Simone Dammann und Jörg Willerding arbeiten als Sozialpädagogen im „Kinderfels“ der Paulinenpflege. Foto: Stoppel

Ein eingespieltes Team: Simone Dammann und Jörg Willerding versuchen seit 25 Jahren, sozial auffällige Schüler wieder in die Spur zu bringen.

Im Prinzip verbringen Simone Dammann und Jörg Willerding ihre Tage im „Kinderfels“ mit den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen als große Familie. Mama, Papa und jede Menge Kinder in einer Wohnung in einem Fellbacher Wohnhaus, mit allem, was dazugehört – Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, Büro, Balkon, Dachgeschoss zum Spielen, Matratzenlager im Keller und jede Menge Trubel.

 

Aber genau das, also Mama und Papa, wollen die 50-Jährige und ihr 59-jähriger Kollege gar nicht sein. Stattdessen versuchen die zwei Sozialpädagogen, den Schülern Regeln und Werte zu vermitteln, und scheuen dabei auch vor strengeren Ansagen nicht zurück. „Wenn da jemand schlägt und schreit, dann bringen wir ganz klar und unmissverständlich zum Ausdruck, wie wir zu so einem Verhalten stehen“, sagt Jörg Willerding.

30 Jahre Engagement: Jörg Willerding und Simone Dammann im Einsatz

Der 59-Jährige ist das Urgestein im Kinderfels. Seit nunmehr 30 Jahren, also quasi von Anbeginn des Sozialraumangebots „Kinderfels“ der Paulinenpflege in Fellbach, ist der Mann, der in Schwäbisch Gmünd wohnt und selbst fünf Kinder hat, am Start. Fünf Jahre später kam Simone Dammann dazu. Seitdem begleitet das Duo Kinder und deren Familien. Und während dieser Nachmittage nach Schulschluss geht es meist ziemlich turbulent und spaßig, aber auch konzentriert zu. Die pädagogische Betreuung geht vom Mittagessen über Hausaufgabenbetreuung und Backaktionen bis hin zur Ringarena im Tobe-Keller sowie Sportaktivitäten in der Sporthalle der Bodenwaldschule.

Und das eingespielte Team betreut bei Weitem nicht nur Jungs und Mädchen, denen die Hausaufgaben schwerfallen. „Wir haben Kids, die sich kaum spüren. Da tut so was Körperliches wie Ringen gut, um ein faires Miteinander einzuüben. Außerdem baut es Stress ab“, sagt Jörg Willerding und zeigt gleich noch den Werkraum und die Tischtennisplatte. Es gehe in der Arbeit im Kinderfels darum, sozial- und verhaltensauffälligen Kids, die mit ADHS, Autismus, psychischen Störungen oder familiären Problemen kämpfen, Halt zu geben und sie wieder auf die Spur zu bringen. „Wenn die dann doch die Kurve kriegen, dann weiß man, wofür man es macht“, sagt Jörg Willerding und kämpft mit den Tränen. So routiniert und kompetent er nach 30 Jahren auch ist, die Fälle gehen ihm immer noch nah. Dienst nach Vorschrift – Fehlanzeige.

Elternarbeit im Kinderfels: Zusammenarbeit mit dem Jugendamt

Und Simone Dammann und Jörg Willerding betreuen auch die Eltern mit – und sind dankbar über eine gute Zusammenarbeit. „Manche wollen Tipps, andere stellen sich ziemlich quer, dann wird es schwieriger“, sagt Simone Dammann. Der jeweilige Hilfebedarf bei der Familie werde mit dem Kooperationspartner, dem Jugendamt, festgelegt, sagt Jörg Willerding. Wenn die betroffenen Familien Kontakt zum Jugendamt suchen, nehme das Ganze seinen Weg. „Wir bekommen Eckdaten vorab, und dann kann es losgehen“, erklärt Simone Dammann, bevor sie an die Tür muss. Der Caterer hat geklingelt.

