„Ich habe die Bitte, mit dem Eigentümer in Verbindung zu treten und eine Lösung zu finden“: Erwin Teufel Foto: dpa

In die Diskussion um den Abriss oder Erhalt der Villa des Widerstandskämpfers Eugen Bolz meldet sich eine prominente Stimme zu Wort: Im Interview mit unserer Zeitung spricht sich der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) für den Erhalt der Villa aus. Auf seine Initiative gehen viele Erinnerungsstätten in Baden-Württemberg zurück.

Herr Teufel, 70 Jahre nach der Hinrichtung von Eugen Bolz (1881–1945) durch die Nazis wird wieder über den früheren württembergischen Staatspräsidenten diskutiert. Es geht um Abriss oder Erhalt seines ehemaligen Wohnhauses. Wie ist Ihre Meinung?
Ich würde es außerordentlich begrüßen, wenn das Wohnhaus der Familie Bolz erhalten bliebe und wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass dort eine Gedenkstätte für Eugen Bolz eingerichtet wird.
Mit welcher Begründung?
Ich halte Eugen Bolz für eine der großen ­Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Er hat einen eindrucksvollen Werdegang: Im Alter von 30 Jahren ist er 1910 als Abgeordneter des Wahlkreises Aalen in den deutschen Reichstag gewählt worden und war fast zehn Jahre Reichstagsabgeordneter – noch im Kaiserreich. Fast gleichzeitig wurde er in die württembergische zweite Kammer gewählt. Er hat also in Württemberg und im Deutschen Reich Verantwortung getragen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehörte er zu denjenigen, die in Weimar eine neue Verfassung erarbeitet haben – ein Glanzstück demokratischer Entwicklung. Er wurde in den ersten deutschen demokratischen Reichstag gewählt und gehörte diesem bis zur Zwangsauflösung durch die Nazis 1933 an. Parallel war er Mitglied des württembergischen Landtags. Er wurde Fraktionsvorsitzender des Zentrums, Justizminister und Innenminister und schließlich württembergischer Staatspräsident. Wenige Persönlichkeiten haben sich um die Demokratie und den Rechtsstaat solche Verdienste erworben wie Eugen Bolz.
Was hat Eugen Bolz den Menschen heute noch zu sagen?
Er ist ein Vorbild für die junge Generation und für jeden, der politisch tätig ist oder werden will. So hab’ ich das immer schon gesehen. Als junger Bürgermeister der Stadt Spaichingen habe ich bereits vor 45 Jahren dem Gemeinderat vorgeschlagen, eine Straße nach ihm zu benennen. Seitdem haben wir bei uns eine Eugen-Bolz-Straße. Vor fünf Jahren hat mir die Eugen-Bolz-Gesellschaft in Rottenburg den Bolz-Preis verliehen. Ich habe also einen inneren Bezug zu diesem Mann, aber das ist nicht der entscheidende Grund, warum ich für eine Gedenkstätte bin. Entscheidend sind seine objektive Leistung, seine aufrechte Haltung, sein Charakter, sein Kämpfen für den Rechtsstaat und für die Republik und seine aufrechte Haltung, mit der er auf das Schafott gegangen ist. Bolz ist der ranghöchste Repräsentant der Weimarer Republik, der von den Nazis umgebracht wurde. Wir sollten die Erinnerung an ihn wachhalten.
Erinnerungskultur spielt bei Ihnen eine große Rolle.
Ja, und ich meine, die Tatverkündigung ist heute wichtiger als die Wortverkündigung. Das heißt, dass man den Menschen anschauliche Beispiele vor Augen führen sollte.
Diesem Grundsatz folgen auch die Gedenkstätten, die Sie in Ihrer Regierungszeit (1991–2005) initiiert haben.
In der Tat, so habe ich immer versucht zu handeln. In meiner Amtszeit haben wir in Buttenhausen das Wohnhaus von Matthias Erzberger (1875–1921), einem anderen großen Demokraten, gekauft und dort eine Gedenkstätte eingerichtet; er wurde von Rechtsterroristen ermordet. In Königsbronn haben wir zusammen mit der Gemeinde eine Gedenkstätte für Georg Elser (1903–1945) geschaffen, der sein Leben im Kampf gegen den Nationalsozialismus eingesetzt hat. Für die Brüder Claus (1907–1944) und Berthold Schenk Graf von Stauffenberg (1905–1944) haben wir im Alten Schloss eine Gedenkstätte eingerichtet. Nicht zu vergessen Grafen­eck: Bevor Juden und Sinti und Roma vergast wurden, sind Mitbürger aus allen psychiatrischen Landeskrankenhäusern im heutigen Baden-Württemberg dort hingebracht und ermordet worden – zehntausend Menschen. Auch dort ist eine Gedenkstätte entstanden. Ich argumentiere also nicht nur auf Eugen Bolz bezogen, sondern sage mit dem Historiker Golo Mann: Wer nicht um seine Herkunft weiß, hat auch keine Zukunft.
Was erhoffen Sie sich davon?
Ich halte es für besonders wichtig, dass wir nach den schrecklichen Wunden, die das nationalsozialistische Deutschland geschlagen hat, sagen und nachweisen: Es gibt auch ein anderes Deutschland. Und dass wir das gegenüber dem Inland und Ausland betonen. Und dass wir der jungen Generation Mut machen und ihr Orientierung an Persönlichkeiten geben.
Sie haben auch das Bolz-Mahnmal von Alfred Hrdlicka am Königsbau initiiert. Dennoch hat man den Eindruck, dass Bolz in der Öffentlichen lange keine große Rolle spielte. Wurde er vergessen?
Immerhin hat die Stadt Stuttgart vor Jahren eine Eugen-Bolz-Straße in zentraler Lage benannt – das war sehr respektabel. Dort steht auch das Bolz-Mahnmal, und viele Leute heben den Kopf, wenn sie daran ­vorbeigehen. Deswegen ist all das, was ich gesagt habe, kein Vorwurf gegenüber irgendjemandem, sondern die Bitte, das Ganze durch eine Gedenkstätte abzurunden – so wie wir erfreulicherweise in Heidelberg eine Gedenkstätte für den ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, haben und in Stuttgart einen Erinnerungsort für den ersten deutschen Bundespräsidenten, Theodor Heuss.
Gab es zu Ihrer Regierungszeit Überlegungen, auf die Enkel zuzugehen, um in dem Gebäude eine solche Gedenkstätte einzurichten?
Nein, die Tochter von Eugen Bolz, Mechthild Rupf-Bolz, hat das Haus bewohnt (bis zu ihrem Tod 2011, d. Red.). Sie war auch nicht etwa schwer krank und hat einen ans Krankenbett gebeten. In diesem Fall wäre man vielleicht auf einen solchen Gedanken gekommen. Ich hätte mich geniert, sie anzusprechen. Sie war gesund und hat das Erbe ihres Vaters wachgehalten.
Waren Sie selbst auch mal in der Bolz-Villa?
Ich erinnere mich nicht daran.
Zwei Einwände: Das Haus befindet sich heute im Besitz eines Wohnungsbauunternehmens, das dort Eigentumswohnungen errichten will. Denkmalschützer halten die Villa außerdem für kein schützenswertes Kulturdenkmal.
Ich übe an dem jetzigen Eigentümer (das Stuttgarter Wohnbau-Studio, d. Red) ­keinerlei Kritik; er hat das Haus rechtmäßig erworben. Ich habe jedoch die Bitte, mit dem Eigentümer in Verbindung zu treten und eine Lösung zu finden. Was den Denkmalschutz betrifft: Keiner von uns schlägt vor, das Haus zu erhalten, weil es ein denkmal­geschütztes Gebäude wäre. Wir wollen dort eine Gedenkstätte errichten, weil es das Wohnhaus von Eugen Bolz war, der sich damit identifiziert hat und dort in guten Tagen als Staatspräsident und in schlechten Tagen als Verfolgter gelebt hat. Dort wurde er im August 1944 auch verhaftet, nachdem in der Folge des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 im Notizbuch des führenden Verschwörers Carl-Friedrich Goerdeler seine Adresse entdeckt worden war.
Das Gebäude wurde in den vergangenen Jahrzehnten baulich stark verändert – ein weiteres, oft geäußertes Argument gegen den Erhalt der Villa.
Solche Einwände gibt es auch anderswo. Nehmen Sie das Haus, in dem Konrad Adenauer regelmäßig Urlaub gemacht und das die Konrad-Adenauer-Stiftung erworben hat (in Cadenabbia, Italien, d. Red.). Auch dieses Gebäude ist verändert worden; das wird man nie verhindern können. Die Villa soll ja auch nicht erhalten werden, weil sie eine bestimmte Form hat, sondern weil es das Haus des Staatspräsidenten und Widerstandskämpfers Eugen Bolz war und weil man dort besser eine Gedenkstätte errichten kann als in einem Anbau im Stuttgarter Haus der Geschichte.
Wie könnte man das Haus denn in Zukunft nutzen?
Es sollte der Allgemeinheit offen stehen. Und es sollten Geschichtslehrer mit Schulklassen dorthin eingeladen werden – so wie das auch in den anderen Gedenkstätten stattfindet.
Was muss geschehen, um die Bolz Villa zu erhalten?
Es braucht dafür den Willen der Führung unseres Landes, also des Ministerpräsidenten, der dann auch eine Finanzierungsmöglichkeit findet, sowie des Oberbürgermeisters von Stuttgart. Vielleicht kann man auch mit dem Bischof von Rottenburg, Gebhard Fürst, ein Wort sprechen, denn dieser hat ­immerhin ein Seligsprechungsverfahren für Eugen Bolz in Rom eingeleitet, das – wie ich höre – übrigens auf gutem Wege sein soll. Die Katholische Kirche könnte sich also ebenfalls beteiligen. Entscheidend kommt es aber auf den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister an. Selbstverständlich brauchen sie dafür auch die Zustimmung der Landesregierung und des Landtags beziehungsweise des Gemeinderats.
Haben Sie Ihre Überlegungen Ministerpräsident Winfried Kretschmann mitgeteilt?
Ja, ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen.
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