Erwin Staudt wird am 25. Februar 2018 70 Jahre alt. In der Bildergalerie werfen wir einen Blick auf sein Leben. Foto: factum/Granville

Ob in Wirtschaftskreisen oder in der Oberklasse des Fußballs: Erwin Staudt hat sich auf allen Ebenen souverän bewegt und doch stets seine Heimat Leonberg im Blick gehabt. Ein Gespräch mit dem einstigen Topmanager und VfB-Präsidenten.

Leonberg - Das Hallo ist groß, als Erwin Staudt zum Geburtstagsinterview das Café am Leonberger Marktplatz (Kreis Böblingen) betritt. Nebenan sitzen die Herren des VfB-Stammtisches, die hier allmorgendlich die aktuelle Lage ihres Lieblingsklubs erörtern. Bei den treuen Fans ist der Lokalmatador und ehemalige Vereinspräsident gern gesehen. Umso mehr, wenn es bei den Roten gerade gut läuft.

Herr Staudt, die Stimmung bei den VfB-Fans scheint wieder besser zu sein. Das war vor kurzer Zeit noch anders.
In den Tagen des Trainerwechsels hatten wir einen regelrechten Shitstorm.
Ein Phänomen der digitalen Hasskultur?
Das gab es schon früher. Immer wenn die Mannschaft ins untere Tabellendrittel rückt, wird alles in Frage gestellt: der Trainerstab, die Vereinsführung, das Team.
Wie sind Sie an den Fußball gekommen?
Ich bin ein echter Eltinger Junge. In meiner Kindheit und Jugend gab es nur zwei Freizeitmöglichkeiten: das Freibad und den TSV. Dort habe ich in allen Jugendmannschaften gespielt. Ich bin mit dem Fußball groß geworden.
Passt das zum Image eines politisch denkenden Managers und Kulturfreund?
Ich fühle mich nicht als Exot. Ich habe im Lauf meines Lebens viele wichtige Menschen kennengelernt, vom Verfassungsrichter bis zum Unternehmer. Sie alle haben montags nur ein Thema: die Spiele vom Wochenende.

