Früh übt sich: Viele Kinder spielen ein Instrument. Foto: dpa

Experten kritisieren einen grassierenden Förderwahn bei Eltern. Weil Kinder ein seltenes Gut geworden sind, muss aus ihnen etwas werden, so scheint die Devise.

Stuttgart - Immer mehr Eltern investieren laut Experten immer mehr Geld und Zeit in die Bildung ihrer Kinder. Schätzungen zufolge fließen jedes Jahr Summen in Milliardenhöhe in Förderungsmaßnahmen. „Die Freizeit von Kindern ist kommerzialisiert, institutionalisiert und strukturiert“, sagt Christian Alt, Soziologe am DeutschenJugendinstitut (DJI) in München, den Stuttgarter Nachrichten. Je höher die Bildung und das Einkommen der Eltern seien, desto selbstverständlicher sei die Förderung. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), sagt, dass mehr als 15 Prozent der Eltern einem regelrechten Förderwahn verfallen sind. „Diese Eltern lassen ihren Kindern keine freie Zeit. Sie verplanen jede Minute“, kritisiert Kraus.

Der Trend in Deutschland geht zum Einzelkind. Das führt laut den Experten dazu, dass der Wert eines Kindes gestiegen ist. „Eltern wollen aus ihrem Kind das Maximum herausholen. Das Beste ist für den Prinzen oder die Prinzessin gerade gut genug“, sagt Alt. Aus Sicht des Pädagogen Kraus sind auch bildungspolitische Debatten schuld am Förderwahn. „Es herrscht die aberwitzige Ansicht, dass Kinder heutzutage nur mit Abitur und Studium Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.“

Die Förderung der Kinder beginnt oft schon wenige Wochen nach ihrer Geburt. Pekip-Kurse beispielsweise, in denen Babys nackt spielen und sich bewegen, boomen bundesweit. „Die Nachfrage nach Kursen ist ungebrochen hoch“, sagt Pekip-Sprecherin Angelika Nieder. Die Anbieter suchten für Kurse verzweifelt Gruppenleiterinnen.

Laut Statistischem Bundesamt kostet ein Kind von der Geburt bis zur Volljährigkeit die Eltern mehr als 126 000 Euro. Die Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2008 und dürften weiter gestiegen sein. Allein für Nachhilfe geben Eltern jedes Jahr mehr als 1,5 Milliarden Euro aus.

Wissen, was wichtig ist – abonnieren Sie hier den StN-Newsletter

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: