Professorin und Buchautorin: Amy Chua Foto: DAPD

Für eine harte Erziehung plädiert die US-Professorin Amy Chua in ihrem Buch.

Washington - Amy Chua ist Jura-Professorin an der US-Eliteuniversität Yale. Bisher hat sie schwergewichtige Werke über die freie Marktwirtschaft und den Untergang von Imperien verfasst. Jetzt aber hat die 48-Jährige ein umstrittenes Buch über die Erziehung ihrer beiden Töchter geschrieben, das in den USA eine hitzige Erziehungsdebatte ausgelöst hat. Unter dem Titel "Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte" (Nagel & Kimche, 256 Seiten, 19,90 Euro) ist es auch in Deutschland erschienen.

Chua, in Amerika geborene Tochter chinesischstämmiger Einwanderer aus den Philippinen, wollte sicherlich provozieren. Und mit ihrer Polemik gegen den in ihren Augen verhätschelnden westlichen Erziehungsstil ist ihr das auch gründlich gelungen. "Chinesische Eltern erziehen so stereotyp erfolgreiche Kinder", erklärt sie, weil chinesische Mütter überlegen seien. Diese seien besser, weil sie härter, strenger und fordernder gegenüber ihren Kindern auftreten würden. Die Autorin nennt ihr Buch Memoiren, doch eigentlich liefert sie eine Anleitung zur sogenannten extremen Kindererziehung, wie ihre Denkschule - politisch korrekt ohne Hinweis auf die ethnische Herkunft der Autorin - in der US-Debatte getauft wurde.

Praktiziert hat sie die Druckmethode mit ihren eigenen Töchtern. So lässt sie es nie zu, dass sich ihre Kinder zum Spielen verabreden oder bei Freundinnen übernachten. Fernsehen, Videospiele und selbst Basteln sind ebenfalls tabu. Konsequent vertritt sie die Meinung, dass eine "Eins minus" eine schlechte Note sei. Als eine ihrer Töchter in einem Mathematikwettbewerb hinter einem koreanischen Kind nur Zweite wird, lässt Chua sie jeden Abend 2000 Mathe-Aufgaben lösen, bis die Tochter wieder die Nummer eins ist. Chua schreckt auch nicht davor zurück, Geburtstagskarten, die sie von ihren Töchtern erhielt, wegen mangelnder Qualität zurückzuweisen und bessere zu verlangen. Einmal droht sie damit, alle Stofftiere zu verbrennen, bis die Tochter ein bestimmtes Musikstück perfekt vorspielt. Das Ergebnis: Die Töchter bekommen nur Bestnoten. Sophia, die ältere Tochter, wird ein Wunderkind am Klavier, das schon mit 14 Jahren in der Carnegie Hall auftritt. Und auch Lulu, die jüngere aufmüpfigere Tochter, wird eine begabte Geigerin.

Thesen sorgen für Kontroversen

Chua behauptet, sie möchte sich in ihrem Buch über ihren extremen chinesischen Erziehungsstil lustig machen, ihr Ausgangspunkt ist aber eine harte Kritik am US-Erziehungsstil. "Westliche Eltern sind sehr um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder besorgt", schreibt die Professorin. Es mangle ihnen an Autorität, sie würden den Kindern jede Menge Anspruchsdenken beibringen, und die Kinder würden nicht dazu gezwungen, ihren Fähigkeiten voll auszuschöpfen. "Chinesische Eltern verstehen, dass nichts Spaß macht, bis man gut darin ist", schreibt Chua. Und "um gut in irgendetwas zu werden, muss man arbeiten, und Kinder wollen von sich aus nie arbeiten". Deshalb sei es wichtig, sich über ihre Wünsche hinwegzusetzen, begründet sie ihre harten Erziehungsstil.

Klar, dass diese Thesen unter US-Eltern für Kontroversen sorgen. Innerhalb weniger Tage nach der Veröffentlichung eines Buchauszugs im "Wall Street Journal" melden sich im Internet Tausende kritischer Stimmen zu Wort. Amy Chua wird in vielen Nachrichtensendungen interviewt, ihr Buch schießt auf den Bestsellerlisten nach oben. Die Reaktion hat auch mit den Selbstzweifeln vieler Amerikaner derzeit zu tun, die Angst vor Chinas Aufstieg haben, während sie ihr eigenes Land im Niedergang sehen. Zur globalen Konkurrenz zählt für viele Amerikaner längst auch das Feld der Bildung. Insbesondere seit der US-Bildungsminister Arne Duncan nach dem letzten Pisa-Test mit Blick auf den Spitzenplatz Schanghais ausrief: "Wir werden in der Bildung übertrumpft." So nennt Nicholas Kristof, Kolumnist der "New York Times", den Aufstieg des chinesischen Bildungssystems und die zugrunde liegende Leidenschaft zu lernen die eigentliche Herausforderung, die China für die USA darstelle.

In unzähligen Kommentaren fällt die Kritik aufgebrachter amerikanischer Mütter und Väter mindestens ebenso hart aus wie Chuas Thesen. Der Tenor: Derartig erzogene Kinder könnten nie glücklich oder wirklich kreativ sein. Sie würden zwar mit jeder Menge Fertigkeiten ausgestattet, sie wären aber zu angepasst und besäßen sicher nicht die Kühnheit, Großes zu vollbringen. Einige Kritiker meinen sogar, Chua gehöre wegen Kindesmisshandlung hinter Gitter.

Druck, der in den Selbstmord treibt

Ebenso emotional distanzieren sich viele Asiaten oder asiatischstämmige Amerikaner in ihren Internet-Kommentaren. "Eltern wie Amy Chua sind der Grund, weshalb asiatische Amerikaner wie ich eine Therapie brauchen", schreibt Betty Ming Liu, die an der New York University Journalismus lehrt. "Noch schädlicher ist, dass sie die Stereotype in den Medien über asiatische Amerikaner fortschreibt", meint der Politikberater Frank Chi. Und schlimmer noch: Der hohe Erfolgsdruck würde, so heißt es in den Blogs, junge Asiaten auch immer wieder in den Selbstmord treiben.

Der konservative "New York Times"-Kolumnist David Brooks weist unter dem Titel "Amy Chua ist ein Weichei" süffisant auf die Ironie hin, dass die Professorin gar nicht wirklich gegen den westlichen Erziehungsstil rebelliere, sondern genau das tue, was übertrieben ehrgeizige Eltern mit ihren Kindern so alles anstellten - bloß eben in extremer Form. Aber: "Sie hält sie von den anstrengendsten intellektuellen Aktivitäten fern", so Brooks. Vier Stunden lang ein Musikstück einzustudieren erfordere zwar konzentrierte Aufmerksamkeit. Das sei aber keinesfalls kognitiv so anstrengend wie das soziale Lernen, wenn 14-jährige Mädchen gemeinsam übernachten würden. Der informelle Lern- und Reifeprozess würde zu kurz kommen, wenn das formale Lernen die ganze Kinderzeit in Anspruch nehme. Brooks stützt sich auf US-Forschungsergebnisse zur kollektiven Intelligenz.

Amy Chuas Buch bietet, auch wenn es überzieht, Stoff zum Nachdenken: So bestätigen international erfahrene Bildungspraktiker, dass asiatische Eltern in der Tat oft stärker als westliche Eltern Anhänger eines auf Leistung aufbauenden Vorankommens seien und ihre Kinder auch stärker zur Leistung anhielten. Außerdem verlangten asiatische Eltern in der Tendenz mehr Unterordnung von ihren Kindern, während westliche Eltern die Bringschuld eher bei sich selbst ansiedelten. Und die Bildungsmethoden in asiatischen Ländern unterschieden sich ebenfalls von denen in westlichen Staaten.

Chuas Schmähschrift versucht, den neuesten Erziehungstrend zu setzen. Sie hofft auf Zuspruch unter Eltern, die vom Versuch erschöpft sind, ihren Kindern alles recht zu machen, und trotzdem nur wenig Respekt und einen geringen Leistungswillen ernten. Die Jura-Professorin postuliert das krasse Gegenmodell zum bisher gängigen Erziehungsstil, der die Kinder ermutigen, ihr Selbstwertgefühl stärken und sie so zum Lernen motivieren möchte. Am Ende bleibt nur die Gewissheit, dass Chuas Thesen nicht die letzten bleiben werden. Denn Erziehung ist, das wissen alle, die sich daran versuchen, ein hartes Brot. Und heißblütige Debatten über den richtigen Weg, wie man Kinder erzieht, sind so alt wie die Menschheit.

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