugt Unzufriedenheit und Frust.
„Um mit dem Uhrzeiten-Leben zurechtzukommen, braucht es eine Frustrationstoleranz. Diese entwickelt sich bei Kindern aber erst mit den Jahren“, sagt Ivo Muri, Zeitforscher und Gründer des Forschungsinstituts Nomos der Zeit im schweizerischen Sursee. Und Zeit wie sie Erwachsene meist erleben, nämlich als knappes Gut, das bewirtschaftet werden muss, auch um Geld zu verdienen – diese Art von Zeitverständnis ist Kindern ohnehin noch völlig fremd.
Nur konkrete Zeitangaben verwenden
Diese Theorie hilft zwar, kindliche Ungeduld besser zu verstehen. Wahnsinnig macht es Eltern dennoch, wenn alles immer „Jetzt sofort!“ passieren soll. Wie bringt man die unterschiedlichen Zeitverständnisse zusammen? Bei Kindergartenkindern hilft es dem Erziehungswissenschaftler Tilmann Wahne von der Universität Lüneburg zufolge, auf vage Zeitangaben wie „gleich“ oder „später“ zu verzichten – und die Zeitpunkte stattdessen mit möglichst konkreten Ereignissen zu verbinden. Also: „Ich muss noch den Tisch abräumen, dann lese ich dir vor.“ Und nicht: „Gleich lese ich dir etwas vor.“ Bei so einem schwammigen Wort dürfen sich Eltern nicht wundern, wenn das Kind sofort fragt: „Ist jetzt gleich?“
Auch Routinen in Form von täglich wiederkehrenden Zeitabläufen sind gut geeignet für Kinder, um mit Wartezeiten besser zurechtzukommen. So lernen sie, dass man erst die Nudeln kochen und den Tisch decken muss, bevor man essen kann – und dass es den Nachtisch eben erst nach dem Mittagessen gibt. Wer die Routinen dann jedoch mal ändert, muss damit rechnen, dass das Kinder ganz schön aus dem Konzept bringen kann – eben weil sie ihnen dabei helfen, mit dem für sie so schwer zu durchschauenden zeitlichen Ablauf eines Erwachsenentages zurechtzukommen.
Die Impulskontrolle muss sich erst entwickeln
Dabei darf man nicht verschweigen, dass Kinder ihre Bedürfnisse schwer hintanstellen können und auch kaum mit den negativen Gefühlen zurechtkommen, welche das Warten mit sich bringt. Der Teil des Gehirns, der für die Impulskontrolle zuständig ist, braucht die gesamte Kindheit und Jugend über, um sich zu entwickeln.
Ab etwa vier Jahren sind Kinder aber durchaus in der Lage, sich auch mal in andere Menschen hineinzuversetzen und zu sehen, dass eine Erzieherin im Kindergarten nicht gleichzeitig mehreren Kindern die Schuhe binden kann. Sie können nun auch kurz mal etwas anderes machen, bis man Zeit für sie hat – ja, warten gar freiwillig, wenn ihnen das Vorteile bringt.
In einem bekannten entwicklungspsychologischen Experiment durften drei- und vierjährige Kinder entscheiden, ob sie sofort einen Aufkleber haben wollen oder vier Aufkleber, wenn sie kurz warten. Die dreijährigen Kinder nahmen sofort den einen Aufkleber, die Vierjährigen warteten lieber, um mehrere Aufkleber zu bekommen.
Für Eltern bedeutet das: Die ganz große Ungeduld, der man fast hilflos ausgesetzt ist, ist mit etwa vier Jahren vorbei. Ab dann können sie den Kindern Strategien an die Hand geben, um mit kurzen Wartezeiten zurechtzukommen. Die Psychologin Daniela Galashan verweist dazu in ihrem Blog „Liebe und Hirn“ auf den sogenannten Batman-Effekt. Gemeint ist damit, dass Kinder eine unattraktive Tätigkeit wie Warten länger durchhalten, wenn sie sich vorstellen, sie wären eine Figur wie Batman, Bob der Baumeister oder Rapunzel.
Tricks, um Wartezeiten zu überbrücken
Die psychologische Erklärung: Die Kinder kommen dadurch eher in den Denkmodus. Sie sind damit beschäftigt, sich auf das Rollenspiel zu konzentrieren und sich beispielsweise zu überlegen, wie sie ein Eis im Fliegen transportieren könnten. Dadurch werden sie vom Gefühlsmodus abgelenkt, in dem sie nur daran denken können, wie schön süß und kalt sich so ein Eis jetzt im Mund anfühlen würde. Auch ohne zwingend immer ein Rollenspiel machen zu müssen, können Eltern Daniela Galashan zufolge den Batman-Effekt im Alltag nutzen, indem sie sich gemeinsam mit den Kindern überlegen, wie Wartezeiten überbrückt werden können – und sie durch eine ablenkende Tätigkeit vom Gefühlsmodus in den Denkmodus holen.
Wie bei fast allem, was Kinder lernen, nehmen sie ihre Eltern auch beim Thema Geduld als Vorbild. Können Mama oder Papa einfach im Wartezimmer eines Arztes sitzen? Oder greifen sie gleich zum Handy oder zu einer Zeitschrift? Werden lange Urlaubsfahrten durch gemeinsame Spiele oder Gespräche überbrückt – oder bekommt jeder schon beim Losfahren irgendein Medium in die Hand gedrückt, mit dem er sich dann beschäftigt?
Und dann ist da noch das Thema Verlässlichkeit: Versprechen Eltern ihrem Kind, nach dem Tischabräumen ein Buch vorzulesen, dann sollten sie das auch einhalten. Erledigen sie stattdessen noch fünf andere Dinge und vergessen das Buch darüber womöglich gar, macht dies das Warten beim nächsten Mal nicht unbedingt attraktiver.
Die Quengel-Formel
Tipps für lange Autofahrten
„Wann sind wir endlich da?“ Im Durchschnitt fragen Kinder das bei Autofahrten nach 32 Minuten zum ersten Mal, nach 70 Minuten werden sie dann so richtig unleidig. Das hat der englische Mathematiker James Hind herausgefunden. Und nicht nur das, er liefert auch gleich eine Formel dazu, wie Eltern berechnen und beeinflussen können, wann ihr Kind beim Autofahren mit dem Quengeln beginnt. Sie lautet: T = 70 + 0,5E + 15F – 10S. T steht dabei für die Wahrscheinlichkeit des Ausrastens, E für jede Minute gebotene Unterhaltung, F für Essen und S für mitfahrende Geschwister. Mit nur einem Kind, der richtigen Unterhaltung und gelegentlichem Essen kann man es demnach auf zwei Stunden quengelfreie Fahrt bringen. Wer dagegen zwei Kinder an Bord hat und weder Unterhaltung noch Snacks bietet, muss Hind zufolge vermutlich schon nach 40 Minuten die erste Pause einlegen. Die gute Nachricht: Danach kann man mit der berechneten quengelfreien Zeit wieder von vorne starten.