Hier entlang: Erwin Staudt wird 70

Woran liegt das?
Fußball ist ein mögliches Modell für die Gesellschaft: für Kooperation, das Verfolgen von Zielen, Respekt und Toleranz.
Die andere Seite der Medaille besteht aus randalierenden Hooligans und Krawallos
Diese Extreme habe ich natürlich auch kennengelernt. Es gibt Menschen, denen ist der Verein wichtiger als alles andere. Das stimmt nachdenklich.
Wir war Ihr persönlicher Sprung vom kleinen TSV zum großen VfB?
Das war kein Sprung, sondern eine Parallelentwicklung. Der TSV war Alltag. Am Wochenende hatte mich mein älterer Bruder zu den Bundesligaspielen mitgenommen.
2003 wurden Sie Präsident. Wie kam das?
Ich war damals 55 Jahre alt, und meine Gedanken hatten sich eher um die Toskana gedreht. Da rief mich der VfB-Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt an und fragte mich, ob ich Lust auf etwas anderes hätte. Die hatte ich.
Hatten Sie im Verein ein Vorleben, das Sie für dieses Amt prädestiniert hätte?
Nicht unbedingt. Ich hatte Kontakt zu verschiedenen VfB-Leuten und fühlte mich dem Klub emotional verbunden.
Die Zeiten waren unruhig.
Es gab 2001 eine Schräglage, die Mannschaft stand vor dem Abstieg. Hinzu kam die Pleite der Kirch-Gruppe, dem größten Geldgeber. Im VfB-Haushalt klaffte ein Zehn-Millionen-Loch. Die Finanzkrise hatte der damalige Präsident Manfred Haas erfolgreich bekämpft. Mit dem Trainer Felix Magath kam der sportliche Erfolg zurück. Wir waren in der Champions-League. Davon hatte ich bei der Amtsübernahme 2003 profitiert.
Was war Ihre Aufgabe?
Dem Verein eine Vision zu geben und möglichst viele dahinter zu vereinen. Und es ging darum, aus glühenden Verehrern zahlende Mitglieder zu machen.
Waren Sie erfolgreich?
An meinem Anfang hatten wir 7000 Mitglieder, als ich aufgehört hatte 47.000. Jetzt sind es mehr als 60.000.
Ist diese Faszination für Fußball erklärbar?
Im Sport allgemein, aber besonders im Fußball, zeigt sich immer wieder: Nichts ist unmöglich. Der VfB hat auch die scheinbaren unschlagbaren Bayern bezwungen. Die Menschen gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht.
Ein zweites großes Standbein von Ihnen war die Kommunalpolitik. Sie waren von 1975 bis 1987 im Leonberger Gemeinderat.
Mich fasziniert alles, wo Menschen gemeinsame Interessen entwickeln: Sport, Musik und eben Politik. Ich war schon sehr früh für die Gemeinschaft aktiv, etwa als Sprecher aller meiner Klassen im ASG oder in der dortigen Schülermitverwaltung.
Wie kamen Sie zur SPD?
Ein Freund meines Vaters hatte mich mal auf eine Juso-Versammlung geschickt. Dann hatte ich, ohne Mitglied zu sein, als Kreisrat kandidiert und kam im Alter von 22 Jahren in den Kreistag. Erst später bin ich in die Partei eingetreten.
Sie waren damals noch sehr jung. Hatten und brauchten Sie Vorbilder?
Der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Grob war ein echtes Vorbild. Stark geprägt bin ich auch durch den früheren Oberbürgermeister Dieter Ortlieb, der ein Meister war, Vision und Integration miteinander zu verbinden.
Sie waren in der Politik sehr erfolgreich, wurden bei Kommunalwahlen zweimal Stimmenkönig. Warum haben Sie aufgehört?
1986 wurde ich bei IBM nach Berlin versetzt. Ich musste mich zuvor entscheiden: Verfolge ich meine Karriere in der Wirtschaft oder jene in der Politik weiter?
Sie haben die Wirtschaft bevorzugt.
Als Berufspolitiker ist man nur auf Zeit gewählt. Plötzlich kann alles vorbei sein. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man eine Familie mit drei Kindern hat.
Ihrer Heimatstadt sind Sie treu geblieben?
Wir sind nur von 1987 bis 1990 nach Berlin gezogen. Sonst war ich immer in Leonberg.
Sie spielen neben all dem auch noch Trompete. Was hat es damit auf sich?
Das habe ich bei der Lyra gelernt. Das war damals ein Modeinstrument, die Musik war sehr trompetenorientiert. Bei der Lyra war ich bis zum Abi im Orchester.
Dann gab es noch die Marble Oak Jazzband.
Bei IBM hatte ich einige Jazzfans getroffen, und wir hatten eine Dixiband gegründet. Das waren gute Zeiten. Wir haben 25 Jahre regelmäßig auf dem Marktplatzfest gespielt oder bei SWR-Veranstaltungen.
Haben Sport und Musik Gemeinsamkeiten?
Aber ja. Ein Orchester funktioniert wie eine Fußballmanschaft. Es geht nur gemeinsam. Das ist übrigens in der Wirtschaft genauso. Um Erfolg zu haben, muss man den Teamgeist anfachen. Es geht um Empathie, Kritikfähigkeit, Selbstmotivation. Das ist Aufgabe der Führungskräfte.
Fast könnte man meinen, Sie möchten selbst noch einmal aktiv eingreifen.
Nein. Mir macht mein jetziges Leben sehr viel Freude: Wir haben drei erwachsene Kinder und vier tolle Enkelkinder. Außerdem habe ich einige Ehrenämter, die mich geistig fordern. Und ich halte mich körperlich fit, gehe joggen oder auf den Golfplatz.
Kein Kribbeln?
Gar nicht. Ich hatte es früher sehr geschätzt, dass meine Vorgänger mir bei meinen Aufgaben nicht hereingeredet haben. So handhabe ich es heute auch.
Also lieber Toskana-Fraktion statt Büro.
In den Siebzigern wurde das Leben in der Toskana, einer schönen Gegend mit gutem Essen und Wein, sehr beliebt. Das hat auch meine Familie geprägt. Wir sind gerne in Italien. Aber wir sind auch gerne hier.
Wie hat sich Leonberg entwickelt?
Gut: nicht hektisch, sondern organisch. Es gibt allerdings Infrastrukturprobleme, die selbst mit guten Ideen nicht lösbar sind. Dazu gehören die Staus in der Grabenstraße. Der Verkehr ist die größte Herausforderung der Stadt, alles andere ist machbar.
Herr Staudt, im Rückblick: Ist unter dem Strich alles gut gelaufen?
Ich denke schon. Manchmal ist das Schicksal ein großer Meister.
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