Marie-Laurence Jungfleisch ist Hochspringerin von Weltklasse, Erzieherin und Sportbotschafterin. Foto: dpa

Sport wird in der Erzieherinnenausbildung an der Hedwig-Dohm-Schule in Stuttgart zum Pflichtfach. An der Schule ist ein Motorikzentrum eröffnet worden, das auch berufstätige Erzieherinnen im Thema fortbildet.

Stuttgart - Sport, Bewegung und Motorik gelten als Garant für eine gesunde frühkindliche Entwicklung. An vielen Stellen fehlt es jedoch an einer professionellen Ausbildung der Erzieherinnen. Die Hedwig-Dohm-Schule in Stuttgarts Norden hat am ­Mittwoch ein Motorikzentrum eröffnet, mit dem das Thema zum Pflichtfach für Erzieherinnen in der praxisintegrierten Ausbildung (PIA) wird.

Könnte es eine bessere Botschafterin geben als Marie-Laurence Jungfleisch? Die Hochspringerin ist 26 Jahre jung und kann sich bereits viele Siege auf die Fahnen schreiben. Diese Woche wurde sie als Eliteschülerin der Cotta-Schule (Eliteschule des Sports) ausgezeichnet, sie ist zweite der aktuellen Weltjahresbestenliste im Hochsprung, hat zwölf Mal den deutschen Meistertitel gewonnen und bei den Olympischen Spielen in Brasilien Platz 7 errungen, sie lebt und trainiert in Stuttgart und: sie ist Erzieherin. Also gewann Schulleiter Dieter Göggel die Spitzenathletin für eine Patenschaft.

Bewegung in den Mittelpunkt stellen

„Ohne Bewegung gibt es kein Körpergefühl“, sagt Marie-Laurence Jungfleisch. Als Erzieherin sei sie ein Mal wöchentlich fürs Turnen zuständig gewesen, „aber es gab ­damals noch kein Konzept“. Die Vorbildfunktion aber sei sehr wichtig, und an der hat es der Hochsprungmeisterin nie gefehlt. Künftig wolle sie „über Facebook oder ­Instagram“ Werbung für das Motorikzentrum machen.

20 Motorikzentren gibt es landesweit, nun kommt eines davon nach Stuttgart. Nicht, weil das Kultusministerium den Ausbau der Zentren beschlossen hätte – „es ist unklar, ob weitere eingerichtet werden sollen“, sagt Hildegard Rothenhäusler, Referatsleiterin im Kultusministerium. Vielmehr hatte Schulleiter Dieter Göggel, ein passionierter Sportler, eine gute Nase und etwas Glück: „Als eine andere Schule wegen Personalmangels abgesprungen ist, sind wir, wie man im Sport sagt, dazwischen gegrätscht.“ Er wolle mehr Fachkkräfte bekommen, die ­Bewegung in den Mittelpunkt stellen und ­inhaltlich weiterentwickeln.

Weiterbildung für Berufstätige

„Immer mehr Kinder in Kitas sind motorisch unterentwickelt, zu dick, verhaltensauffällig“, sagte Hildegard Rothenhäusler. Eine wissenschaftliche Studie gehe sogar davon aus, dass Kinder ohne sinnliche Erfahrungen Zusammenhänge nicht mehr herstellen können und Störungen entwickelten. „Sport zum Fach zu erheben, ist der richtige Weg“, sagt deshalb Edwin Gahai, Leiter des Landesinstituts für Sport (LiS) in Ludwigsburg. Das LiS begleitet die Motorikzentren fachlich und bildet die Lehrkräfte fort.

Die 30 PIA-Schülerinnen der ersten Klasse an der Hedwig-Dohm-Schule können während ihrer Ausbildung die Übungsleiterlizenz Eltern-Kind-Kleinkinder-Turnen erwerben. Berufstätige Erzieherinnen, die Sport an ihrer Kita anbieten wollen, werden am Motorikzentrum weitergebildet.

Außerdem zertifiziert das Zentrum ­Kindertagesstätten mit sport- und bewegungserzieherischem Schwerpunkt. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass an der ­Hedwig-Dohm-Schule beim nächsten Schulfest dem wunderschönen Gesang des Chors der Gymnasiasten, begleitet von ­Musiklehrer Albrecht Lutz, eine sportive Einlage der Erzieherinnen folgt.

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