An diesem Freitag bringt er Rösti mit Ratatouille. Es gibt aber auch Tage, an denen Simone Dammann und Jörg Willerding Zeit haben und selbst zum Kochlöffel greifen – Klassiker wie Spaghetti gibt es dann oder auch mal Schnitzel mit Pommes, wenn ein Geburtstagskind darauf Appetit hat. „Nach der Schule dürfen die Kinder bei den letzten Handgriffen helfen, bevor das Essen frisch auf den Tisch kommt“, sagt Simone Dammann, die in Schorndorf wohnt.

Kinderfels in der Brandung – der Namensgeber als Legomodell Foto: Simone Käser

Aktuell sind es zehn Kinder – in den letzten 30 Jahren waren es insgesamt 173 Kids, die im Kinderfels gefördert wurden. Bewährtes Highlight am Abend – die Smiley-Runde: „Da geht es um Lernziele. Jeder erzählt, wie sein Tag war und ob er das Gefühl hat, dass er seine Ziele erreicht hat.“ Und die Ziele sind so bunt gemixt wie die Fächer, die die Schüler sich gestaltet haben. Auf Bildern mit Dinos, Lego, Blumen, Regenbogen oder Superhelden stehen Zielsetzungen wie „Ich sage Sie“, „Ich steuere meine Handlungen“ oder „Ich rede laut und deutlich“.

Apropos Lego: Die bunten Steine spielen im Kinderfels eine große Rolle. Es gibt ein ganzes Zimmer voll zum Spielen. Und auch der Namensgeber – der Kinderfels – steht aus Lego nachgebaut in einer Vitrine im Büro der beiden. Und die kleinen Spielzeugmännchen, die da rumkraxeln, mal Hilfe brauchen, mal Erfolge feiern, zeigen ziemlich anschaulich, worum es im Kinderfels geht.

Nach zwei bis drei Jahren würden rund 75 Prozent keine Hilfe mehr benötigen, sagt der 59-Jährige und erinnert sich an ein Mädchen zurück – „die Coolste unter der Sonne“ hat er sie getauft. „Wir waren auf einer Freizeit mit den Kids, 1800 Meter hoch. Und das kleine Mädchen wollte unbedingt zu den Pferden und zeigte plötzlich eine richtig starke Persönlichkeit. An einem Tag habe ich ihr nicht geglaubt, dass sie schon vor dem Frühstück bei ihren geliebten Tieren war, bis ich Äpfel gefunden habe, die sie als Zeichen auf dem Weg versteckt hat. Da war ich baff“, sagt Jörg Willerding und ist sichtlich gerührt.

Auch Kinder mit ADHS betreuen Jörg Willerding und Simone Dammann. Foto: dpa

Während er so erzählt im Wohnzimmer des Kinderfels, mit der Couch, der Fensterfront und den Pflanzen, lauscht seine Kollegin gebannt. Auch sie hat ihre Erfahrungen mit der „Coolsten unter der Sonne“ gemacht und muss nun ihrerseits mit den Tränen kämpfen: „Bei einer Radtour war sie am Kämpfen und sie fluchte, weil sie nicht vorwärtskam. Jahre später berichtete sie mir, dass sie sich immer, wenn es schwierig sei im Leben, meinen Spruch von damals vorsage: Sie müsse nur kräftig treten, dann würde es schon klappen.“ Unter anderem wegen solcher Momente machen die zwei Sozialpädagogen ihren mitunter kräftezehrenden Job schon so lange.

Gemeinsames Werkeln in der Küche – tut den Schülern gut und schafft Nähe und Struktur. Foto: privat/Paulinenpflege (Kinderfels)

Ein festes Gesetz lautet dabei: Die Smartphones müssen von allen – es sind sowohl Grundschüler als auch größere Kids aus der weiterführenden Schule dabei – abgegeben werden. Auch so eine nervige Regel. Aber darum geht es Simone Dammann und Jörg Willerding: Regeln als Stütze. „Zu viel Freiheit überfordert die Kinder. Sie brauchen Halt von uns, und den kriegen sie.“