Zu Gast in Stuttgart: die japanische Architektin und Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima Foto: Aiko Suzuki

Erstmals findet in Stuttgart der „Architekturnovember“ statt – vier Wochen lang stehen in Stadt und Region Vorträge, Diskussionen, Ausstellungen und Baustellenführungen auf dem Programm.

Stuttgart - Hamburg und Frankfurt haben schon lange ihren Architektursommer, München seine Architekturwoche. Stuttgart, immerhin mit Architekturstudiengängen an drei Hochschulen und der größten Architektendichte pro Quadratmeter in einer deutschen Großstadt gesegnet, hatte bisher nichts dergleichen. Doch das soll sich nun grundlegend ändern. Erstmals lädt der Bund Deutscher Architekten (BDA) in diesem Jahr zum „Architekturnovember“ ein: einem randvoll gepackten Programm von Vorträgen, Werkberichten, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen sowie Bau- und Baustellenbesichtigungen, das sich über den ganzen Monat erstreckt und am 7. November mit einer Party beginnt. Künftig soll der Spätherbst hier zur „Marke“ werden, wenn es nach dem BDA-Landesvorsitzenden Alexander Vohl geht. Mit anderen Worten: die Institutionalisierung des Architekturnovembers in Stuttgart und Region ist fest geplant. „Spätestens in zwei Jahren, wenn sich der Name etabliert hat, sollen sich die Leute schon drauf freuen“, wünscht sich Vohl.

Nun ist es nicht so, dass bisher in Sachen Architektur der Notstand am Neckar regierte. Vieles von dem, was fortan unter dem von Designstudenten der Kunstakademie gestalteten Logo „AN:“ versammelt wird, fand auch schon zuvor statt, so zum Beispiel die Vortragsreihen der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft in Tübingen oder die Novemberreihe an der Stuttgarter Universität. Doch jeder kochte sein eigenes Süppchen, ohne dass das von vielen verschiedenen Köchen in verschiedenen Küchen zubereitete Menü in seiner Reichhaltigkeit sichtbar wurde. Durch die neue Dachmarke kommt die Fülle des Gebotenen erst richtig zur Geltung, und es wird deutlich, wie viel in der Stadt baukulturell stattfindet.

Weibliche Erfolge im Fokus

Zu den prominenten Namen, mit denen der Architekturnovember 2016 aufwarten kann, gehören die japanische Architektin und Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima, Luigi Snozzi, der mit seinen Tessiner Bauten das regionale Bauen revolutionierte und bis heute starken Einfluss auf den Architektennachwuchs in der Schweiz ausübt, und der Franzose Alexandre Theriot, ein Pariser Architekt der jüngeren Generation, der mit seiner Partnerin Stéphanie Bru das Büro Bruther gegründet und schon einige bemerkenswerte Bauten realisiert hat, darunter ein Forschungszentrum in Caen und ein Kulturzentrum in Paris. Die Tübinger widmen ihre traditionelle Vortragsreihe diesmal den Architektinnen: „Women in Architecture“ stellt in einem wahrhaft internationalen Reigen die Arbeit und die Erfolge von Frauen in diesem „nach wie vor von Männern dominierten Berufsfeld“ vor. Am 8. November kommt die Inderin Sheila Sri Prakash in den Kupferbau der Universität, gefolgt von der Mexikanerin Rozana Montiel am 17. November, den Abschluss machen (im Januar und Februar) die Amerikanerin Annabelle Selldorf aus New York und Helena Weber aus Vorarlberg .

Auf besondere Resonanz dürfte bei Stuttgarter Ballett- und Architekturinteressierten am 24. November die Besichtigung der im Bau befindlichen John-Cranko-Schule stoßen. Die Architekten Stefan Burger und Birgit Rudacs aus München übernehmen aber nicht nur die Baustellenführung, sondern stellen ihre Arbeit danach auch in einem Vortrag an der Hochschule für Technik vor. Zu einer Führung durch das modernisierte Landtagsgebäude mit dem Projektleiter Thomas Schmidt vom Berliner Büro Staab Architekten lädt der BDA dann am 2. Dezember ein – Gelegenheit, diesen Klassiker der Nachkriegsmoderne aus anderer Perspektive und mal nicht nur von der Besuchertribüne aus in den Blick zu nehmen.

Was das Bild der Stadt prägt

Bereits an diesem Mittwoch wird die Ausstellung „Local Heroes“ in der Architekturgalerie am Weißenhof eröffnet, die den Blick auf „Das Bild unserer Stadt“ und ihre prägenden Bauwerke und Architekten richtet. Das Diskussions- und Erregungspotenzial der Schau kann schon vorab als hoch bewertet werden, da über einigen dieser Bauten, die das Bild unserer Stadt prägen, bekanntlich die Abrissbirne schwebt – über die ehemalige Zentrale der Energieversorgung Schwaben (EVS) von Kammerer und Belz in der Kriegsbergstraße etwa soll das Todesurteil schon gesprochen sein. Aus dem Stadtbild würde damit nicht nur ein bemerkenswerter Bau der siebziger Jahre, sondern auch ein Werk von zwei für die Stuttgarter Baugeschichte der Nachkriegszeit bedeutenden Namen verschwinden: Hans Kammerer und Walter Belz. Auch die Tage ihres (in Zusammenarbeit mit Rolf Gutbier geplanten) Daimler-Hochhauses in Untertürkheim sind gezählt.

Es ist daher kein Zufall, dass der Architekturnovember in einem Gebäude von Kammerer und Belz startet. Der BDA möchte damit auch eine Lanze für die ungeliebte Architektur der Sechziger und Siebziger brechen: Die Party am „ANfang“ findet in der soeben an einen Schweizer Investor verkauften Commerzbank neben der Stiftskirche statt, einem Bau der Architekten aus den siebziger Jahren. Auf einem beengten Grundstück, eigentlich einem Hinterhof, brachten die Planer damals den Erweiterungsbau der Bank mit Büros, Casino und Ladenlokalen unter, der mit Spiegeleffekten der dunkelbraunen Alufassade und reflektierendem Fensterglas geschickt Weite simuliert, wo keine ist – und der vor allem der historischen Nachbarschaft von gotischem Kirchenschiff und Stiftsfruchtkasten mit vielfältigen Spiegelungen Reverenz erweist. Die Kritik lobte das Haus seinerzeit als herausragendes Beispiel für den spannungsreichen Dialog von alter und neuer Architektur. Seit einigen Jahren steht das vielfach ausgezeichnete, denkmalgeschützte Gebäude jedoch leer und ist in eine Art Dornröschenschlaf gefallen. Drum auf zum Architekturnovember! Es gibt viel zu entdecken und erwecken.

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